Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 18.03.2010
Wie wir suchen und finden
Gehirn nutzt Merkmal als Suchhilfe
Es ist erstaunlich: Einen bestimmten Gegenstand in einer Masse von Dingen schnell zu finden, ist meist kein Problem. Welche Tricks unser Gehirn beim Suchen anwendet, haben jetzt Neurowissenschaftler aufgeklärt. Der Trick: Unser Gehirn konzentriert sich zunächst auf ein bestimmtes Merkmal des gesuchten Gegenstandes und voraktiviert die Hirnregionen, die dieses Merkmal verarbeiten.

Beachtung bestimmter Reize bewirkt spezifische Hirnaktivität im Hinterkopf.
Beachtung bestimmter Reize bewirkt spezifische Hirnaktivität im Hinterkopf.
© Universität Leipzig
Schon lange existieren verschiedenste Theorien darüber, wie es Menschen gelingt, in einer Welt voll von Objekten, ganz bestimmte Dinge zu suchen und auch zu finden. Denn so einfach ist das nicht. Würde man jeden Gegenstand einzeln nacheinander betrachten, bräuchte man beispielsweise Stunden, um in der unordentlichen Wohnung seine rote Mütze wieder zu finden. Leipziger Wissenschaftler bestätigen jetzt eine andere Vorgehensweise: die parallele Suche.

„Leitmerkmal“ als Suchhilfe
"Dabei bedient sich das Gehirn eines Tricks", so Matthias Müller, Professor für Psychologie an der Universität Leipzig. "Es ruft sich Merkmale des Gegenstandes ins Gedächtnis und sucht dann gleichzeitig alle Gegenstände gezielt danach ab."So findet man seine rote Mütze im Chaos nur deshalb, weil man zunächst, mehr oder weniger unterbewusst, nur auf das Merkmal 'rot' achtet.“

Was genau bei dieser parallelen Suche im menschlichen Gehirn abläuft, konnten die Wissenschaftler jetzt erstmals in einer EEG-Studie zeigen: "Sobald sich die Versuchsperson im Experiment nur auf die roten Punkte auf einem Bildschirm konzentrieren sollte, erhöhte sich die Aktivierung der Hirnregionen - in der Sehrinde im Hinterkopf - die das Merkmal 'rot' verarbeiten. Interessanterweise war dabei auch das Hirnareal erregter, das einkommende Sehinformationen als erstes analysiert: die so genannte primäre Sehrinde.“

Gehirn erzeugt Netzwerk
„Unser Gehirn aktiviert also die Bereiche stärker, die für die Verarbeitung des gesuchten Merkmals zuständig sind und meldet es dann der primären Sehrinde. "Damit entsteht ein Netzwerk.", so Müller "Es bewirkt, dass schon die primäre Sehrinde wie ein Filter funktioniert und nur das Merkmal ('rot') hervorhebt, was wir suchen. Der Rest (z.B. 'blau') wird sozusagen ausgeblendet. Dadurch finden wir schneller was wir suchen." In unserer unaufgeräumten Wohnung fallen uns also zunächst nur alle roten Dinge ins Auge. Zwischen einem roten Pullover, einer roten Dose und einem Buch mit rotem Einband ist unsere rote Mütze dann schnell entdeckt.

Veröffentlicht wurden die Erkenntnisse zur visuellen Suche beim Menschen, die in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Neurowissenschaften in Havanna/ Cuba und der Universität San Diego/ Kalifornien entstanden, nun in der Fachzeitschrift PNAS.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
NEurobiologie, SUchen, Finden, Merkmal, GEhirn, Sehrinde, Wahrnehmung, visuelle Wahrnehmung
Weitere News zum Thema
Tanzen liegt Menschen im Blut (16.03.2010)
Reaktion auf den Rhythmus der Musik ist angeboren
Pupillen verraten Entscheidungen (08.03.2010)
Gedankenlesen leicht gemacht?
„Müll-Enzym“ lässt Nervenzellen wachsen (17.02.2010)
Regulator der Dendritenentwicklung im jungen Gehirn identifiziert
Schlaf- und Beruhigungsmittel: eine Bindung macht die Sucht (11.02.2010)
Entdeckung des suchtauslösenden Mechanismus von Benzodiazepinen ermöglicht nun selektivere Wirkstoffe
Schokoholics scheuen keinen Schmerz (09.02.2010)
„Schokosüchtige“ Mäuse nehmen selbst Elektroschocks in Kauf
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Illusion und Wirklichkeit
Die visuelle Wahrnehmung des Menschen auf Irrwegen
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Träumen
Wenn das Gehirn eigene Wege geht...
Schmerz
Alarmstufe Rot im Nervensystem
Pfui Spinne!
Warum wir uns ekeln
News des Tages
Testosteron tötet Gehirnzellen
Stoppt Schmelzwasser die „Fernheizung Europas“?
„Dritte Säule“ der Immunabwehr entdeckt
Moleküle im Anzug
Keramik als verlustfreie Stromleiter
Farbenspektrum erhält neue Nuance
Wie wir suchen und finden
Bücher zum Thema
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Die blinde Frau, die sehen kann
Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee
Descartes' Irrtum
Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio
Top-Clicks der Woche
1. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
2. Gehirn liebt keine Überraschungen
3. Neue Belege für “Schneeball Erde”
4. Galaxien-Explosion stoppte junges Universum
5. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte