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Wasser im Bauch

Die ersten Minuten nach der Kollision

Sonntag, 14. April 1912, 23:52 Uhr Bordzeit. Noch immer ahnen die meisten Passagiere und Besatzungsmitglieder nichts von der Katastrophe. Sie schlafen, während tief unter ihnen bereits Tonnen von Meerwasser durch große Lecks in den Bauch des Schiffes stürzen. Das Ausmaß der Schäden ist zu diesem Zeitpunkt auch für die Brückenoffiziere noch unklar. Kapitän Smith hofft zunächst, dass die angeschlagene Titanic noch aus eigener Kraft bis ins kanadische Halifax gelangen kann. Sein vierter Offizier, Joseph Boxhall, meldet zunächst, keine größeren Schäden unter Deck bemerkt zu haben.

Lage der wasserdichten Schotte im Bug und Positionen der Lecks (grün) © gemeinfrei

Das Wasser steigt

Doch die anfängliche Hoffnung zerschlägt sich schnell: Der leitende Offizier Henry Bride kehrt auf die Brücke zurück und berichtet von zunehmend steigendem Wasser in den ersten fünf Abteilungen des Schiffsbauchs. Damit ist klar: Das Schiff ist verloren. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Titanic sinkt. Smith lässt die Maschinen endgültig stoppen und gibt Wilde den Befehl, die Rettungsboote vorzubereiten. Im Kesselraum sechs arbeiten Heizer und Seemänner derweil fieberhaft daran, die Feuer unter den Kesseln zu drosseln. Ihre Angst: Werden die Kessel geflutet, könnte der entstehende Wasserdampf zu einer Explosion führen.

Montag, 15. April 1912, 00:01 Uhr Bordzeit – 20 Minuten nach der Kollision. Noch immer liegen die meisten Passagiere in tiefen Schlaf. „Es wurde kein allgemeiner Alarm gegeben, keine Signalpfeifen geblasen oder andere systematische Warnungen an die Passagiere gegeben“, heißt es später im Untersuchungsbericht des US-Senats. An Deck überwacht der erste Offizier William Murdoch inzwischen das Ausbringen der Rettungsboote auf der Steuerbordseite. Sie werden aus ihren Halterungen geschwenkt und warten darauf, mit Passagieren gefüllt und ins Wasser abgelassen zu werden. Unter Deck hat das Wasser den Postraum erreicht, hier lagern die 400.000 Briefe, Päckchen und Pakete, die das „Royal Mail Ship Titanic“ nach New York bringen sollte. Kurz darauf wird auch der Kesselraum 6 überflutet – damit ist das Schicksal der Titanic endgültig besiegelt.

CQD-Ruf der Titanic nach der Kollision, aufgezeichnet vom Funker der "Celtic" © Marconi plc

„CQD…“

Kapitän Smith eilt unterdes in die Funkerkabine und gibt Bride und Phillips die Anweisung, „CQD“ zu senden. Dieses Kürzel gilt als Notrufsignal an alle Empfänger. Das heute verwendete „SOS“ ist zu dieser Zeit noch kaum üblich. Smith gibt den Funkern die Position des Schiffes: 41°44′ Nord und 50°24′ West. Diese Angaben sind jedoch nicht korrekt und positionieren die Titanic westlich statt östlich des Eisfelds. Erst rund eine Viertelstunde später erhalten die Funker vom Navigationsoffizier Boxhall die korrekte Position und korrigieren ihre Notrufe: „CQD, Position 41.46 N 50.14 W, brauchen Hilfe, haben Eisberg gerammt.“ Die Carpathia, zu diesem Zeitpunkt noch 93 Kilometer von der Titanic entfernt, fängt den Notruf auf und nimmt Kurs auf die Unglücksstelle.

Die beiden Funker Bride und Phillips halten ihre Stellung im Funkraum bis fast zum Schluss. Eine Stunde und 45 Minuten nach der Eisbergkollision melden sie: „Maschinenraum bis zu den Kesseln vollgelaufen“. Kurz zuvor hatte Phillips neben dem CQD auch erstmals das neue SOS-Signal verwendet – nachdem sein Kollege Bride meinte: „Es könnte deine letzte Chance sein, es zu senden.“ Etwa um die gleiche Zeit gibt Kapitän Smith ihnen den Befehl, den Funkraum zu räumen und sich in Sicherheit zu bringen. Phillips bleibt jedoch noch eine weitere Viertelstunde an der Funkkonsole – zu lange: Er wird die Katastrophe nicht überleben.

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Nadja Podbregar
Stand: 12.04.2012

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Titanic: Untergang eines Mythos
Spurensuche hundert Jahre nach der Katastrophe

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