Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Klimawandel verschiebt Ökosysteme der antarktischen Halbinsel
Erstmals auch deutliche Veränderungen an der Basis der Nahrungsketten nachgewiesen
Die antarktische Halbinsel gehört zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Orten der Erde. Kaum irgendwo steigen die Temperaturen so rasant wie hier. Jetzt haben neue, in „Science“ veröffentlichte Messungen enthüllt, dass dies nicht nur die Pinguine und andere Tiere an der Spitze der Nahrungskette beeinflusst, sondern auch die Mikroorganismen, die die Basis allen Lebens in der Region bilden.

Polares Meereis
Polares Meereis
© NOAA
In den letzten 50 Jahren sind die Temperaturen der antarktischen Halbinsel fünf Mal so schnell gestiegen wie im globalen Durchschnitt. Gleichzeitig hat die Zeit, in der die Küsten von Meereis bedeckt sind, deutlich abgenommen. Als Folge hat sich auch die Artenzusammensetzung in dieser Region verändert. Bisher durch Beobachtungen belegt ist die Verdrängung von Tieren, die auf Meereis angewiesen sind wie Adeliepinguine oder Krill, durch Arten die eisfreie Regionen bevorzugen wie Kehlstreifpinguine oder Laternenfische.

Veränderungen auch an der Basis der Nahrungskette
Im Rahmen des Programms LTER (“Long Term Ecological Research”) der National Science Foundation (NSG) der USA haben Wissenschaftler nun Satellitendaten sowie Daten der Forschungsstation Palmer und des Forschungsschiffs „Laurence M. Gould“ neu ausgewertet. Sie durchforsteten diese mithilfe neuer Methoden gezielt nach Veränderungen auch bei weniger auffälligen Tier- und Pflanzenarten.

Die Daten enthüllen, dass der Klimawandel nicht nur die Pinguine und andere Tiere an der Spitze der Nahrungskette bereits beeinflusst, sondern auch erste Auswirkungen auf das Phytoplankton der Region hat. Die winzigen Meeresalgen reagieren auf Veränderungen in der Meereisbedeckung und den Windverhältnissen. In den letzen 20 Jahren, so die Ergebnisse, hat sich die Primärproduktion in den Gewässern um die antarktische Halbinsel deutlich verändert.

„Ich muss zugeben, dass dieses Ergebnis keine Überraschung war“, erklärt Hugh Ducklow vom Labor für Meeresbiologie des Woods Hole-Forschungszentrums. „Angesichts der ganzen anderen Beobachtungen über Veränderungen bei Organismen weiter oben in der Nahrungskette glaubten wir nicht wirklich, dass das Phytoplankton diesem Ausmaß des Klimawandels entgehen könnte.“

Auswirkungen auf das Phytoplankton
Auswirkungen auf das Phytoplankton
© Zina Deretsky / NSF Auswirkungen auf das Phytoplankton
Überraschende Unterschiede zwischen Norden und Süden
Überraschend waren allerdings die starken Unterschiede zwischen dem Norden und Süden der antarktischen Halbinsel. Im Norden, wo bisher die stärksten Eisverluste aufgetreten sind und daher ohnehin schon viele eisabhängie Arten abgewandert sind, wird das Meerwasser durch stärkere Winde und offene See stärker durchmischt. Das Wachstum der Algen in dieser Schicht wird gebremst, weil diese im turbulenten Wasser weniger Licht erhalten. Als Folge sinkt die Primärproduktion hier.

Im Süden dagegen, bisher ein Refugium für eisliebende Arten, ist die Situation genau umgekehrt: Der beschleunigte Eisverlust, kombiniert mit nur geringen Winden, setzt einen größeren Teil der Wasseroberfläche dem Sonnenlicht aus und stimuliert dadurch das Algenwachstum. Vor allem die großen Kieselalgen, die unter anderem dem Krill als Nahrung dienen, gedeihen hier besonders gut.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Meereis, Antarktis, Nahrungskette, Klimawandel, globale Erwärmung, Aren, Biodiversität, Natur, Phytoplankton, Algen
Weitere News zum Thema
Vulkanausbrüche lösten die Kleine Eiszeit aus (01.02.2012)
Forscher finden Ursache der nachmittelalterlichen Kälteperiode
Meereis-Mangel sorgt für kalte Winter in Europa (27.01.2012)
Neue Studie deckt Zusammenhang zwischen arktischer Meereisbedeckung und Wetter in Mitteleuropa auf
Neue Strömung treibt Süßwasser ins kanadische Nordmeer (05.01.2012)
Umverteilung senkt Salzgehalt der Beaufortsee auf Rekordtiefen
Nordwestpassage ist für Grönlandwale offen (21.09.2011)
Schwindendes Meereis erlaubt Austausch zwischen atlantischen und pazifischen Meeresbewohnern
Meereisflächen in der Arktis so klein wie nie (12.09.2011)
Rekordminimum von 2007 noch unterschritten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Antarktis
Klimafolge Artensterben
Lake Wostok
Meereis
Klimaforschung
Polarforschung
Dossiers zum Thema
Antarktis
Am eisigen Ende der Welt
Lake Wostok
Rätselhafte Wasserwelt im ewigen Eis
Meereis
Wimmelndes Leben in salzigen Kanälen
Meereis adé?
Erster internationaler Polartag für eine schwindende Eiswelt
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
S.O.S. - Ist das Klima noch zu retten?
Klimakonferenz 2006: Zukunft Verhandlungssache
Alleskönner Alge
Von Sushi bis zur Blauen Biotechnologie
Flugunfähige Vögel
Kiwis, Kakapos, Takahe & Co
Eisberg ahoi!
Vergängliche Kolosse der Polarmeere
News des Tages
Klimawandel verschiebt Ökosysteme der antarktischen Halbinsel
Top-Quarks gibt’s nicht nur im Doppelpack
Datenspeicher gehen ins Netz
Hochspannung bringt Kühe durcheinander
Gehirne von Gitarrenduos im Gleichtakt
Bücher zum Thema
Zu den Kältepolen der Erde
von Klaus Fleischmann
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Warnsignal Klima
Gesundheitsrisiken: Gefahren für Pflanzen, Tiere und Menschen von Jose L. Lozan, Walter Maier, Hartmut Graßl, Gerd Jendritzky, Ludwig Karbe und Karsten Reise
Wetter, Klima und Klimawandel
Wissen für eine Welt im Umbruch von Nadja Podbregar, Harald Frater und Karsten Schwanke
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Der Klimawandel
von Stefan Rahmstorf und Hans J. Schellnhuber
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes