Fremdberührung wird anders verarbeitet als Selbstberührung Wie unser Gehirn Berührungen interpretiert - scinexx | Das Wissensmagazin
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Fremdberührung wird anders verarbeitet als Selbstberührung

Wie unser Gehirn Berührungen interpretiert

Berührung
Wie verarbeitet unser Gehirn Berührungen? © Thor Balkhed/ Linköping Universität

Berühren wir uns selbst oder fasst ein Anderer uns an? Für unser Gehirn macht dies einen entscheidenden Unterschied. Wie Experimente zeigen, reagiert unser Denkorgan auf Fremdberührungen mit der Aktivierung zahlreicher Hirnbereiche. Berühren wir uns selbst, wird die Aktivität vieler Gehirnregionen dagegen herunterreguliert. Die Einblicke in diese neuronalen Prozesse erklären das Phänomen des Kitzelns, könnten aber auch die Erforschung von Erkrankungen wie Schizophrenie voranbringen.

Ein zufälliges Streifen am Arm, ein fester Händedruck oder eine innige Umarmung: Berührungen gehören zu unserem Alltag selbstverständlich dazu. Dabei ist Berührung jedoch nicht gleich Berührung. Wie wir eine Stimulation unserer Haut wahrnehmen, hängt einerseits von der Art der Berührung ab. Andererseits spielt es aber auch eine Rolle, wer uns berührt.

So reagieren wir auf die Berührung einer vertrauten Person anders als auf die eines Fremden. Sich selbst zu berühren, fühlt sich wiederum völlig anders an, als wenn ein Anderer unsere Haut anfasst. Diese Unterscheidung zwischen Fremd- und Eigenberührung ist für unser Körpergefühl von großer Bedeutung – und sie erklärt, warum sich die meisten Menschen nicht selbst kitzeln können.

Probanden im Streicheltest

Doch was passiert dabei eigentlich in unserem Gehirn? Dies haben nun Rebecca Böhme von der Linköping Universität in Schweden und ihre Kollegen untersucht. Um herauszufinden, wie sich die Unterscheidung zwischen Fremd- und Eigenberührung auf neuronaler Ebene zeigt, luden sie Probanden zum Streicheltest ein.

Für das Experiment sollten sich die Teilnehmer entweder selbst langsam über den Arm streicheln oder sie wurden von einer anderen Person auf dieselbe Weise berührt. Dabei beobachteten die Wissenschaftler mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), was im Gehirn der Probanden passierte. Das Ergebnis: „Wir sahen deutliche Unterschiede zwischen dem Berührt-Werden und der Selbstberührung“, berichtet Böhme.

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Hirnreaktionen auf Selbstberührung
Gehirnbereiche, die bei Selbstberührung deaktiviert werden. © Rebecca Böhme

Deaktivierung durch Selbstberührung

So wurden durch die Berührungen einer anderen Person eine Reihe von Hirnregionen verstärkt aktiviert – darunter der somatosensorische Cortex, die Inselrinde, die Amygdala, das Cerebellum und der präfrontale Cortex. Berührten sich die Teilnehmer selbst, wurden viele Hirnbereiche dagegen deaktiviert.

Interessanterweise fanden die Forscher Hinweise darauf, dass sich diese frappierenden Unterschiede nicht erst im Gehirn zeigen – sondern bereits einen Schritt davor. „Die Unterscheidung scheint bereits im Rückenmark stattzufinden, bevor die Berührungsreize ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet werden“, erklärt Böhme.

Neue Erkenntnisse zu Schizophrenie und Co?

Den Wissenschaftlern zufolge passen diese Ergebnisse zu einer Theorie, nach der das Gehirn die sensorischen Konsequenzen unserer Handlungen zum Teil vorhersehen kann. Demnach schenkt es durch unseren eigenen Körper verursachten Reizen weniger Aufmerksamkeit, weil es die dadurch eingehenden Informationen bereits erwartet.

Die Entschlüsselung der neuronalen Grundlagen dieser Unterscheidung könnten nun auch bei der Erforschung von Erkrankungen wie Autismus oder Schizophrenie helfen, wie Böhme und ihre Kollegen betonen. Denn diesen Krankheitsbildern scheinen teilweise Störungen der somatosensorischen Verarbeitung zugrunde zu liegen.

Manche Schizophrenie-Patienten etwa können sich – anders als die meisten Menschen – sehr wohl selbst kitzeln. Dies legt nahe, dass ihr Gehirn durch den eigenen Körper ausgelöste sensorische Reize anders interpretiert. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2019; doi: 10.1073/pnas.1816278116)

Quelle: Linköping Universität/ PNAS

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