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49 Merkmale beschreiben unsere Welt

Unser Gehirn benötigt verblüffend wenig Kategorien, um Objekte zu erkennen

Dinge
Unser Gehirn benötigt nur 49 Grundmerkmale, um nahezu alle Dinge zu unterscheiden und zu kategorisieren. © wakila/ iStock

Ob flauschig, bunt oder wertvoll: Unser Gehirn benötigt verblüffend wenig Merkmale, um einen Stuhl, einen Hund oder alle anderen Objekte in unserer Umgebung eindeutig zu erkennen. Nur 49 Merkmale reichen aus, um nahezu alles zu kategorisieren, wie nun eine Studie enthüllt. Die Spanne reicht von Eigenschaften wie Farbe, Form und Größe bis zu Zuschreibungen wie „kann sich bewegen“ oder „hat etwas mit Feuer zu tun“.

Woran erkennen wir eine Pizza, eine Rakete oder auch einen Vogel? Auf den ersten Blick scheint das simpel, denn all diese Dinge haben bestimmte hervorstechende Merkmale: Ein Vogel hat Federn und Flügel, eine Rakete ist länglich und hat feuerspeiende Düsen und eine Pizza ist flach, rund und belegt. Für die Kategorisierung zerlegt unser Gehirn die Objekte in einzelne Eigenschaften und gleicht sie anhand dieser Kombination mit mentalen Kategorien ab.

Welches Objekt passt nicht dazu?

Aber welche und wie viele Merkmale liegen dieser inneren Bestandsaufnahme zugrunde? Das haben nun Martin Hebart vom National Institute of Mental Health in Bethesda und seine Kollegen in der bislang umfangreichsten Studie dazu untersucht. Dafür zeigten sie knapp 5.500 Testpersonen jeweils verschiedene Kombinationen von drei Objekten und baten sie, das Objekt anzugeben, das den anderen beiden am unähnlichsten war.

„Daraus lässt sich ableiten, was als besonders ähnlich und was als besonders typisch für eine Kategorie empfunden wird“, erklärt Hebart. Durch die insgesamt 1,5 Millionen Dreierkombinationen und die Entscheidungen ihrer Probanden konnten die Forscher so ermitteln, nach welchen Merkmalen Menschen Dinge kategorisieren und gruppieren.

Der Clou dabei: Gerade aus den individuellen Unterschieden geht am besten hervor, welche Eigenschaften relevant sind. So kann eine Person bei Koala, Brezel und Teppich den Koala als unähnlichsten aussortieren, weil er als einziger ein Tier und damit belebt ist. Eine andere Person wählt jedoch die Brezel als unähnlich, weil Teppich und Koala beide flauschig sind. Das zeigt, dass sowohl „tierisch“ als auch „flauschig“ relevante Merkmale sein können.

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Merkmale
Dies sind sechs der 49 grundlegenden Kategorisierungs-Merkmale. © Hebart/ MPI CBS

49 Merkmale – von rund bis „irgendwas mit Wasser“

Das Ergebnis: Unser Gehirn benötigt nur 49 Merkmale, um nahezu jedes Objekt zu erkennen und zu kategorisieren. „Unsere Ergebnisse zeigen, wie wenige Eigenschaften es eigentlich braucht, um alle Objekte in unserer Umgebung zu charakterisieren“, sagt Hebart. So reichen für das Erkennen „nicht dazu passender“ Dinge oft sogar nur neun bis 15 dieser Objektdimensionen aus, wie die Tests ergaben.

Zu den 49 relevanten Merkmalen gehören beschreibende Eigenschaften wie rund, farbig, klein oder groß, aber auch übergeordnete Kategorisierungen wie die Funktion, die Zugehörigkeit zu einer Organismengruppe oder der Wert. Ebenfalls enthalten ist beispielsweise, ob ein Ding aus einem großen, oder aus vielen kleinen, sich ähnlichen Teilobjekten besteht – wie ein Teller Spaghetti.

Einblick in die Grundprinzipien unseres Denkens

„Im Grunde erklären wir damit die Grundprinzipien unseres Denkens, wenn es um Objekte geht“, sagt Hebart. Es ergeben sich aber auch viele neue Fragen, die nun mit ähnlichen Ansätzen untersucht werden können. Unklar ist beispielsweise, ob die relevanten Objektdimensionen bei allen Menschen die gleichen sind: „Wie werden sie vom Geschlecht, dem Alter, der Kultur, der Bildung und anderen soziodemografischen Faktoren beeinflusst?“, fragen die Forscher. Und welche Rolle spielt die Vertrautheit der Person mit den fraglichen Objekten?

Gleichzeitig erhellen die Ergebnisse auch bestimmte neurologische Phänomene: Bislang glaubte man etwa, dass Patienten, die wegen einer Hirnschädigung bestimmte Tiere nicht identifizieren können, Lebewesen insgesamt nicht erkennen. Womöglich hat der Betroffene aber ein Defizit darin, die Eigenschaft „flauschig“ zu erkennen, die den Tieren zugrunde liegt. Daraus leiten sich dann möglicherweise andere Therapieformen ab. (Nature Human Behaviour, 2020; doi: 10.1038/s41562-020-00951-3)

Quelle: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

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