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Lehren aus der Katastrophe

Wäre eine Tragödie wie bei der Titanic heute noch möglich?

Ob SOS, Notraketen oder genügend Rettungsboote für alle – vieles, was in der heutigen Schifffahrt längst selbstverständlich ist, hat seinen Ursprung in der Titanic-Katastrophe und den darauffolgenden Hearings. Denn die Untersuchungskommissionen kommen im Jahr 1912 einhellig zu dem Schluss, dass auch mangelnde Sicherheitsvorkehrungen schuld an dem Tod der vielen Opfer waren. Sie erlassen für die Zukunft entsprechende Richtlinien, die größtenteils bis heute gelten.

Menschenmenge vor dem Büro der White Star Line nach dem Unglück © George Grantham Bain Collection (Library of Congress)

„Wir haben Instruktionen gegeben, nach denen keines der Schiffe unserer Linien mehr den Hafen verlassen darf, wenn sie mehr Passagiere und Besatzung an Bord hat als ihre Rettungsboote fassen“, erklärt Bruce Ismay, Leiter der White Star Line und selbst Überlebender der Titanic, bereits kurz nach dem Unglück in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der internationalen Handelsschifffahrt. Vorgeschrieben werden nun auch regelmäßige Rettungsübungen für die Besatzungen und Pläne mit Fluchtwegen in den Passagierbereichen. Der Besatzung soll zudem bereits vor dem Auslaufen fest für bestimmte Rettungsboote und deren entsprechende Beladung mit Passagieren eingeteilt werden. Auch feste Notsignale, wie beispielsweise Leuchtraketen, werden erst in der Folge die Titanic-Katastrophe üblich.

Erreichbar rund um die Uhr

Außerdem wird nun erstmals ein rund um die Uhr besetzter Funkraum zur Pflicht – ein absolutes Novum. Denn zu Zeiten der Titanic hatten zahlreiche Schiffe noch gar keine Funker an Bord, viele waren nur mit einem besetzt. Diese Tatsache führte unter anderem dazu, dass das der Titanic-Unglücksstelle nächstgelegene Schiff, die Californian, die Notrufe des sinkenden Schiffs nicht empfing – ihr Funker war zu Bett gegangen.

Blick in die Funkkabine der Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic © Marconi plc (historische Aufnahme 1912)

„Es muss zu jeder Zeit ein Operator im Dienst sein, Tag und Nacht, um den sofortigen Empfang aller Notrufe, Warnungen und anderer wichtiger Mitteilungen zu garantieren“, heißt es. Eine direkte Kommunikation des Funkraums zur Brücke – entweder per Telefon, Sprachrohr oder Boten – müsse gewährleistet sein. Jeder Funkraum soll zudem über Notstromaggregate verfügen, damit er bis zum letzten Moment funktionsfähig bleibt.

Mehr Schutz gegen Wassereinbruch

Um Lecks wie bei der Titanic und deren Folgen zukünftig zu vermeiden, sollen in Zukunft auch die Schiffskonstruktionen besser werden, so die Empfehlungen der Kommissionen. „Alle Stahlschiffe auf Ozeanen und entlang der Küsten mit mehr als 100 Passagieren müssen eine wasserdichte Haut innerhalb ihrer Stahlplatten bekommen“, heißt es. Diese könne in Form eines Doppelrumpfes oder als wasserdichte Schotte in Längsrichtung umgesetzt werden. Wichtig sei, dass diese Schutzhülle bei voller Beladung mindestens zehn Prozent über die Wasserlinie hinausreiche. Außerdem sollen die Querschotten, die auch die Titanic schon besaß, weiter hochgezogen werden, damit sie weniger leicht überflutet werden können.

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Wäre ein solches Unglück heute möglich?

Wäre eine Katastrophe wie die der Titanic heute noch möglich? Die Antwort ist sicher eher „Nein“, meint auch Ajit Shenoi, Direktor des Southampton Marine and Maritime Institute. „Denn man hat mehrere Lektionen aus dem Titanic-Desaster gelernt, im Schiffsdesign, in der Konstruktion und dem Betrieb.“

Blick auf die Brücke des modernen Flugzeugträgers Charles de Gaulle © Jean-Michel Roche/CC-by-sa 3.0

Allein die modernen Ortungs- und Navigationstechnologien geben den Brückenmannschaften heute einen erheblich besseren Überblick darüber, was sich in ihrem Weg befindet und ob große Eisberge darunter sind. Auch die Materialien für den Bau der Schiffe haben sich verbessert, da sind sich die Experten einig: Der heutige Schiffsstahl ist – gerade bei tiefen Temperaturen – sehr viel widerstandsfähiger und weniger spröde als die damals verwendete Stahlsorten. Statt der bei der Titanic verwendeten Eisennieten werden für die Nähte heute Stahlnieten und Schweißnähte verwendet.

Unsinkbar sind die auch heutigen Schiffe allerdings deswegen nicht – wie zuletzt die Havarie der Concordia zeigte. „Man kann nicht sagen, dass sich ein Unfall ähnlich dem der Titanic heute nicht mehr ereignen würde“, erklärt Shenoi. „Aber so tragisch der Unfall der Costa Concordia auch war, seine Folgen waren begrenzt und weitaus weniger Menschen verloren ihr Leben oder wurden verletzt. Das ist den Verbesserungen der Sicherheitskultur in der Schiffahrt und den Fortschritten in der Technology und Ingenieurskunst zu verdanken.“ Die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Titanic-Katastrophe sei daher sehr gering.

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Nadja Podbregar
Stand: 12.04.2012

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Titanic: Untergang eines Mythos
Spurensuche hundert Jahre nach der Katastrophe

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