Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Stress verlängert das Leben
Studie: Vitamine und Antioxidantien reduzieren die Lebenserwartung
Sie gelten als Zellgifte und als Auslöser zahlreicher schwerer Krankheiten wie Arteriosklerose, Krebs oder Alzheimer: so genannte "reaktive Sauerstoff-Spezies" (ROS). Zu unrecht, wie eine neue, im Wissenschafts-Journal „Cell Metabolism“ erschienene Studie zeigt. Danach kann ein solcher oxidativer Stress das Leben sogar verlängern. Vitamine und Antioxidantien dagegen, die die Bildung von ROS unterdrücken, reduzieren die Lebenserwartung deutlich – zumindest bei Fadenwürmern.

Fadenwurm C. elegans
Fadenwurm C. elegans
© USDA
ROS sind hochreaktiven Moleküle, die in geringer Menge in jeder Körperzelle entstehen. Unter normalen Bedingungen ist das kein Problem. „Nehmen ROS aber überhand, so droht Gefahr für die Gesundheit", erläutert Professor Michael Ristow von der Universität Jena die bisher gültige Ansicht unter Medizinern.

Doch dieses einseitige Bild der schädlichen ROS muss revidiert werden, wie das Team um Ristow in einer aktuellen Studie belegt. Gemeinsam mit Wissenschaftlern des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke konnte Ristow an dem Modellorganismus Caenorhabditis elegans zeigen, dass oxidativer Stress und das damit verbundene Vorkommen von ROS die Lebenserwartung dieses Fadenwurms deutlich verlängert. „Umgekehrt verkürzt die Einnahme von bestimmten Vitaminen und Antioxidantien, die die Entstehung von ROS verhindern, die Lebensspanne der Tiere", so Ristow.

Weniger Traubenzucker – längeres Leben
Ausgangspunkt der Studie war die Beobachtung, dass der Verzicht auf Glukose (Traubenzucker) das Leben der Würmer entscheidend verlängert. Normaler Haushaltszucker besteht zur Hälfte aus Traubenzucker. So erreichten die Fadenwürmer bei normaler Nahrung ein durchschnittliches Alter von 30 Tagen. Blockierten die Forscher den Zucker-Stoffwechsel der Würmer, so überlebten diese ihre normal gefütterten Artgenossen jedoch um bis zu 40 Tage. „Dass eine kalorienarme Ernährung das Leben verlängern kann, ist der Wissenschaft jedoch nicht neu", macht Ristow deutlich. Doch die Jena-Potsdamer Studie liefert nun erstmals eine Erklärung für dieses Phänomen.

Eine Schlüsselrolle dabei spielen die Mitochondrien. In diesen „Zellkraftwerken" wird die Glukose in kleinere Moleküle zerlegt, was der Zelle Energie liefert. Fehlt es an Glukose, schalten die Mitochondrien auf andere Wege der Energiegewinnung um: Dann werden mit Hilfe von Sauerstoff vorwiegend Fette „verbrannt". Als Nebenprodukte dieser Verbrennung entstehen ROS: umso mehr je stärker dieser Stoffwechselweg - durch den Verzicht auf Glukose - genutzt wird. Und genau das verlängert den Fadenwürmern das Leben. „ROS aktivieren die Abwehrmechanismen der Zellen gegen oxidativen Stress, was sich in der Bilanz positiv auf die Lebenserwartung auswirkt", schlussfolgert Ristow.

Ergebnisse auf den Menschen übertragbar?
Auch wenn nach jetzigem Erkenntnisstand abzuwarten bleibt, ob sich diese Ergebnisse direkt auf den Menschen übertragen lassen, könnten sie auch für die Ernährung von Menschen weit reichende Konsequenzen haben. „Sie bestätigen nicht nur, dass Zucker in unserer Nahrung nur in Maßen vorkommen sollte", macht Ristow deutlich. Es sei vor allem im Hinblick auf die heute großzügig praktizierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, insbesondere Antioxidantien ein Umdenken nötig. Vor allem die Einnahme von Vitamin-Präparaten, wie Vitamin C oder E, sieht Ristow kritisch. „Sie verhindern die Entstehung von ROS und somit möglicherweise auch deren lebensverlängernde Wirkung."
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Caenorhabditis elegans, Vitamine, Würmer, Antioxidantien, Stress, Zellgifte, ROS, Glukose, Traubenzucker
Weitere News zum Thema
Evolution konstruiert Signalwege nach dem Baukastenprinzip (27.07.2011)
Fadenwürmer entwickeln gleiche Organe nach verändertem Proteinbauplan
Zellmüll verzögert Alterung (15.02.2011)
Forscher beeinflussen körpereigene „Abfallentsorgung“
Lithium als Jungbrunnen (14.02.2011)
Spurenelement verlängert Leben – bei Fadenwürmern und Menschen
Die wissenschaftlichen Errungenschaften des Jahres (17.12.2010)
„Science”-Magazin kürt bedeutendste Durchbrüche in 2010
Gene: Position entscheidet über Variabilität (15.10.2010)
Neuer Faktor für die Vielfalt der individuellen Unterschiede entdeckt
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Apoptose
Krebs
Dossiers zum Thema
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
Viren und Krebs
Entdeckungsgeschichte einer „unmöglichen“ Beziehung
Der Tod
Tabu und Faszination
Personalisierte Ernährung
Maßgeschneiderte Ernährung oder Allerweltskost?
Pflanzen unter Stress
Abwehrstrategien gegen Mensch, Mikrobe und Chemie
Umweltgifte
Neue Gefahr für die Gesundheit des Menschen?
News des Tages
Physiker knacken Knotenrätsel
Stress verlängert das Leben
Pflanzenfarben beeinflussen Gene
Drohende Strafe bremst Egoismus
Künstliche Hornhaut schützt vorm Erblinden
Schwerelosigkeit enthüllt Flüssigkeitseigenschaft
Schnitzeljagd in der Ostsee
Bücher zum Thema
Der kleine Medicus
von Dietrich H. W. Grönemeyer
Wunder Mensch
Eine Reise durch unseren Körper von Alexander Tsiaras und Barry Werth
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Thema Krebs
von Hilke Stamatiadis- Smidt, Harald zur Hausen und Otmar D. Wiestler
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes