Gegenblättriger Steinbrech wächst noch auf 4.505 Metern Höhe in den Walliser Alpen Blütenpflanze trotzt Kältewüste - scinexx | Das Wissensmagazin
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Gegenblättriger Steinbrech wächst noch auf 4.505 Metern Höhe in den Walliser Alpen

Blütenpflanze trotzt Kältewüste

Der Gipfel des Dom (4545 m), hier (Pfeil) leben die höchstgelegenen Blütenpflanzen Europas © Maria Brassel

Ein Baseler Wissenschaftler hat in einer neuen Studie die kältesten Orte der Welt auf pflanzliches Leben hin untersucht. Dabei ist es ihm gelungen, die Blütenpflanze zu enthüllen, die unter den kältesten Bedingungen wächst. Der sogenannte Gegenblättrige Steinbrech überlebt selbst auf 4.505 Meter Höhe in den Walliser Alpen, berichtet der Botaniker im Fachmagazin „Alpine Botany“.

Es grenzt an ein Wunder, doch rund 40 Meter unter dem Berggipfel des im Kanton Wallis gelegenen Doms in der Mischabelgruppe wurden kürzlich in 4.505 Meter Höhe üppig blühende Kissen des Gegenblättrigen Steinbrechs Saxifraga oppositifolia entdeckt. Der Fundort und die gefundene Pflanze können gleich zwei Rekorde für sich verbuchen: Es handelt sich um die höchstgelegene Blütenpflanze, die je in Europa dokumentiert wurde, und der Fundort ist vermutlich der kälteste Standort der Welt, an dem Wissenschaftler bislang eine Blütenpflanze gefunden haben.

Jahresgang der Temperatur erfasst

Christian Körner, Professor am Botanischen Institut der Universität Basel, erfasste an diesem neu entdeckten Extremstandort mit einer automatischen Temperatursonde auch den Jahresgang der Temperatur. Während der etwa zweimonatigen, zeitweise schneefreien Periode liegt die Durchschnittstemperatur danach zwischen den Felsblöcken bei drei Grad Celsius. In jeder Nacht frieren die Pflanzen laut Körner sogar ein.

Bei Sonnenschein kann sich die Nische dagegen für kurze Zeit bis auf 18 Grad aufwärmen, obwohl die Lufttemperatur unter null Grad bleibt. Den Pflanzen genügen nach Angaben des Forschers etwa 600 Stunden pro Jahr, in denen ihre Körpertemperatur drei Grad übersteigt.

Höhenrekord für Blütenpflanzen

Zwischen den abgestorbenen Blättern im Inneren der Kissen tummelten sich zahlreiche Springschwänze – Thalassaphorura zschokkei -, ein sogenanntes Ur-Insekt, das nach dem Basler Zoologen Zschokke benannt ist. Verwandte dieser Art sind auch als Gletscherflöhe bekannt.

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Der bisherige Höhenrekord für Blütenpflanzen in Europa stammt ebenfalls vom Dom. 1978 berichteten die Bergführer Pierre und Grégoire Nicollier aus Sion von einem Fund des Zweiblütigen Steinbrechs Saxifraga biflora, rund 55 Höhenmeter tiefer. Bei späteren Begehungen der Südroute waren diese Pflanzen jedoch nicht mehr zu finden. Im Himalaya gibt es noch auf 6.300 Meter Höhe Blütenpflanzen, aber dort sind die Temperaturen wärmer als am Dom, wie Körner in seiner Studie nachweist.

Kissen des Gegenblättrigen Steinbrechs © Maria Brassel

Gegenblättriger Steinbrech

Der Gegenblättrige Steinbrech gehört zur Familie der Steinbrechgewächse. Er hält jede denkbare Frosttemperatur aus, auch das Eintauchen in flüssigen Stickstoff. Die ältesten Pflanzenreste unter Mooskissen am Gipfel wurden mit der 14C-Methode datiert. Dabei benutzen Wissenschaftler das Abklingen des Fall-out der Atombombenversuche der 1950er Jahre als Messgröße. Die Untersuchung ergab ein Alter von etwa 13 Jahren. So lange braucht es in dieser Höhe, bis tote Blättchen abgebaut werden.

Kein Leben auf dem Mont Blanc-Gipfel

Die Steinbrechkissen sind so mächtig, dass sie wohl schon einige Jahrzehnte dort oben leben. Dass sie keimfähige Samen ausbilden, ist aber sehr unwahrscheinlich. Der Forscher nimmt daher an, dass der Wind die Samen hoch geblasen hat. Es grenzt an ein Wunder, dass sich Pflanzen in dieser Kältewüste etablieren konnten und dass neben unsichtbaren Pilzen und Bakterien gleich noch deren „Konsumenten“ in Gestalt der Springschwänze zur Stelle sind.

Auf etwas höheren Gipfeln wie dem Mont Blanc, die fast vollständig unter Eis und Schnee liegen, ist dauerhaftes Leben kaum möglich, so der Wissenschaftler. (Alpine Botany, 2011; doi: 10.1007/s00035-011-0089-1)

(Universität Basel, 25.05.2011 – DLO)

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