Forscherlegen Studie zu Klimaschutz und Energieversorgung vor Klima: Physiker setzen auf Kernenergie und Solarthermie - scinexx | Das Wissensmagazin
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Forscherlegen Studie zu Klimaschutz und Energieversorgung vor

Klima: Physiker setzen auf Kernenergie und Solarthermie

Deutschland droht seine Klimaschutzziele zu verfehlen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), die gestern in Berlin vorgestellt wurde. Die Physiker fordern deshalb längere Laufzeiten der Kernenergie in Deutschland und den Ausbau solarthermischer Kraftwerke in sonnenreichen Ländern. Beides sei wichtig, um den Ausstoß an Treibhausgasen zu verringern.

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„Im Klimaschutzes ist hierzulande schon viel geschehen, aber mit Blick auf die Zeit nach dem Kyoto-Protokoll muss noch sehr viel mehr geschehen“, forderte Walter Blum, Leiter des Arbeitskreises Energie der DPG. Deutschland sei aufgrund seiner Wirtschaftskraft und seiner technischen Ressourcen in der Lage, beim Klimaschutz eine führende Rolle zu spielen, meinte der Energie-Experte.

Wegen des geringen Anteils unseres Landes an den weltweiten Treibhausgas-Emissionen lege der Sinn deutscher Klimapolitik jedoch vorwiegend darin, durch eigene Maßnahmen andere Staaten zum gemeinsamen Handeln zu überzeugen. „Klimaschutz ist eine weltweite Aufgabe“, betonte Blum. „Es geht allerdings um die Signalwirkung und hier kann Deutschland durchaus Zeichen setzen. Insofern ist es wichtig, dass wir unsere eigenen Klimaschutzziele erreichen.“

Die DPG untersuchte deshalb jene Energiequellen, die das größte Sparpotential in Sachen Treibhausgas-Emission bieten: fossile Kraftwerke hoher Effizienz und solche mit Kohlendioxid-Abscheidung, erneuerbare Energien (Photovoltaik, Windkraft, Biomasse und alternative Treibstoffe), Kernenergie und Solarthermie. „Im Blick hatten wir den Zeithorizont bis 2020“, erläuterte Blum. „Insofern haben wir die Kernfusion nicht einbezogen. Diese Technologie ist viel versprechend, doch bislang noch im Entwicklungsstadium.“

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Längere Laufzeiten der Kernkraftwerke

Gemäß dem von der rot-grünen Koalition beschlossenen „Atomausstieg“ werden die deutschen Kernkraftwerke in den nächsten Jahren nach und nach vom Netz gehen, wobei das letzte Kraftwerk seinen Betrieb um das Jahr 202o einstellen soll. Die DPG kommt zu dem Schluss, dass sich unter diesen Bedingungen der Ausstoß an Treibhausgasen bis 2020 nur um 26 Prozent senken lässt. „Das wäre eine sehr mageres Resultat für 30 Jahre Klimapolitik“, meinte Blum. „Die Kernenergie kann vorerst nur teilweise durch andere Energiequellen ohne CO2-Ausstoß ersetzt werden. Hier müssten fossile Kraftwerke in die Bresche springen“, erläutert er.

„Selbst wenn man die erneuerbaren Energien maximal ausbaut und weitere Möglichkeit zum CO2-Sparen berücksichtigt“, so Blum, „unterm Strich bedeutet das Abschalten der Kernkraftwerke, dass pro Jahr etwa 112 Millionen Tonnen an zusätzlichen Treibhausgasen in die Atmosphäre entweichen würden. Damit hätten wir im Jahre 2020 einen Gesamtausstoß von mehr als 920 Millionen Tonnen.“

Die DPG plädiere deshalb für längere Laufzeiten der Kernkraftwerke. „Aus physikalischer Sicht gibt es keinen Grund, an dem Fahrplan des beschlossenen Ausstiegs festzuhalten“, betonte Blum. So sei insbesondere die deutsche Sicherheitstechnik international führend. „Mit Kernkraft wäre eine Reduktion der Emissionen um immerhin 35 Prozent möglich“, meinte der Energie-Experte. „Dies käme dem wichtigen Ziel von „minus 40 Prozent“ deutlich näher.“

