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Sonntag, 25.09.2016
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Grabtuch von Turin doch älter als gedacht?

Neutronenstrahlung bei Erdbeben könnte Radiokarbon-Datierung verfälschen

Reliquie oder Fälschung? Im Grabtuch von Turin soll angeblich der Leichnam Jesu Christi eingehüllt gewesen sein, ein Abbild eines gekreuzigten Mannes ist noch heute deutlich auf dem Tuch erkennbar. Altersdatierungen haben allerdings ergeben, dass das Tuch nicht älter als 800 Jahre ist. Italienische Forscher haben nun einen Prozess beschrieben, der diesen Altersunterschied erklären soll: Demnach könnte starke Neutronenstrahlung, die bei einem Erdbeben aus dem Gestein austrat, das Tuch gewissermaßen verjüngt haben.
Vorderansicht von Kopf und Oberkörper auf dem Grabtuch von Turin.

Vorderansicht von Kopf und Oberkörper auf dem Grabtuch von Turin.

Das Grabtuch von Turin ist ein umstrittener Gegenstand: Das Tuch scheint ein detailliertes Bild eines auf dem Rücken liegenden Mannes zu zeigen, sowohl in Vorder- als auch in Rückansicht, mit gekreuzten Armen und Blutflecken im Bereich der Handgelenke. Seit dem Mittelalter heißt es, das Tuch sei das Grabtuch von Jesus Christus und zeige dessen Abbild. Doch bereits seit den ersten historischen Aufzeichnungen über das Tuch bezweifeln viele Menschen seinen angeblich heiligen Ursprung.

Datierung spricht gegen Echtheit


Mehrere Analysen sollten seitdem klären, ob es sich bei dem Tuch um eine Fälschung handelt. Die Farbe des Bildes, die Zusammensetzung des angeblichen Blutes und der Ursprung des Tuches selbst sind Gegenstand heftiger Diskussionen. Ein Ansatz, die Frage nach der Echtheit des Tuches zu beantworten, war eine Altersdatierung der Leinenfasern mit der Radiokarbonmethode. Dabei wird der Anteil an dem radioaktiven Isotop Kohlenstoff-14 in den Fasern gemessen.

Lebende Organismen nehmen dauernd Kohlenstoff auf und bauen ihn in ihre Gewebe ein. Nach dem Tod stoppt die Aufnahme, der radioaktive Kohlenstoff zerfällt und sein Anteil im Gewebe sinkt. Je weniger Kohlenstoff-14 also in organischem Material vorhanden ist, desto älter ist es. Im Jahr 1988 ergaben Proben des Grabtuches von Turin, dass es nicht aus der Zeit Christi, sondern aus dem 13. Jahrhundert stammt. Doch auch dieses Ergebnis löste umgehend Zweifel und Diskussionen aus: Theoretisch könnten Umwelteinflüsse, wie zum Beispiel Neutronenstrahlung, das Ergebnis verfälscht haben. Mögliche natürliche Quellen solcher Strahlung waren bislang allerdings unbekannt.


Haben Neutronen die Datierung verfälscht?


Wissenschaftler aus Turin liefern nun im Journal "Meccanica" eine Erklärung für mögliche Abweichungen bei der Datierung des Grabtuches. Diese Erklärung beginnt mit porösem Gestein: Solche Steinproben haben Alberto Carpinteri und seine Kollegen unter hohem Druck in einer Presse zerdrückt und zermahlen. Dies löst sogenannte piezonukleare Spaltreaktionen aus, Prozesse auf atomarer Ebene, durch die die Atome des Gesteins Neutronen freisetzen.

Messungen zeigen, dass bei Erdbeben beispielsweise in der Pamir-Region Neutronenstrahlung freigesetzt wurde, die um das Hundertfache über der normalen Hintergrundstrahlung liegt. Aber auch beim Erdbeben vor Sumatra im Jahr 2004 detektierten Geologen eine erhöhte Neutronenstrahlung.

Erdbeben als Verjüngungskur


Carpinteri und seinen Kollegen zufolge könnte eine solche bebenbedingte Neutronenstrahlung schuld an dem scheinbar geringeren Alter des Grabtuchs sein – und vielleicht sogar das Bild darin erzeugt haben. Denn die Strahlung könnte das Grabtuch gewissermaßen radiologisch verjüngt haben. Der in dem Leinen vorhandene Stickstoff, kann demnach mit Neutronen reagieren. Ein Stickstoffatom fängt dabei ein Neutron ein und sendet ein Proton aus, und wird dadurch zu radioaktivem Kohlenstoff-14. Ein außergewöhnlich hoher Anteil dieses Isotops ließe dann das Tuch in der Radiokarbon-Datierung jünger erscheinen, als es ist.

In der Schwarzweiß-Fotographie (rechts) tritt die abgebildete Figur auf dem Grabtuch noch deutlicher hervor, besonders im Negativ (links).

In der Schwarzweiß-Fotographie (rechts) tritt die abgebildete Figur auf dem Grabtuch noch deutlicher hervor, besonders im Negativ (links).

Tatsächlich erwähnen die Bibel und einige historische Quellen ein starkes Erdbeben in der Umgebung von Jerusalem zum überlieferten Todeszeitpunkt Christi. Geologische Daten stützen die Annahme, dass es ein Erdbeben in Palästina zu dieser Zeit gegeben hat. Nach Ansicht der Forscher könnte dies ausgereicht haben, um den Verjüngungseffekt zu verursachen. Denn ein Erdbeben der Größenordnung 8,2 im historischen Jerusalem könnte einen Ausbruch von Neutronenstrahlung bewirken, der etwa zehnmillionenfach über dem örtlichen Hintergrund liegt.

Neutronen als chemische Künstler


Außerdem, so die Forscher weiter, könnten die entstehenden Protonen durch chemische Reaktionen im Gewebe das Abbild des Gekreuzigten auf dem Grabtuch verursacht haben. Sie vergleichen den Effekt mit dem Ätzprozess durch Natronlauge oder Kalilauge. Denn trotz intensiver Forschung ist immer noch rätselhaft, wie genau das Bild entstanden ist. Selbst wenn es sich um eine Fälschung handelt, ist bisher unbekannt, wie die farbigen Formen auf dem Tuch erzeugt wurden.
Belege für ihre These einer Bildentstentstehung durch die Neutronenstrahlen liefern Carpinteri und seine Kollegen jedoch nicht.

Die katholische Kirche ist mit ihrer Einschätzung des Grabtuches übrigens auf der sicheren Seite: Für sie handelt es sich offiziell nicht um eine Reliquie, sondern um eine Ikone, also eine Heiligendarstellung. Diskussionen um Ursprung und Heiligkeit oder Echtheit des Tuches hat das jedoch nicht beendet. (Meccanica, 2014; doi: 10.1007/s11012-013-9865-x)
(Springer science and business media / Meccanica, 12.02.2014 - AKR)
 
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