Defizite in den ersten Lebensmonaten hinterlassen Spuren im Gehirn Heimkinder haben weniger graue Zellen - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Defizite in den ersten Lebensmonaten hinterlassen Spuren im Gehirn

Heimkinder haben weniger graue Zellen

Wenn Kinder ihre ersten Lebensmonate und -jahre im Heim verbringen, verändert dies ihr Gehirn nachhaltig: Ihre Hirnrinde ist dünner und auch bestimmte elektrische Signale im Gehirn sind dauerhaft geschwächt. Das haben US-amerikanische Forscher bei rumänischen Heimkindern festgestellt. Ihre Studie zeigt aber auch, dass das Gehirn einige Defizite wieder wettmachen kann: Kamen die Heimkinder bereits als Zweijährige oder früher zu Pflegeeltern, holten einige Hirnbereiche ihr Wachstum nach. Dazu gehörten der Balken, der beide Hirnteile verbindet und die weiße Materie – der Bereich des Gehirns, in dem Nervenfasern für die schnelle Weiterleitung von Signalen sorgen. Das zeige, dass das Gehirn zumindest in einigen Aspekten plastisch genug sei, um selbst nach schweren Entbehrungen die Defizite wieder auszugleichen. Für diese Kinder bestehe daher durchaus die Chance, Entwicklungsrückstände wieder aufzuholen, berichten die Forscher im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

{1l}

Wachsen Kinder in einem Heim auf, kann dies ihre psychische Entwicklung vor allem in den ersten Lebensjahren gravierend beeinträchtigen, wie die Wissenschaftler berichten. Denn häufig erhielten diese Kinder in dieser kritischen Phase zu wenig Zuwendung und intensive Förderung. Das liege unter anderem daran, dass in den meisten Heimen ein Betreuer für bis zu zwölf Kinder verantwortlich sei und sich daher nur wenig um das einzelne kümmern könne. Diese frühe Vernachlässigung mache sich auch später oft noch durch psychische und soziale Probleme, aber auch durch geistige Defizite bemerkbar.

„Diese nachhaltigen Unterschiede lassen sich am wahrscheinlichsten damit erklären, dass die verarmte Umgebung im Heim die normale Entwicklung der Gehirnstrukturen stört“, schreiben Margaret Sheridan von der Harvard Medical School in Boston und ihre Kollegen. Jetzt zeige sich, dass dies tatsächlich messbare Spuren im Gehirn hinterlasse – und dass die Strukturen durchaus unterschiedlich auf spätere Veränderungen reagierten. Ähnliches gelte möglicherweise auch für Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt oder misshandelt wurden.

Kinder im Heim und bei Pflegeltern verglichen

Die Forscher hatten ihre Untersuchung im Rahmen des Bukarest Early Intervention Project (BEIP) durchgeführt. In dem Projekt wurden 136 Kinder, die von Geburt an in Kinderheimen in Bukarest lebten, bis zum achten Lebensjahr begleitet und regelmäßig untersucht. Die Hälfte dieser Kinder kam dabei im Alter von sechs Monaten bis zweieinhalb Jahren in Pflegefamilien, die andere blieb im Heim. Für ihre Studie unterzogen die Wissenschaftler alle Kinder mit 30 und 42 Monaten, sowie mit acht Jahren einem Gehirnscan und maßen ihre Hirnströme mittels Elektroenzephalogramm (EEG). Alle Befunde wurden mit Werten von in Familien aufgewachsenen Kinder verglichen.

Anzeige

Alle Heimkinder – auch die später bei Pflegeeltern lebenden – hatten durchschnittlich rund 35 Kubikzentimeter weniger graue Materie als normal aufgewachsene Kinder, wie die Forscher berichten. Als graue Materie wird die in Präparaten grau erscheinende Hirnrinde bezeichnet. Sie gilt als der Sitz des Bewusstseins und der höheren Hirnfunktionen.

Auch die weiße Materie – der zentrale Bereich, in dem die Signalleitungen des Gehirns verlaufen – sei anfangs bei allen Heimkindern kleiner gewesen. Bei denjenigen, die als Kleinkind in Pflegefamilien kamen, habe man aber später keinerlei Unterschiede zur normalen Entwicklung mehr gefunden. „Das legt nahe, dass dieser Bereich des Gehirns die Folgen der schweren Vernachlässigungen wieder ausgleichen kann“, schreiben Sheridan und ihre Kollegen. (doi:10.1073/pnas.1200041109)

(Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 24.07.2012 – NPO)

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

News des Tages

Jupiter

Jupiters Wanderung enträtselt

Gehirn erneuert sich bis ins hohe Alter

US-Küste: Ursache der Methan-Austritte geklärt

Wirkt die Keto-Diät nur bei Männern?

Bücher zum Thema

Zukunft Gehirn - Neue Erkenntnisse, neue Herausforderungen von Peter Gruss und Tobias Bonhoeffer (Herausgeber)

Welcome To Your Brain - Ein respektloser Führer durch die Welt des Gehirns von Sandra Aamodt und Samuel Wang

Das selbstbewusste Gehirn - Perspektiven der Neurophilosophie

Medizin für das Gehirn - Hrsg. Spektrum der Wissenschaft

Descartes' Irrtum - Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio

Lernen - Gehirnforschung und die Schule des Lebens von Manfred Spitzer

Top-Clicks der Woche

Anzeige
Anzeige