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Blutgruppe beeinflusst Darmflora

Antigene des AB0-Systems fördern das Wachstum bestimmter Bakterien im Darm

Darmflora
Welche Bakterien sich in unserem Darm tummeln, hängt auch von unserer Blutgruppe ab. © Marcin Klapczynski/ iStock

„Blutiger“ Nebeneffekt: Die Zusammensetzung unserer Darmflora wird auch von unserer Blutgruppe beeinflusst, wie eine Genomstudie enthüllt. Demnach haben Menschen mit den Blutgruppen A, B oder AB unter anderem vermehrt Mikroben der Bacteroides-Gruppe im Verdauungstrakt – sie gelten als mögliche Mitverursacher entzündlicher Darmerkrankungen. Weil die zuckerhaltigen Blutgruppen-Antigene auch auf Darmzellen sitzen können, bieten sie diesen Mikroben Futter.

Unsere Blutgruppe wird unter anderem durch die Gene des cs bestimmt: Sie regulieren, welche Glykoproteine unsere Roten Blutkörperchen auf ihrer Oberfläche tragen – A, B oder AB. Fehlen diese zuckerhaltigen Proteine dagegen ganz, hat ein Mensch die Blutgruppe Null. Schon länger deutet sich jedoch an, dass dieses AB0-System nicht nur für Bluttransfusionen von Bedeutung ist: Die Blutgruppe beeinflusst auch das Risiko für Gefäßerkrankungen und Herzinfarkt und kann die Anfälligkeit gegenüber Durchfallerregern und sogar dem Coronavirus SARS-CoV-2 erhöhen.

Auffällige Korrelationen

Jetzt zeigt sich, dass auch die Darmflora von unserer Blutgruppe beeinflusst wird. Herausgefunden haben dies Malte Rühlemann von der Universität Kiel und seine Kollegen bei einer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) mit 8.956 Teilnehmern aus fünf Orten in Deutschland. Bei diesen haben sie durch Erbgutvergleiche untersucht, ob es genetische Einflussfaktoren auf die Zusammensetzung des Darmmikrobioms gibt.

Bacteroides sp.
Bakterien der Gattung Bacteroides gehören zu den normalen Darmkeimen, können aber auch Entzündungen verursachen. © CDC

Tatsächlich wurden sie fündig: Die Forscher stießen auf 38 Genorte, an denen es auffällige Korrelationen gab. Bestimmte Genvarianten in diesen Abschnitten waren besonders häufig mit dem Vorkommen spezifischer Bakteriengruppen im Darm der Träger verknüpft. „Die interessanteste Beobachtung haben wir im Zusammenhang der genetischen Faktoren gemacht, die für die Ausprägung der Blutgruppe beim Menschen verantwortlich sind“, berichtet Rühlemann.

AB0-System beeinflusst Bakterien-Gemeinschaft

Konkret zeigte sich, dass Menschen mit den Blutgruppen A, B und AB vermehrt Mikroben aus acht Verwandtschaftsgruppen im Verdauungstrakt aufweisen. Vor allem Darmkeime aus der Bacteroides-Gruppe waren bei diesen Personen häufig und in großer Zahl vertreten, wie die Wissenschaftler berichten. Bei Menschen mit Blutgruppe Null kamen diese Bakterienarten dagegen seltener und in geringerer Zahl vor.

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Eine mögliche Erklärung dafür: „Bei einigen Menschen, den sogenannten ‚Sekretoren‘, werden diese Blutgruppen-Antigene nicht nur auf der Oberfläche von roten Blutkörperchen gebildet, sondern auch in den Darm abgegeben“, sagt Rühlemann. „Dies sind vor allem Zuckerreste, die von einigen Bakterien der Bacteroides-Gruppe vermutlich als Energiequelle genutzt werden können, so dass diese vermehrt vorkommen.“

Die Präsenz der Blutgruppen-Glykoproteine im Darm kann demnach das Wachstum bestimmter Bakterien begünstigen.

Ansatz für neue Therapien

Nach Ansicht der Wissenschaftler unterstreichen ihre Ergebnisse damit, dass das menschliche Mikrobiom nicht nur von der Ernährung und anderen Umweltfaktoren beeinflusst wird – auch unsere genetische Ausstattung spielt dafür eine wichtige Rolle. Sie sehen den Menschen, seine Genetik und seine mikrobiellen Mitbewohner daher als eine Art „Metaorganismus“.

Die neuen Erkenntnisse sind aber auch von konkreter Bedeutung für die Medizin. Denn sie könnten dabei helfen, die Mechanismen hinter entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder auch die Anfälligkeit gegenüber bestimmten Durchfallerregern besser zu verstehen. „Unsere Analysen werden Klinikern wertvolle Hinweise liefern, an welchen Stellen sie am besten in das Mikrobiom eingreifen können, um künftig auf einer gestörten Bakterienbesiedlung beruhende Krankheiten gezielt zu behandeln“, sagt Rühlemanns Kollege Andre Franke. (Nature Genetics, 2021; doi: 10.1038/s41588-020-00747-1)

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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