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Montag, 30.05.2016
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Gewaltiger Eisabbruch im antarktischen Schelfeis

Schmelzprozesse und Auftriebskräfte fördern Rissbildung im Eis

Ein riesiger Eisberg hat sich aus dem Schelfeis der West-Antarktis gelöst. Ursache dafür ist nach Angaben von Wissenschaftlern die zunehmende Erwärmung des Polarmeeres und damit verbunden Schmelzprozesse an der Eisunterseite. Sie erzeugen Auftriebskräfte, die Spannungen in der Eisschicht auslösen. Die Bruchzone ist für die Stabilität des Wilkins-Schelfeises von zentraler Bedeutung.
Bruch im Wilkins-Schelfeis

Bruch im Wilkins-Schelfeis

Anhand von Satellitenaufnahmen der Europäischen Raumfahrtagentur ESA verfolgen Wissenschaftler bereits über Jahre hinweg die Entwicklung einer sensiblen Region im Wilkins-Schelfeis, die das Schelfeis mit den beiden Inseln Charcot und Latady in der Westantarktis verbindet. Dieses Gebiet ist von zentraler Bedeutung für die Stabilität des Wilkins-Schelfeises. Bereits im Juli des Jahres 2007 konnten die Wissenschaftler ein besonders spektakuläres Ereignis beobachten: Innerhalb kürzester Zeit bildete sich ein 52 Kilometer langer Riss im 200 bis 250 Meter dicken Eis. Der Riss war in weniger als 30 Sekunden entstanden.

Bruch glich einer Explosion


Zwischen dem 28. und dem 29. Februar 2008 hat sich dann innerhalb von 24 Stunden der eigentliche Aufbruch ereignet. „Ich habe niemals etwas vergleichbares gesehen”, berichtet der Forscher Jim Elliott vom Britsh Antarctic Survey (BAS), der das Geschehen von Bord eines Forschungsflugzeugs beobachtete. „Es war atemberaubend. Wir flogen entlang des Hauptrisses und beobachteten das gewaltige Ausmaß der Bewegung nach dem Bruch. Große Eisbrocken von der Größe eines kleinen Hauses wurden wie Kiesel durcheinander geworfen – es war wie eine Explosion.“

Das abgebrochene Stück ist nach Messungen der Forscher fast 400 Quadratkilometer groß - und in mehrere gigantische Eisberge zerborsten. Der Steg zwischen den beiden Inseln ist seit dem Bruch nur noch sechs statt 20 Kilometer breit, was sich vermutlich weiter auf die Stabilität des Schelfeises auswirkt.


Stabilität des gesamten Gebiets gefährdet


„Durch den Aufbruch haben sich bereits bestehende Schwächezonen vergrößert und vereinigt, so dass das gesamte Wilkins-Schelfeis mit einer Größe von 14.000 Quadratkilometern jetzt gefährdet ist", erklärt Angelika Humbert von der Arbeitsgruppe Polargeophysik der Universität Münster. "Spektakulär ist hierbei nicht der Bruch alleine, sondern dessen Effekt auf die gesamte schwimmende Eisplatte."

Satellitenbild des Wilkins-Eisschelfs mit dem Bruch

Satellitenbild des Wilkins-Eisschelfs mit dem Bruch

Der Bruch konnte insbesondere durch Radarbilder des Europäischen Umweltsatelliten ENVISAT eindrucksvoll dokumentiert werden. Zugute kam den Forschern dabei, dass derzeit im Rahmen des Internationalen Polarjahrs verstärkt Bilder dieses Sensors über den Polarregionen aufgezeichnet werden und durch die zunehmende Anzahl der Satelliten fast täglich Bilder der Region verfügbar werden.

Auftriebskräfte erzeugen Spannungen im Eis


Die Untersuchungen zeigen, dass die Rissbildung im Schelfeis zwischen den beiden Inseln durch Auftriebskräfte entsteht: "Die Eisplatte ist innen dicker als an den Außenseiten", erklärt Humbert. "Die Auftriebskraft führt dazu, dass im Eis Spannungen aufbauen. Wenn sich diese aufgestaut haben, dann knallt es irgendwann". Schmelzseen auf der Eisoberfläche spielen im Gegensatz zu bisherigen Vermutungen keine Rolle.

Die Temperaturen entlang der Antarktischen Halbinsel sind im Vergleich zu anderen Regionen der Antarktis außergewöhnlich stark gestiegen. Auch die Ozeantemperaturen zeigen einen Trend zur Erwärmung. Dies wirkt sich auf Schelfeise zweifach aus: Schmelzprozesse an der Unterseite von Schelfeisen werden verstärkt und damit möglicherweise auch Eisdickenunterschiede, die hier zum Aufbruch geführt haben. Zudem erwärmt sich die gesamte Eismasse und hat somit eine geringere
Bruchzähigkeit, so die Forscher.
(BAS, Universität Münster, 27.03.2008 - NPO)