Akademiker-Elite: Alle nur gedopt? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Akademiker-Elite: Alle nur gedopt?

„Nature“-Leser outen sich

10.April 2008. Wie jeden Donnerstag erscheint auch an diesem Tag das renommierte Fachmagazin „Nature“. Diesmal allerdings enthält das Heft echten Sprengstoff: Auf zwei Seiten nebst ausführlichem Anhang präsentieren die Redakteure Ergebnisse einer Umfrage unter „Nature“-Lesern zum Thema „Gehirn-Doping“, die Überraschendes enthüllen.

Denn von den 1.400 Befragten gibt ein Fünftel zu, schon einmal verschreibungspflichtige Medikamente zur Verbesserung der Konzentration, der Aufmerksamkeit oder des Gedächtnisses eingenommen zu haben. Das Erstaunliche dabei: Hier geht es nicht um drogenaffine Außenseiter auf der Suche nach dem „Kick“ oder gelangweilte Reichensöhnchen. Die Teilnehmer – Akademiker aller Altersklassen aus 60 verschiedenen Ländern – gehören zur Elite des Bildungssystems. Im Klartext: 20 Prozent der Wissenschaftler dopt sich – einmalig oder sogar regelmäßig – um die gewünschte oder geforderte Leistung zu bringen.

Typische Wirkstoffe, die als Neuro-Enhancer genutzt werden: Methylphenidat(Ritalin), Modafinil (Provigil, Vigil), Donepezin (Aricept) udn Amphetamine (Adderall) © SXC / NPO

„Heilmittel“ als Optimierungshilfe für Gesunde

Hat die Forschung ein Drogenproblem? Das kommt ganz auf die Betrachtungsweise an. Denn die drei in der Umfrage spezifisch angesprochenen „Neuro-Enhancer“ sind keine illegalen Drogen, sondern legal zugelassene Medikamente: Zu ihnen gehören das normalerweise gegen die Aufmerksamkeitsstörung ADHS verschriebene Medikament Ritalin mit dem Wirkstoff Methylphenidat, dann das in Deutschland unter dem Handelsnamen Vigil vertriebene Narkolepsie-Mittel Modafinil sowie die normalerweise unter anderem gegen Herzrhythmusstörungen verordneten Betablocker.

Sie alle machen nicht „High“ und erzeugen auch keinen euphorischen Rauschzustand, sondern entfalten ihre Wirkung eher subtil. Helfen sollen sie schließlich gegen spezifische Symptome: gegen Konzentrationsschwächen, Hyperaktivität, Müdigkeit oder andere physiologisch bedingte Störungen. Doch von dem, was bei Kranken nur den Normalzustand wieder herstellt, erhoffen sich auch immer mehr Gesunde einige Vorteile. Berichtet wird von verbesserter Konzentration, einer subtilen Wachheit, dem Quäntchen zusätzliche Spritzigkeit nach einem erschöpfenden Arbeitstag.

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Ritalin und Vigil als Spitzenreiter

Ganz vorn auf der Hitliste des Akademiker-Dopings liegt dabei, das zeigt die Auswertung, mit 62 Prozent das ADHS-Medikament Ritalin. Zu dem auch gegen Jetlag verschriebenen Wirkstoff Modafinil greifen 44 Prozent der Umfrageteilnehmer, rund 15 Prozent nutzen klassische Betablocker. Die Prozentwerte enthüllen allerdings auch, dass es eine ganze Reihe von Nature-Lesern gibt, die offenbar mehrere Mittel – quasi je nach gewünschter Wirkung – einnehmen. 80 Befragte geben zudem an, andere Medikamente, darunter vor allem das ebenfalls gegen ADHS wirksame Amphetaminpräparat Adderall, zur Leistungssteigerung einzusetzen.

Per Rezept oder Internet

Wie aber kommen die Nutzer an diese immerhin verschreibungspflichtigen Mittel? Auch das enthüllte die Umfrage. Erste Anlaufstelle ist demnach noch immer der Mediziner ihres Vertrauens, von ihm erhielten immerhin 52 Prozent der Befragten ein entsprechendes Rezept. Je nach Bereitwilligkeit und Naivität des Arztes reicht dabei eine sich vorher angelesene Schilderung der typischen ADHS-Symptome aus, in anderen Fällen hilft auch der direkte Appell, wie ihn Neurowissenschaftler in „Nature“ exemplarisch zitieren: „Ich weiß, ich entspreche nicht den diagnostischen Kriterien für ADHS, aber ich habe manchmal Probleme mich zu konzentrieren und es würde mir sehr helfen, dann Ritalin griffbereit zu haben, wenn ich bei der Arbeit (mit den Kindern etc.) trotzdem funktionieren muss.“ Nicht wenige Ärzte – erst recht, wenn sie zum Bekannten- oder Freundeskreis gehören – zücken dann bereitwillig ihren Rezeptblock. Funktioniert auch das nicht, bleibt immer noch das Internet. Im Falle der „Nature“-Umfrage war dies für immerhin rund ein Drittel der „Gehirn-Doper“ die Pillen-Quelle.

Möglicherweise sind Nachschub-Probleme auch für das überraschend positive Votum für eine allgemeine Freigabe solcher Mittel verantwortlich: Vier Fünftel der Befragten sprechen sich für eine legale Abgabe an gesunde Erwachsene aus. Ein Akademiker schreibt dazu: „Als Fachmann ist es meine Pflicht, meine Ressourcen zum größtmöglichen Wohl der Menschheit einzusetzen. Wenn Enhancer zu diesem Dienst beitragen können, ist es meine Pflicht, sie zu nutzen.“

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Nadja Podbregar
Stand: 17.06.2011

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Doping fürs Gehirn
Neuro-Enhancement und die Folgen

Akademiker-Elite: Alle nur gedopt?
„Nature“-Leser outen sich

Keine „Einstein-Pille“
Was bringt Neuro-Enhancement?

Übersteuerung als Dauerzustand
Wie wirken Ritalin und Co im Gehirn?

Ungeprüfte (Neben-)Wirkung
Risiken von Neuro-Enhancern

Rebound
Gewöhnungseffekte und Suchtpotenzial

Nur eine Frage der Zeit?
Die Verbreitung von Neuro-Enhancern

(K)eine Frage der Fairness?
Gehirn-Doping, Gerechtigkeit und Chancengleichheit

Die Rote Königin
Vom „Kann“ zum „Muss“?

Optimierte Kinder
Neuro-Enhancer als Förderhilfe für den Nachwuchs?

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