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Samstag, 25.11.2017
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Angst vor Spinnen ist uns angeboren

Bereits bei Babys lösen Krabbeltiere und Schlangen Stressreaktionen aus

Pfui Spinne: Die Angst vor Spinnen und Schlangen ist uns offenbar angeboren. Experimente zeigen: Schon sechs Monate alte Babys reagieren gestresst bei dem Anblick der Tiere – lange bevor sie diese Reaktion gelernt haben können. Demnach muss die Abneigung gegenüber diesen potenziell gefährlichen Tiergruppen einen evolutionären Ursprung haben. Vermutlich konnte sie sich entwickeln, weil Reptilien und Spinnentiere bereits seit Jahrmillionen mit dem Menschen und seinen Vorfahren koexistieren.
Kaum einer wird nicht nervös bei dem Gedanken, eine Spinne, und sei sie noch so harmlos, könne auf seinem Arm hochkrabbeln.

Kaum einer wird nicht nervös bei dem Gedanken, eine Spinne, und sei sie noch so harmlos, könne auf seinem Arm hochkrabbeln.

Schlangen und Spinnen rufen bei vielen Menschen Angst und Ekel hervor. Auch hierzulande wird wohl kaum einer nicht bei der Vorstellung nervös, eine Spinne könne sein Hosenbein hochkrabbeln. Diese Abneigung ist streng genommen unbegründet. Schließlich gibt es bei uns fast keine Spinnen oder Schlangen, die dem Menschen gefährlich werden können.

Trotzdem leiden bei uns manche Menschen sogar an einer echten Phobie gegenüber diesen Tieren: Sie sind ständig in Alarmbereitschaft und betreten keinen Raum bevor er nicht als "spinnenfrei" erklärt wurde oder gehen nicht in die Natur aus Angst, sie könnten einer Schlange begegnen. In Industrienationen sind immerhin ein bis fünf Prozent von einer solchen Angststörung betroffen.

Erlernt oder angeboren?


Doch wie kommt es zu dieser verbreiteten Abneigung oder gar Phobie? Wissenschaftler sind sich uneinig darüber, ob wir sie als Kinder erlernen oder ob sie uns angeboren ist. Denn obwohl es heute zumindest in unseren Breitengraden kaum gefährliche Arten gibt, könnte die Spinnen- und Schlangenangst aus evolutionärer Sicht sogar Sinn ergeben – und unsere Vorfahren vor giftigen Attacken geschützt haben.


Um diese Frage endgültig zu klären, haben Stefanie Hoehl vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und ihre Kollegen nun Experimente mit sechs Monate alten Babys gemacht. In diesem Alter haben die Kinder in der Regel noch kaum Gelegenheit dazu gehabt, zu lernen, dass diese beiden Tiergruppen negativ sein sollen.

Als die Babys statt einer Blume oder eines Fischs eine Schlange oder Spinne sahen, vergrößerten sich deutlich ihre Pupillen (grüne Kurve im Vergleich zur roten).

Als die Babys statt einer Blume oder eines Fischs eine Schlange oder Spinne sahen, vergrößerten sich deutlich ihre Pupillen (grüne Kurve im Vergleich zur roten).

Pupillen verraten Stressreaktion


Im Versuch zeigten die Forscher ihren kleinen Probanden Bilder von unterschiedlichen Tieren und beobachteten deren Reaktion. Dabei machten sie eine entscheidende Entdeckung: "Als wir den Kindern Bilder einer Schlange oder Spinne zeigten statt etwa einer Blume oder eines Fischs gleicher Farbe und Größe, reagierten sie mit deutlich vergrößerten Pupillen", berichtet Hoehl. "Das ist bei gleichbleibenden Lichtverhältnissen ein wesentliches Signal dafür, dass das sogenannte noradrenerge System im Gehirn aktiviert wird, das mit Stressreaktionen in Verbindung steht."

Schon die Kleinsten reagieren demnach beim Anblick von Spinnen und Schlangen deutlich gestresst. Damit ist für das Team klar: Die Angst vor diesen Tieren muss einen evolutionären Ursprung haben. "Bei uns sind offensichtlich von Geburt an Mechanismen im Gehirn verankert, durch die wir sehr schnell Objekte als Spinne oder Schlange identifizieren und darauf reagieren können", sagt die Neurowissenschaftlerin.

Kurzer Weg zur Phobie


Diese offenbar angeborene Stressreaktion prädestiniert uns wiederum dafür, Spinnen und Schlangen als gefährlich oder eklig zu erlernen. Wenn dann noch weitere Faktoren hinzukommen, kann sich daraus eine echte Angst oder gar Phobie entwickeln, berichtet Hoehl: "Eine starke, panische Abneigung der Eltern oder auch die genetische Veranlagung zu einer überaktiven Amygdala, die wichtig für die Bewertung von Gefahren ist, können hier schnell aus einer erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber diesen Tieren eine echte Angststörung entstehen lassen."

Das Interessante dabei: Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass Babys Bilder von Nashörnern, Bären oder anderen Tieren nicht mit Angst assoziieren – obwohl uns diese theoretisch ebenfalls gefährlich werden können. Was also unterscheidet Spinnen und Schlangen von anderen potenziell bedrohlichen Tiergruppen?

Lange Koexistenz als Erklärung


"Wir vermuten, dass die gesonderte Reaktion beim Anblick von Spinnen oder Schlangen damit zusammenhängt, dass gefährliche Reptilien und Spinnentiere mit dem Menschen und seinen Vorfahren seit 40 bis 60 Millionen Jahren koexistieren – und damit deutlich länger als etwa mit den uns heute noch gefährlichen Säugetieren", sagt Hoehl. Die Reaktionen, die die heute von Geburt an gefürchteten Tiergruppen auslösen, konnten sich damit über einen evolutionär sehr langen Zeitraum im Gehirn verankern.

Vermutlich ist das auch der Grund, warum moderne Gefahren wie Messer, Spritzen oder Steckdosen Babys nicht zurückschrecken lassen. Sie existieren aus evolutionärer Sicht erst für so kurze Zeit, dass sich dafür keine Reaktionsmechanismen im Gehirn von Geburt an angelegt haben. "Eltern wissen sehr genau, wie schwierig es ist, ihren Kindern beizubringen, sich vor den Risiken unseres Alltags in Acht zu nehmen und zum Beispiel nicht in eine Steckdose zu fassen", schließt die Forscherin. (Frontiers in Psychology, 2017)
(Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, 20.10.2017 - DAL)
 
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