• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Samstag, 27.05.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Wirklich harte Männer haben weniger Testosteron

Beim Überlebenskampf im Regenwald ist zu viel Geschlechtshormon ein Nachteil

Männer mit viel Testosteron sind weniger hart als sie glauben: Denn im echten Überlebenskampf bringt ihnen das Männlichkeitshormon keine Vorteile. Dann gilt eher: Weniger ist mehr. Das zeigt die Studie US-amerikanischer Forscher am Volk der Tsimane in Bolivien. Die Männer dieses Regenwald-Stammes von Jägern und Sammlern sind alles andere als Weichlinge: Geplagt von Parasiten und Krankheiten müssen sie hart körperlich arbeiten, um genügend Nahrung zu finden und ihre Familien zu ernähren. Doch statt wie erwartet viel Testosteron haben die Tsimane-Männer nur ein Drittel so viel im Blut wie Männer in den Industrieländern. Das berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B".
Ein Jäger der Tsimane in Bolivien

Ein Jäger der Tsimane in Bolivien

Das männliche Geschlechtshormon Testosteron gilt als Garant für Muskelkraft, Stärke und Potenz - und damit häufig als Maßstab für Männlichkeit schlechthin. Auf den ersten Blick scheint der niedrigere Testosterongehalt daher ein Nachteil für die Tsimane-Männer zu sein, verleiht ihnen dies doch weniger Muskelmasse und damit Stärke. Doch genau das Umgekehrte ist der Fall: "Mehr Muskelmasse zu produzieren kostet Energie und hohe Testosteronwerte verringern zudem die Leistung des Immunsystems", schreiben Benjamin Trumble von der University of Washington in Seattle und seine Kollegen. Wenn man in einer Umwelt mit vielen Parasiten und Krankheiten lebe, sei es biologisch sinnvoller, den Testosteronwert niedrig zu halten.

Die hohen Testosteronwerte der Männer in den Industrieländern seien eine evolutionär gesehen neue Erfindung, meinen die Forscher. Möglich wurden sie erst durch den Nahrungsüberfluss und die gute medizinische Versorgung. Parasiten und Krankheiten seien in unserer Gesellschaft eher die Ausnahme.

"Unser Lebensstil ist eine Anomalie, eine Abweichung von der Jahrtausende alten Lebensweise unserer Art als Jäger und Sammler", sagt Michael Gurven, einer der Leiter der Studie von der University of California in Santa Barbara. Das Streben nach möglichst hohen Testosteronwerten, beispielsweise durch Hormonpflaster oder sonstige Präparate, hat demnach mit ursprünglicher Männlichkeit oder gar altem Jägererbe reichlich wenig zu tun.


Und noch einen Unterschied stellten die Forscher bei den Tsimane fest: Ihr Testosteronspiegel bleibt das ganze Leben hindurch gleich hoch. Bei Männern in den Industrieländern nimmt der Gehalt des Hormons mit dem Alter dagegen allmählich ab. "Diese für uns typische Kurve entspricht nicht dem ursprünglichen Verlauf in Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften", konstatieren die Forscher. Bei den Tsimane gebe es mit dem insgesamt niedrigeren, aber dafür stabileren Testosteronwert wenig Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere Alterskrankheiten.

Fußball lässt auch beim Naturvolk den Testosteronspiegel steigen


Eine Gemeinsamkeit mit Männern in den Industrieländern haben die Tsimane allerdings: Wenn ein Wettkampf ansteht, steigt auch bei ihnen der Testosteronspiegel deutlich an. Das zeigte sich, als die Forscher ein Fußballturnier im Regenwald veranstalteten und dabei die Hormonspiegel der Spieler maßen. Unmittelbar nach dem Spiel stiegen die Testosteronwerte der Männer um 30 Prozent an.

"Trotz ihrer krankmachenden Umgebung ist es auch für die Tsimane wichtig, Testosteron für kurzzeitige Wettkämpfe und große Kraftanstrengungen freizusetzen", sagt Gurven. Ähnliche Hormonspitzen gebe es auch bei Männern in den Industrieländern in Wettbewerbs-Situationen. Das zeige, dass diese Hormonspitzen ein fundamentaler Aspekt der menschlichen Biologie seien. Sie blieben selbst dann erhalten, wenn dies bedeute, kurzzeitig das Immunsystem zu schwächen und eine Infektion zu riskieren. (doi:10.1098/rspb.2012.0455)
(Royal Society / UC Santa Barbara, 28.03.2012 - NPO)
 
Printer IconShare Icon