Vorrang für Solarthermische Kraftwerke

Blum hob hervor, dass vor dem Jahr 2020 fossile Kraftwerke mit Kohlendioxid-Abscheidung kaum zu einer Verringerung der Emissionen beitragen könnten. Zunächst müssten solche Kraftwerke in größerem Umfang gebaut werden. Ähnliches gelte für die Solarthermie. „Es ist eine erprobte Technologie mit langfristigem Potential. Deutsche Institute sind an der Forschung auf diesem Gebiet stark beteiligt“, sagte der Energie-Experte und verweist auf Pilotanlagen in Südspanien.

„Es geht um die langfristige Versorgung mit klimafreundlichen Energiequellen. Deshalb sollten wir deutsche Kraftwerksbetreiber ermutigen, hier zu investieren.“ Neben Südeuropa gilt Nordafrika als idealer Standort. Zunächst ginge es um die lokale Stromversorgung der Standortländer. Doch Deutschland würde bereits davon profitieren, so Blum: „Im Rahmen des Kyoto-Protokolls lassen sich so genannte Emissionsrechte erwerben, die wir nutzbringend mit unserem eigenen CO2-Austoß verrechnen könnten.“

Nächster Schritt sei der Bau von Hochspannungstrassen beziehungsweise Seekabeln, um den Solarstrom bis nach Mitteleuropa zu leiten. „Natürlich gibt es das nicht zum Nulltarif und bedarf großer Anstrengungen“, räumte der Physiker ein. „Nur im Falle eines schnellen Starts würden die ersten Stromimporte noch vor 2020 in Deutschland eintreffen. Die Weichen dafür müssen allerdings jetzt gestellt werden.“

„Damit lassen sich erhebliche Mengen an Treibhausgasen einsparen“, sagte Blum. „Diese Technik ist einsatzreif. Deshalb sollten wir die Markteinführung vorantreiben.“ Durch Errichtung derartiger Kraftwerke würde sich Deutschland Emissionsrechte sichern und neue Energiequellen erschließen. Als Standorte kämen Südeuropa und Nordafrika in Betracht. „Importstrom aus Solarthermie könnte um 2020 nach Mitteleuropa fließen“, so Blum.

Einsparungen dank Wiedervereinigung

Große Mengen an Treibhausgasen wurden hierzulande infolge der Wiedervereinigung und des Zusammenbruchs der DDR-Industrie eingespart. Blendet man diese außergewöhnlichen Einflüsse aus und verfolgt die stetige Entwicklung seit 1992, dann zeigt die Studie der DPG, dass der Ausstoß des wichtigsten Treibhausgases – Kohlendioxid – im Durchschnitt nur um rund 0,6 Prozent pro Jahr abgenommen hat.

„Angesichts der großen Anstrengungen von Staat und Industrie ist dies ein enttäuschendes Ergebnis“, meinte Blum. Das 1995 beschlossene nationale Ziel der Bundesregierung von „minus 25 Prozent Kohlendioxid bis 2005“ sei deutlich verfehlt worden, sagt er. Der tatsächliche Rückgang – bezogen auf 1990 – beschränke sich auf etwa 15 Prozent, trotz umfangreicher Förderung regenerativer Energiequellen.

„Zeit und Aufwand, die für eine Senkung nötig sind, wurden unterschätzt“, so Blum. Indessen sei Deutschland auf gutem Weg, das weniger ehrgeizige Ziel des Kyoto-Protokolls zu erreichen. „Den Ausstoß aller Treibhausgase bis zum Jahr 2012 um 21 Prozent zu drosseln, scheint möglich, wenn sich der bisherige Trend fortsetzt“, sagte der Energie-Experte. „Zurzeit liegen die Einsparungen bei rund 17 Prozent.“

(idw – Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), 09.11.2005 – DLO)

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