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Warum Frauen länger leben

Geschlechtschromosomen erklären Unterschiede bei der Lebenserwartung

Chromosom
Im Gegensatz zu Frauen besitzen Männer ein X- und ein Y-Chromosom - das könnte sich nachteilig auf ihre Lebenserwartung auswirken. © vchal/ istock

Das Geschlecht macht den Unterschied: Forscher haben herausgefunden, warum Frauen im Schnitt länger leben als Männer. Ihren Analysen zufolge könnte das doppelt vorhandene X-Chromosom – das Geschlechtschromosom – eine Rolle dafür spielen. Denn bei über 200 Tierarten gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem genetischen Merkmal und der Lebenserwartung. Immer wird das sogenannte homogametische Geschlecht älter. Dies bestätigt erstmals eine schon länger diskutierte Hypothese.

Die Lebenserwartung hängt auch vom Geschlecht ab: Nicht nur beim Menschen, auch bei einigen anderen Säugetieren sind die Frauen in diesem Zusammenhang im Vorteil. Sie werden meist älter als ihre männlichen Artgenossen. Bei Vögeln ist dies dagegen anders herum – bei ihnen sind die Männchen langlebiger. Was steckt dahinter?

Doppelt hält besser

Einer gängigen Hypothese nach könnten die Unterschiede in den Geschlechtschromosomen verantwortlich für dieses merkwürdige Phänomen sein. Während männliche Individuen bei Säugetieren ein X- und ein im Vergleich verkümmertes Y-Chromosom besitzen, verfügt das weibliche Geschlecht über zwei X-Chromosomen. Bei Vögeln sind die Männchen homogametisch: Sie verfügen über zwei Z-Chromosomen.

Genau dieses doppelte Vorhandensein des „starken“ Chromosoms könnte der entscheidende Vorteil sein. Denn damit sind wichtige Erbfaktoren in zweifacher Ausführung vorhanden. Befinden sich auf einem Chromosom krankmachende Mutationen, kann dies in vielen Fällen durch die gesunde zweite Variante ausgeglichen werden. Mit nur einem X- oder Z-Chromosom besteht diese Möglichkeit nicht. „Dies führt der Annahme zufolge zu einer verringerten Lebenserwartung beim heterogametischen Geschlecht“, erklären Forscher um Zoe Xirocostas von der University of New South Wales in Sydney.

Höhere Lebenserwartung

Doch was ist dran an dieser Theorie? Um dies herauszufinden, haben Xirocostas und ihre Kollegen nun die Lebenserwartung von insgesamt 229 Tierarten aus 99 Familien, 38 Ordnungen und acht Klassen untersucht. Dafür sammelten sie Daten aus wissenschaftlichen Artikeln, Büchern und Datenbanken. Denn stimmt die Annahme, dürfte sich der Zusammenhang zwischen Geschlecht und Lebenserwartung nicht nur bei manchen Säugetieren und Vögeln zeigen. Er müsste stattdessen bei allen Lebewesen mit unterschiedlichen Geschlechtern zu beobachten sein.

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Tatsächlich enthüllten die Auswertungen: Das homogametische Geschlecht mit zwei gleichen Chromosomen lebt im Schnitt 17,6 Prozent länger. „Unsere Ergebnisse belegen, dass das heterogametische Geschlecht quer durch das Tierreich eine deutlich kürzere Lebenserwartung hat. Das bedeutet: Die Chromosomenmorphologie scheint eine bedeutende Rolle für dieses Schlüsselmerkmal zu spielen“, berichten die Wissenschaftler.

Weibchen haben Glück

Ein weiteres spannendes Ergebnis: Der Vorteil des Geschlechts mit dem doppelten Chromosom ist nicht immer gleich groß, sondern zusätzlich vom Geschlecht abhängig. Sind Männchen heterogametisch, haben sie eine rund 20,9 Prozent geringere Lebenserwartung als ihre weiblichen Artgenossen. Haben dagegen die Damen zwei unterschiedliche Chromosomen, sterben sie nur 7,1 Prozent früher, wie die Analysen ergaben – ihnen schadet der genetische Nachteil offenbar weniger.

Nach Ansicht der Forscher kommen dafür drei mögliche Erklärungen infrage: Zum einen könnte es sein, dass das Y-Chromosom bei den Tierarten mit männlicher Heterogametie stärker verkümmert ist. Zum anderen wirkt sich womöglich das weibliche Geschlechtshormon Östrogen positiv aus. So ist bekannt, dass Östrogen die Expression der Telomerase stimuliert. Dieses Enzym bildet die Chromosomenkappen, die das darunterliegende Erbgut von schädlichen Einflüssen abschirmen.

Sexueller Wettbewerb als Nachteil?

Der dritte Erklärungsansatz für den Nachteil der Männer hängt mit dem sexuellen Wettbewerb zusammen. Wie Xirocostas und ihre Kollegen erklären, gehen Männchen im Vergleich zu Weibchen mehr Risiken ein, um eine Gelegenheit zur Fortpflanzung wahrnehmen zu können – bei vielen Arten kommt es zum Beispiel zu Kämpfen zwischen konkurrierenden Männchen.

„Eine höhere Mortalität aufgrund von Nebeneffekten der sexuellen Selektion könnte in Kombination mit dem Einfluss der Chromosomen erklären, warum der Lebensspanne-Unterschied zwischen heterogametischen Weibchen und homogametischen Männchen geringer ist als zwischen heterogametischen Männchen und homogametischen Weibchen“, erläutert das Team.

„Wichtiger Schritt“

Alles in allem enthüllen die Ergebnisse einen spannenden Einflussfaktor auf die Lebenserwartung – und liefern damit wertvolles Wissen. „Es gibt eine Multimilliarden-Dollar-Industrie, die die menschliche Lebensspanne verlängern will. Doch es bestehen noch immer erhebliche Wissenslücken“, konstatieren die Wissenschaftler.

Welche biologischen Prozesse bestimmen die Lebenserwartung? Und welche Faktoren tragen zu einem langen Leben bei unterschiedlichen Geschlechtern und Spezies bei? „Unsere Befunde bedeuten einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Entschlüsselung der Mechanismen, die die Langlebigkeit beeinflussen. Dies könnte auf lange Sicht Möglichkeiten eröffnen, das Leben zu verlängern. Hoffen wir, dass noch zu unserer Lebenszeit weitere Antworten gefunden werden“, schließt das Team. (Biology Letters, 2020; doi: 10.1098/rsbl.2019.0867)

Quelle: Royal Society

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