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Samstag, 03.12.2016
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Gehirn: Liebe sitzt rechts

Wissenschaftler lokalisieren Gehirnaktivität von Verliebten

Liebe sitzt nicht im Herzen sondern im Gehirn, soviel scheint klar. Doch wo das Gefühl dort sitzt, hat jetzt ein interdisziplinäres Forscherteam herausgefunden. Sie entdeckten bei jungen, frisch verliebten Versuchspersonen quantifizierbare Reaktionen in Hirnbereichen, die bisher eher mit Motivation und Belohnung als mit Emotionen und Sex in Verbindung gebracht worden waren.
Verliebtes Paar

Verliebtes Paar

Für die jetzt im Fachmagazin Journal of Neurophysiology veröffentlichte Studie untersuchte ein Team aus Neurowissenschaftlern, Anthropologen und Psychologen das Gehirn von 17 jungen Männern und Frauen, die sich selbst als „gerade frisch und heftig verliebt“ bezeichneten, in einem Magnetresonanztomographen.

Liebe aktiviert Belohnungsregion


Die Ergebnisse waren überraschend: Intensive romantische Liebe aktiviert offensichtlich die Dopamin-reichen Belohnungsregionen unter der Hirnrinde und damit auch die Systeme, die für das Streben nach Belohnung zuständig sind. “Die meisten unserer Teilnehmer zeigten deutliche emotionale Reaktionen”, erklärt Arthur Aron von der State Universität von New York. Aber wir fanden kein konsistentes emotionales Muster. Stattdessen zeigten alle Probanden Aktivität in den Regionen für Motivation und Belohnung. Für Emotionsforscher wie mich, ist das ziemlich aufregend, denn es sind die ersten physiologischen Daten, die eine Verbindung zwischen romantischer Liebe und den Motivationsschaltkreisen im Gehirn belegen.“

“Offenbar lässt sich romantische Liebe am besten als Motivation oder zielgerichteter Zustand beschreiben, der zu verschiedenen spezifischen Emotionen führt, darunter Euphorie oder Angst”, so Aron weiter. „Aus dieser Sicht wird es klarer, warum Verliebte so einen Drang verspüren, ihre Geliebte oder ihren Geliebten zu umwerben und die Beziehung zu schützen.“


Liebe und Sex sind auch im Gehirn verschieden


Gleichzeitig könnte die Studie auch die historische Frage beantworten, ob Liebe und Sex das Gleiche oder etwas Anderes sind. Der Wissenschaftler erklärt: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Gehirnregionen, die aktiv sind, wenn jemand das Foto eines geliebten Menschen ansieht nur teilweise mit denen überlappen, die für sexuelle Erregung zuständig sind. Sex und romantische Liebe finden in deutlich verschiedenen Gehirnbereichen statt.“

Ein bahnbrechendes Ergebnis, ist nach Ansicht der Forscher auch, dass sie verschiedene Gehirnbereiche identifizieren konnten, in denen die Stärke der neuronalen Aktivität sich mit der Dauer der romantischen Liebe veränderte. Liebesbeziehungen verändern sich damit offensichtlich nicht nur im subjektiven Empfinden der Partner, sondern mit dem Reifen der Liebe verändert sich auch im Gehirn etwas.

Helen E. Fisher, Anthropologin an der Rutgers Universität in New Jersey, berichtet, dass einige dieser Veränderungen genau in den Gehirnbereichen auftraten, die schon in vorherigen Versuchen an Präriewühlmäusen als mit Partnerbindung assoziiert identifiziert worden waren. Die Magnetresonanzbilder zeigten deutlich mehr Aktivität in der so genannten ventralen Pallidum Region der Basalganglien bei Menschen mit länger bestehenden Liebesbeziehungen. In dieser Region finden sich Rezeptoren für das Hormon Vasopressin, einem Botenstoff, der als entscheidend für die Paarbindung bei den Wühlmäusen gilt.

