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Dienstag, 16.10.2018
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Mittel gegen Zöliakie in Sicht?

Antikörperfragmente sollen Gluten im Körper unschädlich machen

Hoffnung für Zöliakie-Patienten: Forscher haben ein potenzielles Mittel gegen Glutenunverträglichkeit entwickelt. Ihr Komplex aus Antikörperfragmenten dockt an aufgenommenes Gluten aus der Nahrung an und neutralisiert es dadurch. Als Folge kann das Klebereiweiß im Darm keine schädliche Wirkung mehr entfalten. Das Präparat soll schon in wenigen Jahren in der Apotheke erhältlich sein - ob es die Zöliakie-Symptome vollständig beseitigt oder nur abschwächt, ist allerdings noch unklar.
Menschen mit Zöliakie vertragen das in vielen Getreidearten enthaltene Gluten nicht.

Menschen mit Zöliakie vertragen das in vielen Getreidearten enthaltene Gluten nicht.

Rund ein bis zwei Prozent der Menschen in Europa leiden an Zöliakie. Betroffene dieser Autoimmunkrankheit vertragen das in vielen Getreidearten enthaltene Klebereiweiß Gluten nicht: Es veranlasst ihre körpereigene Abwehr dazu, den Darm anzugreifen. Aus diesem Grund müssen Patienten eine strenge Diät einhalten und ein Leben lang auf Weizen, Dinkel, Roggen und Co verzichten.

Zwar wird inzwischen auch an potenziellen Medikamenten geforscht. Diese Wirkstoffe sind jedoch noch weit von der Marktreife entfernt. Außerdem greifen sie aktiv in das Immunsystem ein, was die Gefahr von Nebenwirkungen mit sich bringt. Britta Eggenreich von der Technischen Universität Wien und ihre Kollegen haben sich daher nun einen anderen Ansatz ausgedacht: Sie entwickelten ein Mittel, das die Gluten-Moleküle im Darm einfach unschädlich macht.

Neutralisierende Antikörper


"Unser Körper produziert Antikörper, die genau zu eindringenden Antigenen passen, wie ein Schlüssel zum Schloss – dadurch werden diese Antigene neutralisiert", erklärt Eggenreichs Kollege Oliver Spaduit die Idee. "Wenn man ein Antikörperfragment findet und herstellt, das an das eindringende Gluten andockt und es blockiert, ohne aber eine Immunreaktion zu erzeugen, kann man die Symptome der Zöliakie unterdrücken."


Für ihre Studie entwickelten die Forscher einen Komplex aus zwei Antikörperfragmenten, der das Gluten-Molekül passgenau umklammern kann. Um die gewünschten Fragmente schließlich zu produzieren, programmierten sie Escherichia-coli-Bakterien um. "Die Bildung solcher Proteine in einem Bakterium ist ein höchst komplizierter Prozess", sagt Spaduit. "Daher hat es eine Weile gedauert – aber nun haben wir ein Verfahren entwickelt, das gut reproduzierbar ist, auf industriellen Maßstab skaliert werden kann und eine sehr gute Ausbeute des gewünschten Produkts liefert."

Erfolgreich gebunden


Doch wie gut funktionieren die Antikörperfragmente aus der Bakterienfabrik? Erste Versuche zeigten: Die sogenannten scFv-Fragmente können Klebereiweiß aus unterschiedlichen Getreidearten erfolgreich binden, sodass es keine schädlichen Auswirkungen im Darm haben kann – darunter Weizen, Roggen und Gerste. "Seine hohe Bindungsspezifität gegenüber Gluten-haltigen Getreiden macht dieses neue Molekül zu einem wertvollen Kandidaten für eine mögliche Zöliakie-Therapie", schreiben die Wissenschaftler.

Wie sie betonen, kann das Mittel die Darmbarriere nicht durchdringen und somit nicht in den Körper gelangen. Es wirkt sich demnach auf keine anderen biologischen Systeme aus und wird schlussendlich einfach ausgeschieden. Dank dieser Eigenschaften muss das neue Mittel nicht als Medikament zugelassen werden, sondern kann als simples Medizinprodukt registriert werden – und somit deutlich schneller auf den Markt gelangen.


Schon bald erhältlich?


"Es wird sich um ein Präparat handeln, das Zöliakie-Patienten zusammen mit glutenhaltigen Lebensmitteln einnehmen können, um die Symptome zu lindern", erklärt Spadiut. Allerdings: "Ob die Beschwerden dadurch ganz verschwinden oder nur abgeschwächt werden, muss sich erst zeigen – das ist wohl auch von Person zu Person unterschiedlich. Wir rechnen jedenfalls fest damit, dass das Produkt bereits im Jahr 2021 in gewöhnlichen Apotheken zu haben sein wird", schließt der Forscher. (BMC Biotechnology, 2018; doi: 10.1186/s12896-018-0443-0)
(Technische Universität Wien, 25.09.2018 - DAL)
 
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