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Donnerstag, 14.12.2017
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Folgen des Tiefsee-Bergbaus wären irreversibel

Artenverlust durch keine gängige Maßnahme zu verhindern oder rückgängig zu machen

Unausweichlich und irreversibel: Meeresforscher warnen erneut vor den ökologischen Folgen des Tiefsee-Bergbaus. Ein gravierender Artenverlust in der Tiefsee sei durch den Abbau der Rohstoffe unausweichlich, erklären sie. Denn die vier normalerweise eingesetzten Maßnahmen – Vermeidung, Minimierung, Renaturierung und Ausgleichsflächen – funktionieren in der Tiefsee nur eingeschränkt oder gar nicht, berichten die Forscher im Fachmagazin "Nature Geoscience".
Die metallreichen Ablagerugnen um hydrothermale Schlote wecken Begehrlichkeiten, doch die Lebenswelt der Tiefsee könnte durch einen Abbau irreversibel geschädigt werden.

Die metallreichen Ablagerugnen um hydrothermale Schlote wecken Begehrlichkeiten, doch die Lebenswelt der Tiefsee könnte durch einen Abbau irreversibel geschädigt werden.

Die reichhaltigen Rohstoffvorkommen in der Tiefsee wecken Begehrlichkeiten. Manganknollen und Ablagerungen an hydrothermalen Schloten enthalten Milliarden Tonnen an Kupfer, Gold, Kobalt, Mangan und Seltenerdmetallen. Schon jetzt laufen erste Tests in den Lizenzgebieten der sogenannten Clarion-Clipperton-Zone im zentralen Pazifik.

Doch klar ist auch, dass der Bergbau in der Tiefsee schwerwiegende Folgen für die sensiblen Ökosysteme dieser noch weitgehend unerforschten Meereszone haben könnte. Ein Langzeitexperiment ergab erst kürzlich, dass allein das Umpflügen des Meeresbodens das Tiefsee-Ökosystem noch 25 Jahre später beeinträchtigt.

"Unerreichbares Ziel"


Jetzt schlagen Meeresforscher erneut Alarm. In einem gemeinsamen Statement erklären 15 Wissenschaftler, warum der Tiefsee-Bergbau einen unvermeidbaren und irreversiblen Verlust von Tiefseearten nach sich ziehen wird. Viele dieser Arten könnten verschwinden, bevor sie von uns Menschen überhaupt entdeckt worden sind. "Ein Bergbau ohne Nettoverlust der Artenvielfalt ist ein unerreichbares Ziel", warnen die Forscher.


Typischerweise nutzen Abbauprojekte an Land und auf See vier Methoden, um den Verlust der Artenvielfalt zu erreichen: Man versucht, den Artenschwund von vornherein zu vermeiden, ihn zu minimieren, nach dem Abbau die Flächen zu renaturieren und schließlich, den Verlust der Arten durch Ausgleichsflächen wettzumachen. Doch alle vier Maßnahmen könnten in der Tiefsee versagen, wie die Forscher erklären.

Diese Garnelen leben an hydrothermalen Schloten der Tiefsee - und damit in zukünftigen Abbaugebieten.

Diese Garnelen leben an hydrothermalen Schloten der Tiefsee - und damit in zukünftigen Abbaugebieten.

Artenverlust nicht verhinderbar


Faktor Vermeidung: Typischerweise würde man dies erreichen, indem man die Abbauflächen wie einen Flickenteppich zwischen noch unberührten Tiefseeflächen platziert. Dies soll die Erhaltung der ortstypischen Lebenswelt ermöglichen und später die Wiederbesiedlung der Abbauflächen erleichtern. Doch das wird nicht funktionieren, so die Forscher. Einer der Gründe: Der Abbau wirbelt enorme Sedimentmengen auf, die sich auch auf nicht betroffenen Flächen ablagern und alles Leben ersticken.

Faktor Minimierung: Innovative Technologien könnten durchaus einige der Risiken für die Biodiversität verringern, beispielsweise indem Abbaugeräte mit großen Planen umhüllt werden, die das Aufwirbeln des Sediments minimieren. Auch das Design der Unterwasserfahrzeuge könnte so angelegt werden, dass sie den Meeresboden möglichst wenig verdichten. Das Problem: Keine dieser Technologien existiert bisher.

"Remediation ist unrealistisch"


Faktor Remediation: Beim Tagebau und anderen Abbauflächen soll eine Renaturierung nach Ende der Abbauarbeiten die Wiederbesiedelung des Areals fördern und so die einstige Artenvielfalt wiederherstellen. Doch in der Tiefsee könnte dies scheitern: "Die extrem langsame Erholung in Zeiträumen von Jahrzehnten bis Jahrhunderten, die enormen Größen der Abbaugebiete und die hohen Kosten für Arbeiten in der Tiefsee machen eine Remediation der Abbaugebiete unrealistisch", konstatieren die Forscher. Die größten Abbauareale in der Tiefsee könnten 83.000 Quadratkilometer umfassen – das ist so groß wie ganz Österreich.

Diese Seeanemone wurde in gut 4,000 Metern Tiefe in der Clarion-Clipperton-Zone entdeckt - dem Lizenzgebiet für künftigen Abbau.

Diese Seeanemone wurde in gut 4,000 Metern Tiefe in der Clarion-Clipperton-Zone entdeckt - dem Lizenzgebiet für künftigen Abbau.

Faktor Ausgleichsflächen: "Der letzte Ausweg in der Maßnahmenhierarchie ist der Ersatz", erklären die Wissenschaftler. Dabei werden zum Ausgleich für die Zerstörung von Lebensräumen durch Abbaumaßnahmen anderswo Gebiete renaturiert oder geschützt. Vorgeschlagen wurde beispielsweise die Wiederherstellung von Korallenriffen als Ersatz für die Tiefsee-Lebensräume.

Nach Ansicht der Meeresforscher ist dies nutzlos: "Das ist, als wenn man Apfelbaum-Obstwiesen durch den Schutz von Orangen bewahren will", sagt Cindy Van Dover von der Duke University. Die einzigartige Lebenswelt der Tiefsee lasse sich nicht durch ein Korallenriff in den Tropen ersetzen. Selbst wenn die Artenvielfalt dann rein zahlenmäßig wieder ansteigt, sind die betroffenen Tiefseearten dennoch verloren.

Folgen müssen stärker kommuniziert werden


"Die vierstufige Maßnahmen-Hierarchie, die so oft beim Bergbau an Land und bei Offshore-Förderplattformen genutzt wird, versagt in der Tiefsee", konstatieren die Meeresforscher. Sie appellieren vor allem an die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA), die schwerwiegenden Folgen des Tiefsee-Bergbaus stärker zu kommunizieren, um Entscheidungsprozessen und Diskussionen eine fundierte Basis zu liefern.

Gleichzeitig sei es notwendig, Maßnahmen zu Minimierung der Artenverluste intensiver zu erforschen und zu testen, betonen die Forscher. Denn die Zeit dränge: "2011 gab es erst sechs Erkundungslizenzen zum Abbau von Mineralrohstoffen in der Tiefsee, bis zum Ende 2017 werden es schon 27 Projekte sein", sagt Elva Escobar von der Nationalen Autonome Universität Mexiko. (Nature Geoscience, 2017; doi: 10.1038/ngeo2983)
(Duke University, 27.06.2017 - NPO)
 
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