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Montag, 29.05.2017
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Viele Piloten plagen Depressionen

Anonyme Umfrage offenbart Häufigkeit depressiver Symptome im Cockpit

Unterschätztes Problem? Eine anonyme Umfrage unter Piloten offenbart, dass depressive Erkrankungen in dieser Berufsgruppe ein durchaus verbreitetes Problem sind. Demnach erfüllten knapp 13 Prozent der Befragten die Kriterien für eine wahrscheinliche Depression. Einige gaben zudem an, Suizidgedanken zu hegen. Viele Piloten sprechen offenbar aus Angst vor negativen Konsequenzen im Job nicht über ihre Probleme. Es müsse deshalb dringend mehr für Prävention getan werden, fordern die Forscher.
Im Cockpit fliegen nicht selten Depressionen mit.

Im Cockpit fliegen nicht selten Depressionen mit.

Es ist anderthalb Jahre her, dass eine Germanwings-Maschine auf ihrem Flug mit der Nummer 4U9525 in den französischen Alpen abstürzte. Alle 150 Menschen an Bord starben bei diesem Unglück. Später stellte sich heraus, dass der Copilot das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hatte - und dass der Mann offenbar an Depressionen litt. Dieses Ereignis ist zum Glück ein Einzelfall. Trotzdem stellt sich die Frage, wie weit verbreitet depressive Erkrankungen unter Piloten tatsächlich sind.

Immerhin ist bekannt, dass Depressionen in der Allgemeinbevölkerung keine Seltenheit sind. Schätzungsweise 350 Millionen Menschen leiden weltweit daran. Zwar kann die Erkrankung in den meisten Fällen heute erfolgreich therapiert werden. Doch über die Hälfte aller Depressionen wird trotz Arztbesuch zunächst nicht erkannt - und noch immer scheuen sich viele Betroffene aus Angst vor Stigmatisierung davor, Hilfe zu suchen. Im Extremfall kann die Erkrankung die Patienten bei falscher oder ausbleibender Behandlung so sehr belasten, dass sie Suizidgedanken hegen.

Piloten mit depressiven Symptomen


Wissenschaftler um Alexander Wu von der Harvard T.H. Chan School of Public Health wollten diese Thematik näher untersuchen und haben erstmals Personen aus der Berufsgruppe der Piloten anonym dazu befragt. Sie führten ihre webbasierte Umfrage zwischen April und Dezember 2015 in über 50 Ländern durch. Insgesamt nahmen 3.500 Piloten daran teil, nur 1.848 beantworteten jedoch alle relevanten Fragen - ein Großteil von ihnen stammte aus den USA, Kanada und Australien.


Das Ergebnis: Von den 1.848 Teilnehmern erfüllten immerhin 233 die Kriterien für eine wahrscheinliche Depression - das sind 12,6 Prozent. 75 von ihnen (4,1 Prozent) gaben zudem an, in den vergangenen zwei Wochen Suizidgedanken gehabt zu haben. Doch arbeiteten diese Menschen zu dieser Zeit auch aktiv in ihrem Job? Offenbar ja: 1.430 Piloten sagten aus, in den letzten sieben Tagen vor der Umfrage tatsächlich ein Flugzeug geflogen zu sein - und 193 oder 13,5 Prozent von ihnen zeigten den Forschern zufolge Anzeichen einer Depression.

Unterschied zwischen Männern und Frauen


Dabei offenbarte sich ein Geschlechterunterschied: Mehr Männer als Frauen gaben in der Umfrage an, nahezu täglich Interesselosigkeit zu verspüren, Konzentrationsstörungen zu haben und sich wie ein Versager zu fühlen - all dies können Symptome einer Depression sein. Gleichzeitig war bei einem größeren Anteil von Frauen nach eigenen Angaben bereits eine depressive Erkrankung diagnostiziert worden. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass sie sich eher in ärztliche Betreuung begeben.

Doch nicht nur das Geschlecht, auch die Lebensumstände beeinflussten wie zu erwarten die mentale Gesundheit der Befragten: Demnach zeigten mehr Piloten Anzeichen einer Depression, die regelmäßig Schlaftabletten nahmen, sexuelle Belästigung erfuhren oder gemobbt wurden.

"Mantel der Verschwiegenheit"


Für Wu und seine Kollegen ist das ein erschreckendes Ergebnis: "Wir haben herausgefunden, dass viele Piloten, die regelmäßig fliegen, mit depressiven Symptomen zu kämpfen haben - und dass sie sich oft keine Hilfe suchen, wahrscheinlich um ihre Karriere nicht zu gefährden", sagt Mitautor Joseph Allen.

Im Cockpit liege ein Mantel der Verschwiegenheit über dem Thema psychiatrischer Erkrankungen, so die Forscher. Bei internen Gesundheitsuntersuchungen oder Investigationen nach einem Unfall kämen solche Probleme oft zu spät oder gar nicht ans Licht. Denn Piloten sträubten sich aus nachvollziehbaren Gründen davor, über ihre Schwierigkeiten zu sprechen. "Indem wir eine anonyme Umfrage durchgeführt haben, konnten wir dieses Problem umgehen", schreibt das Team.

Mehr Prävention!


Die Wissenschaftler wollen mit ihrer Untersuchung vor allem sensibler für diese Problematik machen: "Auch unter Piloten sind Depressionen offenbar verbreitet - einer Berufsgruppe, die jeden Tag für tausende Menschenleben verantwortlich ist. Das zeigt, wie wichtig es ist, die mentale Gesundheit dieser Menschen besser im Auge zu behalten und im Bereich der Prävention stärker aktiv zu werden", schließen sie. (Environmental Health, 2016; doi: 10.1186/s12940-016-0200-6)
(Harvard T.H. Chan School of Public Health, 15.12.2016 - DAL)
 
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