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Corona: Pandemie-Stress geht aufs Herz

Mediziner berichten über mehr Fälle des stressbedingten "Broken-Heart"-Syndroms

Herz
Während der Corona-Pandemie leiden mehr Menschen unter den "Broken-Heart"-Syndrom. © drmicrobe/ iStock

Nichtvirale Nebenwirkung: Der Stress der Corona-Pandemie hat vielen Menschen buchstäblich das Herz gebrochen. Denn das „Broken-Heart“-Syndrom kommt mancherorts jetzt fünfmal häufiger vor als zuvor, wie eine Studie belegt. Das stressbedingte Herzleiden ruft ähnliche Symptome wie ein Herzinfarkt hervor, geht aber auf andere Veränderungen am Herzen zurück. Die Zunahme dieser Stress-Kardiomyopathie unterstreicht die psychischen Belastungen, die die Pandemie mit sich bringt.

Wenn Menschen extremen Stress oder emotionale Krisen erleben, leidet nicht nur die Psyche. Diese Erfahrungen wirken sich auch direkt auf den Körper aus – und können sogar das Herz schwer in Mitleidenschaft ziehen, wie Mediziner in den 1990er Jahren entdeckten. Auf den ersten Blick leiden die Betroffenen des Broken-Heart-Syndroms an einem typischen Herzinfarkt: Sie haben Schmerzen in der Brust, Luftnot und erleiden einen Kreislaufkollaps. Auch das EKG zeigt Auffälligkeiten.

Anders als bei einem Herzinfarkt sind an dieser Stress-Kardiomyopathie aber keine verstopften Herzkranzgefäße schuld. Stattdessen ist das Herz vor allem im Bereich der linken Herzkammer auffällig verformt und schlägt nicht mehr richtig. Das Pumporgan scheint unter einer Art Krampf zu leiden. Warum und wie Stress bei manchen Menschen dieses Syndrom auslöst, ist bislang unbekannt.

„Stress auf vielen Ebenen“

Angesichts der hohen Stressbelastung vieler Menschen durch die Corona-Krise haben nun Forscher um Ahmad Jabri von der Cleveland Clinic in Ohio untersucht, ob dies auch die Häufigkeit des Broken-Heart-Syndroms beeinflusst hat. „Die Covid-19-Pandemie hat Stress auf vielen Ebene ausgelöst: Menschen haben Angst, dass sie und ihre Familien krank werden, sie müssen mit ökonomischen und emotionalen Problemen kämpfen und mit Einsamkeit und Isolation“, erklärt Abris Kollege Ankur Kalra.

Für ihre Studie werteten sie die Fallakten von 258 Patienten aus, die zwischen dem 1. März und 30. April 2020 wegen akuter Herzbeschwerden in zwei Krankenhäuser in Ohio eingewiesen wurden. Keiner dieser Patienten litt unter Covid-19, wie PCR-Tests bestätigten. Den Anteil der Broken-Heart-Fälle unter diesen Patienten verglichen sie mit dem von vier Patientengruppen, die in den Frühjahren der Vorjahre mit den gleichen Symptomen behandelt wurden.

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Fünfmal mehr „gebrochene Herzen“

Das Ergebnis: Unter normalen Bedingungen lag der Anteil der Broken-Heart-Fälle bei 1,5 bis 1,8 Prozent. Doch während der Corona-Pandemie litten 7,8 Prozent der Herzpatienten unter einer Stress-Kardiomyopathie – das sind 4,5 Mal mehr. Zudem mussten die in diesem Jahr Betroffenen im Schnitt länger im Krankenhaus behandelt werden, bis ihr Herz sich wieder regeneriert hatte. Mehr Todesfälle gab es dadurch jedoch nicht, wie die Forscher erklären.

Diese Ergebnisse zeigen, dass nicht nur das Coronavirus selbst körperliche Schäden verursachen kann. Denn von SARS-CoV-2 ist schon bekannt, dass es das Herz und auch das Blut und die Gefäße direkt angreifen kann. Auch Gehirn und Nerven werden durch die Infektion oft in Mitleidenschaft gezogen. Aber die Stress-Kardiomyopathie demonstriert, dass auch die Menschen, die nicht selbst infiziert sind, im Zuge der Pandemie krank werden können.

„Auf sich achtgeben“

„Die vermehrten Diagnosen der Stress-Kardiomyopathie belegen einmal mehr, dass Stress auch physische Wirkung auf unseren Körper und unser Herz haben kann“, sagt Kalra. Die erhöhte Stressbelastung führt unter anderem dazu, dass unser Körper vermehrt das Stresshormon Cortisol, aber auch Adrenalin und Noradrenalin ausschüttet. Mediziner vermuten, dass vor allem letztere für die krampfartigen Veränderungen des Herzmuskels beim Broken-Heart-Syndrom verantwortlich sind.

„In diesen Pandemiezeiten ist es besonders wichtig, auf sich zu achten – auch und gerade für unser Herz“, sagt Abris Kollege Grant Reed. Wer unter starken Ängsten oder Stressgefühlen leide, solle sich nicht scheuen, sich einem Arzt anzuvertrauen. „Auch Bewegung, Meditation und der Kontakt mit Familie und Freunden – mit entsprechendem Abstand – kann dazu beitragen, die Sorgen und Ängste zu mildern“, so der Mediziner. (JAMA Network Open, 2020; doi: 10.1001/jamanetworkopen.2020.14780)

Quelle: Cleveland Clinic

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