Liebe stärker als Sex


“Menschen haben drei deutlich verschiedene aber miteinander verbundene neuronale Systeme für Paarbindung und Reproduktion – den Sexualtrieb, Verliebtsein oder romantische Liebe und schließlich die Bindung an einen Langzeitpartner“, erklärt Fisher. „ Unsere Ergebnisse zeigen, wie Verliebtsein in das Gefühl der Bindung übergehen kann. Sie bestätigen damit, was wir Menschen schon immer angenommen haben – dass romantische Liebe eine der stärksten Erfahrungen des Menschen ist. Es ist definitiv stärker als der Sexualtrieb.“

“Wenn jemand Ihre sexuellen Annäherungsversuche abweist, fügen Sie sich oder dem Anderen normalerweise deshalb keinen Schaden zu“, so Fisher. „Aber in der ganzen Welt kommt es vor, dass in der Liebe abgewiesene Männer und Frauen sich oder ihre Geliebten umbringen. Studien zeigen sogar, dass 40 Prozent der Abgewiesenen sogar in eine klinische Depression abrutschen.“

Liebe sitzt rechts, Attraktivität links


Und noch eine weitere, überraschende Entdeckung machten die Forscher: Erstaunlicherweise lagen die mit romantischer Liebe verbundenen Gehirnregionen größtenteils in der rechten Gehirnhälfte, obwohl die mit äußerer Attraktivität assoziierten Areale meist in der linken angesiedelt sind. „Eine so auffällige Lateralisierung haben wir nicht erwartet“, erklärt Lucy Brown, Neurowissenschaftlerin am Albert Einstein College of Medicine.

„Es ist bekannt, dass Sprache eine vorwiegend linkseitige Funktion der Hirnrinde ist. Aber unsere Daten deuten darauf hin, dass auch in den tiefer liegenden Gehirnregionen eine Seitenverteilung auftritt. Darüber hinaus sind auch verschiedene neuronale Belohnungsprozesse lateralisiert - in diesem Fall der ‚Rausch des Verliebtseins’ im Vergleich mit dem angenehmen Gefühl beim Anblick eines schönen oder hübschen Gesichts. Diese Ergebnisse geben uns eine Menge zu denken darüber, wie das menschliche Gehirn im Allgemeinen lernt und erinnert.“

Liebe im Dienste der Paarbindung?


Die Studie könnte auch eine der Fragen klären helfen, die schon Darwin sich stellte – nach den Mechanismen der sexuellen Selektion. „Darwin und viele seiner Nachfolger haben Myriaden von physiologischen Ornamenten studiert, die Angehörige eines Geschlechts einer Art entwickelt haben, um die Mitglieder des anderen Geschlechts anzuziehen, wie die Federn des Pfauenrades“, erklärt Fisher. „Aber niemand hat bisher untersucht, was im Gehirn des Betrachters abläuft, der von diesen Attributen angezogen wird. Unsere Studie zeigt nun, was in dessen Gehirn geschieht.“

Ihre Kollegin Brown ergänzt: „Dieses Gehirnsystem hat sich vermutlich aus einem wichtigen Grund entwickelt – um unsere Vorfahren dazu zu bringen, ihre Paarbindungsenergien auf spezifische Individuen zu konzentrieren und damit wertvolle Zeit und Energie zu sparen. Vielleicht ist sogar die Liebe auf den ersten Blick eine grundsätzliche Reaktion der Säugetiere, um den Paarbindungsprozess zu beschleunigen, die unsere Ahnen erbten.“

Doch nach Ansicht der Wissenschaftler nehmen auch diese geradezu technisch anmutenden Erklärungen dem Gefühl der Liebe nichts von ihrem Zauber: „Wir Menschen erleben Gefühle wie Liebe als ‚magisch’, aber unsere Ergebnisse schmälern diese Magie auch in keinerlei Weise“, so Brown. „Sie helfen nur zu erklären, warum ein verliebter Mensch sich unter anderem geradezu getrieben fühlt, seinen geliebten Menschen für sich zu gewinnen.“
(American Physiological Society, 01.06.2005 - NPO)
 
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