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Freitag, 21.09.2018
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Organtransport ohne Kühlbox besser?

Maschinelle Durchblutung verringert Schäden an Spenderlebern

Statt Kühlbox: Seit Jahrzehnten werden Spenderlebern für den Transport zum Empfänger heruntergekühlt. Doch nicht alle Organe überstehen diese Prozedur. Eine schonendere Alternative zur Kühlbox könnte ein Verfahren sein, das die Leber in einen Zustand wie im Körper versetzt. Forscher haben diesen Ansatz nun erstmals in einer größeren Studie gegen die herkömmliche Kühlmethode antreten lassen – mit vielversprechenden Ergebnissen.
Eine Alternative zur Kühlbox könnte die maschinelle Durchblutung des Organs bei Körpertemperatur sein.

Eine Alternative zur Kühlbox könnte die maschinelle Durchblutung des Organs bei Körpertemperatur sein.

Für Menschen mit akutem Leberversagen oder einer chronischen Lebererkrankung ist eine Organtransplantation oftmals die letzte Rettung. Doch der Bedarf an Spenderlebern ist groß und die Wartelisten sind lang. Aus diesem Grund müssen Mediziner immer häufiger auf Organe zurückgreifen, die zwar noch funktionieren, aber nicht in einem optimalen Zustand sind – zum Beispiel aufgrund von Vorerkrankungen des Spenders. Das Problem: Gerade solche angeschlagenen Spenderlebern überstehen den Transport zum Patienten oftmals nicht.

Die seit Jahrzehnten angewandte Methode, die Organe herunter zu kühlen und in einer Kühlbox zu lagern, erweist sich bei diesen Lebern häufig als fatal. So sind vorbelastete Organe zum Beispiel generell anfälliger für sogenannte Reperfusionsschäden – sie können entstehen, wenn nach längerer Minderdurchblutung wieder frisches Blut durchs Gewebe fließt. Forscher fahnden deshalb schon länger nach besseren Möglichkeiten, Lebertransplantate vom Spender zum Empfänger zu bringen.

Künstlicher Blutkreislauf


Auf der Suche nach Alternativen ist in den letzten Jahren unter anderem die sogenannte normotherme Maschinenperfusion (NMP) in den Fokus gerückt. Dabei wird die Leber in einem Apparat transportiert, der ihr gewissermaßen vorgaukelt, sich noch im Organismus zu befinden. Sie behält Körpertemperatur und wird über Schläuche mit sauerstoffreichem Blut, Nährstoffen sowie speziellen Medikamenten versorgt. Angeschlossen an diesen künstlichen Blutkreislauf funktioniert sie weiterhin wie im Körper und kann zur Not sogar bis zu 24 Stunden am Leben gehalten werden.


David Nasralla von der University of Oxford und seine Kollegen haben nun erstmals den klinischen Vergleich in einer randomisiert kontrollierten Studie gewagt: Wovon profitieren Patienten mehr – dem Spenderorgan aus der Kühlbox oder dem, durch das beim Transport noch Blut fließt? Für ihre Untersuchung teilten sie 220 zur Transplantation entnommene Lebern zufällig in eine von zwei Gruppen ein: die einen sollten gekühlt, die anderen mit dem NMP-Verfahren zum Patienten gebracht werden.

Weniger Transplantatschäden


Es zeigte sich: Zwar bekamen die Patienten mit der NMP-Methode ein deutlich länger konserviertes Organ – die Dauer von der Entnahme bis zur Transplantation verlängerte sich durch die Prozedur um 54 Prozent. Trotzdem überstanden diese Lebern die Zeit außerhalb des Körpers deutlich besser, wie die Wissenschaftler berichten. Demnach gingen weniger Organe verloren und die transplantierten Lebern trugen außerdem nur halb so viele Schäden davon – darauf deutete die Zahl auf einen Transplantatschaden hinweisender Leberenzyme hin.

Ein Jahr nach der Operation gab es in beiden Gruppen keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf das Überleben des Spenderorgans oder des Empfängers selbst. Die Forscher gehen jedoch davon aus, dass sich die maschinelle Perfusion langfristig positiv auf den Erfolg der Transplantation auswirkt. "Die Möglichkeit, ein Organ unter nahezu normalen Bedingungen zu transportieren, könnte die Lebertransplantation entscheidend voranbringen", konstatiert Nasralla. Er hofft, dass dank lebenserhaltender Maßnahmen beim Transport schon bald deutlich weniger Spenderlebern verloren gehen – und die Wartelisten kürzer werden.


"Keine abschließende Garantie"


Peter Schemmer von der Medizinischen Universität Graz bewertet die Studie ebenfalls positiv: "Der weltweite Mangel an Spenderorganen bleibt die größte Herausforderung in der heutigen Transplantationsmedizin. Daher ist jedes Verfahren, das den Spenderpool erweitert – wie auch die NMP – sehr willkommen."

Gleichzeitig warnt der nicht an der Untersuchung beteiligte Mediziner jedoch vor übersteigerter Euphorie: "Es muss einschränkend festgehalten werden, dass es durch diese Methode derzeit erstens keine abschließende Garantie für eine verlässliche Leberfunktion nach deren Transplantation gibt und zweitens aus Lebern, die mit heutigem Verständnis nicht zur Transplantation geeignet sind, auch keine Lebern werden, die verlässlich Leben retten." (Nature, 2018; doi: 10.1038/s41586-018-0047-9)
(Nature Press, 19.04.2018 - DAL)
 
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