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Sonntag, 26.06.2016
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Älteste Ureinwohner Nordamerikas entdeckt

Relikte eines vor 11.500 Jahren begrabenen Kindes

In Alaska haben Archäologen die frühesten jemals im Norden Amerikas entdeckten Relikte eines Ureinwohners entdeckt: die Knochen eines dreijährigen Kindes, das vor rund 11.500 Jahren in der Feuerstelle einer Hütte begraben worden war. Wie Forscher in „Science“ berichten, unterschieden sich die damaligen Bewohner Alaskas kulturell von den weiter südlich siedelnden Clovis-Menschen. Der neue Fund gibt einen seltenen Einblick auch in ihr Alltagsleben.
Lage des Fundorts in Zentral-Alaska

Lage des Fundorts in Zentral-Alaska

Die ersten Menschen besiedelten den amerikanischen Kontinent vermutlich erst nach der letzten Eiszeit, vor rund 11.500 Jahren. Damals verband eine Landbrücke über die Beringstraße Ostasien mit Nordamerika und ermöglichte so die Einwanderung der ersten Vorfahren der heutigen Ureinwohner. Die meisten von ihnen waren Jäger und Sammler, zumindest deuten darauf Funde von Steinwerkzeugen und Lagerresten hin. „Vor diesem Fund wussten wir, dass die Menschen hier bereits Großsäuger wie Bisons oder Elche mit fortgeschrittenen Waffen jagten. Die meisten bekannten Fundorte sind Jagdlager“, erklärt Ben Potter von der Universität von Alaska in Fairbanks.

Ältestes Kind Nordamerikas


Jetzt jedoch haben Potter und sein Team in Zentral-Alaska eine einzigartige Entdeckung gemacht. Bei einer Ausgrabung am Tanana River stießen sie nicht nur auf das älteste bekannte Haus dieser frühen Siedler, sie fanden auch die Knochen etwa dreijährigen Kindes. Die Radiokarbondatierung der Knochen und von Holzresten der Hütte ergaben ein Alter von 11.500 Jahren – dies macht die Relikte zu den ältesten in Nordamerika.

Das Haus war offenbar eine nur saisonal bewohnte Sommerhütte, in der neben den Männern auch Frauen und Kinder lebten. Die Knochen des Kindes wurden in einer großen, 45 Zentimeter tiefen Feuergrube in der Mitte der Hüttenreste entdeckt. Sein Geschlecht konnte aus den Relikten noch nicht bestimmt werden, anhand der Zähne ließ sich jedoch das Alter des Kindes zum Todeszeitpunkt ermitteln. Erste bioarchäologische Untersuchungen bestätigen, dass es anatomisch den Ureinwohnern des Kontinents und den im Norden Asiens lebenden Völkern ähnelt. Nach der im lokalen Dialekt als „Xaasaa Na'“ - Fluss der aufsteigenden Sonne - bekannten Fundstelle wurde das Kind von den Archäologen „Xaasaa Cheege Ts'eniin“ getauft.


Todesursache noch unbekannt


Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Dreijährige starb – woran ist noch nicht klar – und dann in der Feuerstelle verbrannt wurde. Nur etwa 20 Prozent des Skeletts überdauerten dies. Die Feuergrube enthielt nicht nur die Kinderknochen, sondern darunterliegend auch die Relikte von kleineren Fischen, Säugetieren, Vögeln und Pflanzenresten. Deshalb gehen die Archäologen davon aus, dass die Feuergrube ursprünglich nicht als Grab gedacht war, sondern als Kochstelle diente.

Das Ausgrabungsteam bei der Arbeit

Das Ausgrabungsteam bei der Arbeit

Das allerdings solle nicht dahingehend missverstanden werden, dass die damaligen Bewohner dem Tod des Kindes keine Bedeutung beigemessen hätten, erklärt Potter. „Alle Belege deuten darauf hin, dass sie sich durchaus Mühe gaben. Das Begräbnis fand innerhalb des Hauses statt. Wenn man bedenkt, dass das Haus das Zentrum zahlreicher Aktivitäten wie Kochen, Essen oder Schlafen ist, und dass die Bewohner es bald nach der Verbrennung verließen, ist das schon ziemlich überzeugender Beweis für einen achtsamen Umgang mit dem Kind.“

Weitere Funde deuten darauf hin, dass das Haus von seinen Bewohnern kurz nach dem Tod des Kindes verlassen wurde. Was damals genau geschah, ist noch unbekannt. „Ich möchte alles erfahren, was des über dieses Kind zu wissen gibt”, erklärt Joann Polston, Häuptling des Healy Lake Traditional Council und damit der am Tanana River ansässigen Ureinwohner. Sie und andere Stammesvertreter wollen DNA-Proben bereitstellen, um diese mit der DNA des eiszeitlichen Kindes vergleichen zu lassen.

Mehr Gemeinsamkeiten mit Bewohnern Sibiriens


Während der Fund sicher Fragen über die Geschichte des Kindes aufwirft, ist für die Archäologen das größere Bild, der Einblick in den Lebensstil der vor 11.500 Jahren in der nordamerikanischen Subarktis lebenden Menschen das eigentlich Spannende. Denn bisher sind nur eine Handvoll von Häusern aus den ersten 2.000 Jahren der Besiedelung Amerikas gefunden worden, alle liegen in den südlicheren Bundesstaaten der USA. So weit im Norden ist aus dieser Zeit nur ein Haus am Ushki See in Sibirien bekannt, dieses ist gleichzeitig auch die bisher einzige bekannte Begräbnisstätte Beringias.

Die Bewohner der Fundstelle in Alaska scheinen auch in Bezug auf Lebensweise und Technologie mehr mit ihren Zeitgenossen in Sibirien als in den südlicheren Gebieten Nordamerikas gemeinsam zu haben. So fertigten beide Steinwerkzeuge an, bei denen eine kleinere Steinschneide in einen größeren Griff aus organischem Material eingesetzt wurde. Die südlicher lebenden Clovis-Menschen kannten diese „Microblade“-Technik nicht, ihre Steinwerkzeuge waren aus einem Stück.

„Als Teil der Bering-Landbrücke war Alaska eine wichtige Verbindung zwischen der Alten und der Neuen Welt“, erklärt „Science“-Redakteur Brooks Hanson. „Diese Studie liefert einen wichtigen Beitrag zu unserem Wissen über die frühen Einwohner von Beringia und ihrer Kultur.“ (Science, 2011; DOI: 10.1126/science.1201581)
(University of Alaska Fairbanks / NSF, 25.02.2011 - NPO)