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Beutelteufel überraschen Biologen

Aasfresser zeigen einzigartige persönliche Vorlieben bei der Nahrungsaufnahme

Beutelteufel
Tasmanische Teufel sind die letzten großen Raubbeutler der Erde. © The Carnivore Conservancy / Caitlin Newton

Überraschend wählerisch: Die meisten Tasmanischen Teufel haben ein Lieblings-Beutetier, dessen Kadaver sie am liebsten essen. Sie sind demnach für einen Aasfresser ungewöhnlich wählerisch, wie eine Studie enthüllt. Dieses einzigartige Verhalten rührt wahrscheinlich vom geringen Konkurrenzdruck durch andere Raubtiere auf der australischen Insel her. Die Erkenntnisse könnten bei der Versorgung eingefangener Beutelteufel und der Rettung der stark gefährdeten Tierart helfen.

Aasfresser zeichnen sich vor allem durch eines aus: Sie fressen Aas. Das bedeutet meist auch, dass sie sich nicht aussuchen können, was oder wann sie essen. Wenn sie einen herumliegenden Kadaver finden, müssen sie zuschlagen. Ansonsten könnten sie leer ausgehen. Die opportunistische Entscheidung, was auf den Tisch kommt, kann zwar je nach Saison und einem kleineren oder größeren Nahrungsangebot stärker und schwächer ausgeprägt sein. Meist verhalten sich Tiere einer Art oder zumindest einer Gruppe von Aasfressern bei ihrer Essenswahl aber einheitlich.

Nahrung spiegelt sich in Schnurrhaaren wider

Auch Tasmanische Teufel ernähren sich hauptsächlich von Aas. Wie sehr und auf welcher Basis diese Raubbeutler sich zwischen verschiedenen Tierkadavern entscheiden, war bisher allerdings noch nicht bekannt. Anna Lewis von der University of New South Wales hat mit ihrem Team untersucht, ob sich bei den Beutelteufeln spezielle Muster erkennen lassen.

In der Erhebung hat das Forscherteam insgesamt 71 wildlebende Tasmanische Teufel auf ihre Essgewohnheiten untersucht. Dafür fingen sie die Tiere ein und entnahmen jedem ein paar Schnurrhaare, bevor sie sie wieder in die Wildnis entließen. In den borstigen Haaren lassen sich Kohlenstoff- und Stickstoff-Isotope nachweisen, deren Verhältnis sich je nach Organismus leicht unterscheidet.

Die Wissenschaftler verglichen das Isotopen-Verhältnis in den Schnurrhaaren mit denen potenzieller Beutelteufel-Nahrung. So konnten sie einen Eindruck davon bekommen, wovon sich die einzelnen Tiere in letzter Zeit ernährt haben. Je nachdem welche Isotope eine auffällige Häufung aufwiesen, teilten sie die Raubbeutler in Kohlenstoff- oder Stickstoff-Spezialisten ein. Tiere, bei denen keine besondere Isotop-Verteilung und damit keine wählerische Nahrungsaufnahme zu erkennen war, wurden als Generalisten bezeichnet.

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„Die meisten haben ein Lieblingsessen“

Das Ergebnis der Untersuchung überraschte die Forscher: „Aasfresser sind eigentlich Generalisten, sie nehmen alles, was sie finden können. Wir haben aber herausgefunden, dass die meisten Tasmanischen Teufel wählerische und selektive Esser sind – sie haben die Gesetze der Aasfresserei gebrochen“, so Seniorautorin Tracey Rogers, ebenfalls von der University of New South Wales.

Knapp über dreiviertel der untersuchten Tiere stellten sich bei der Einstufung über die Kohlenstoff-Isotope als Spezialisten heraus. Bei der Berechnung auf Basis der Stickstoff-Isotope waren es immerhin noch gut 53 Prozent der Tasmanischen Teufel, die sich auf bestimmte Beutetiere spezialisiert haben. Nur etwa zehn Tiere können laut den Ergebnissen als Generalisten bezeichnet werden.

Schwere Teufel sind wählerischer

Ungewöhnlich auch: Selbst innerhalb der Spezies gab es individuelle Unterschiede. „Wir waren überrascht, dass die Teufel nicht alle das gleiche essen wollten. Die meisten haben sich für ein Lieblingsessen entschieden“, fügt Lewis hinzu. „Das scheint aber definitiv ein Teufel-spezifische Angewohnheit zu sein. Es gibt keinen anderen Aasfresser auf der Welt, von dem wir dieses Verhalten kennen.“

Eine weitere Auffälligkeit fanden die Wissenschaftler darin, dass das Gewicht der Tiere mit ihrer Nahrungsgestaltung zusammenzuhängen scheint. Je schwerer der einzelne Beutelteufel, desto wählerischer ist er in seiner Nahrungsgestaltung. Die Ursache hierfür ist allerdings unklar. Das Forschungsteam vermutet, dass schwere Tiere es sich entweder eher erlauben können, wählerischer zu essen, oder dass es ihnen durch die ausgewählte Nahrung besser gelungen ist, an Gewicht zuzulegen.

Warum? Weil es geht

Die Erklärung der Forscher, warum Tasmanische Teufel überhaupt wählerisch bei der Auswahl ihrer Lieblingskadaver sind, beruht auf der geringen Konkurrenz der Raubbeutler auf dem australischen Inselkontinent. „Einfach ausgedrückt tun sie dies, weil sie es können“, sagt Rogers. „Wenn man in Afrika ein Aasfresser ist, dann konkurriert man mit all den anderen Raubtieren um Nahrung. Aber in Tasmanien gibt es keine anderen Raubtiere und keine Konkurrenz um Kadaver. Sie konkurrieren hauptsächlich untereinander.“

Beutelteufel frisst
Durch die geringe Konkurrenz können sich die Beutelteufel frei zwischen den verschiedenen Kadavern entscheiden. © Shutterstock

Und selbst dies ist nicht überall der Fall: Unter den Gebieten, aus denen die untersuchten Beutelteufel eingefangen wurden, stuften die Wissenschaftler zwei Areale als solche mit einem verminderten intraspezifischen Konkurrenzdruck ein. Sie machten dies daran fest, dass in diesen Gebieten der hochansteckende und meist tödlich endende Gesichtskrebs DFTD (Devil Face Tumor Desease) bereits ausgebrochen ist. Die Erkrankung tritt speziell bei Beutelteufeln auf und vermindert die Population eines Gebietes innerhalb von fünf Jahren um 77 Prozent.

In den mit DFTD kontaminierten Gebieten fanden die Wissenschaftler eine nochmal höhere Quote an Beutelteufeln, die sich auf bestimmte Kadaver spezialisiert haben. Dies unterstreicht ihren Angaben nach die Theorie, dass ein geringerer Wettbewerb zu einer größeren Spezialisierung führt, da in diesen Gebieten zusätzlich weniger intraspezifische Konkurrenz herrscht.

Bessere Versorgung isolierter Teufel

Damit die Tasmanischen Teufel nicht komplett an DFTD aussterben, gibt es mittlerweile einige nicht infizierte Populationen, die isoliert gehalten werden. Die Wissenschaftler hoffen, diese auf Basis ihrer Forschungsergebnisse besser versorgen zu können. „Die Ergebnisse helfen uns dabei, Teufeln in Gefangenschaft das richtige zu füttern. Im Moment gibt es eine lange Liste von Nahrung, die Teufel fressen können, aber es ist nicht genau festgelegt, wie oft sie all diese Nahrungsmittel zu sich nehmen oder ob sie sich nur auf ein paar verschiedene Nahrungsarten konzentrieren“, erklärt Lewis.

Im nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler untersuchen, auf welcher Basis sich ein Beutelteufel für sein Lieblingsessen entscheidet. Zusätzlich stoßen die Ergebnisse aber auch mögliche Forschung zu den Essgewohnheiten anderer Aasfresser an. „Es ist immer noch schwer zu glauben, dass Aasfresser Spezialisten sein können“, so Lewis. „Man muss sich fragen, ob andere Aasfresser wie Hyänen oder Vielfraße sich wie die Teufel verhalten würden, wenn sie nicht mit anderen Arten konkurrieren müssten.“ (Ecology and Evolution, 2022; doi: 10.1002/ECE3.8338)

Quelle: University of New South Wales

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