Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Krebs: Tumorsignale machen Nervenzellen empfindlicher
Neue Erkenntnisse zu Schmerzentstehung und -therapie
Krebspatienten leiden häufig unter sehr starken Schmerzen, die mit herkömmlichen Medikamenten nicht wirksam behandelt werden können. Wissenschaftler sind den möglichen Ursachen dafür jetzt auf die Spur gekommen: Krebstumoren setzen zwei bestimmte Signalstoffe aus, die Nervenzellen besonders empfindlich machen und das Tumorwachstum verstärken.

Krebszellen
Krebszellen
© Dr. Cecil Fox / National Cancer Institute Krebszellen
Blockierten die Forscher im Tierversuch die Einwirkung der Signalstoffe auf die Nervenzellen, so nahmen sowohl die Empfindlichkeit der Nervenzellen als auch das Tumorwachstum ab. Die neuen Ergebnisse könnten möglicherweise zur Entwicklung wirksamerer Schmerzmittel für Krebspatienten führen, berichtet das internationale Wissenschaftlerteam um Professorin Dr. Rohini Kuner von der Universität Heidelberg in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“.

Tumorschmerz: neue Therapien werden dringend benötigt
Starke Schmerzen zählen zu den schlimmsten und für den Patienten besonders belastenden Symptomen einer Krebserkrankung. Die Ursachen dafür sind bislang weitgehend unbekannt. Mit klassischen Schmerzmitteln - beispielsweise aus der Gruppe der Opioide - lassen sich Krebsschmerzen nur schlecht bekämpfen. Hohe Dosen sind notwendig, um überhaupt eine Wirkung zu erzielen - in der Folge sind die Nebenwirkungen für die Patienten immens und es tritt rasch eine Gewöhnung ein.

„Wir haben einen hohen Bedarf an speziellen Schmerzmitteln für Krebskranke“, sagt die Pharmakologin Kuner, die sich besonders für die Aufklärung der Mechanismen von chronischen Schmerzen interessiert.

Signale des Tumors machen Nervenzellen druckempfindlich
In der neuen Studie haben sie und ihre Mitarbeiter an Blutserum und Gewebe von Mäusen untersucht, welche Signalstoffe von Tumoren freigesetzt wurden. Sie entdeckten dabei zwei Moleküle, die bislang nur als Wachstumsfaktoren für blutbildende Stammzellen bekannt waren.

Nervenzellen in der Umgebung des Krebsgewebes werden durch Kontakt mit diesen Molekülen wesentlich druckempfindlicher, wie die Forscher bei ihren Untersuchungen der Nervenaktivität mit Elektroden zeigen konnten. „Die Befunde passen zu den Beschreibungen von Krebspatienten, die sagen, dass nur das Anrühren der betroffenen Gebiete weh tut“, erläutert Kuner.

Doch nicht nur eine Berührung, auch das Tumorwachstum selbst verursacht Schmerzen, denn sich ausdehnendes Gewebe übt ebenfalls Druck aus. Die Krebszellen nutzen die Wachstumsfaktoren anscheinend für ihr eigenes Wachstum und breiten sich über die Nervenbahnen und Blutgefäße weiter im Organismus aus.

Eine Spritze gegen den Tumorschmerz?
Die Heidelberger Entdeckung eröffnet neue Perspektiven im Kampf gegen den Krebsschmerz: Im nächsten Schritt spritzten die Forscher Eiweißstoffe - Antikörper -, die auf den Nervenzellen die Kontaktstellen für die Krebs-Signalstoffe blockieren. Tatsächlich nahmen die Empfindlichkeit der Nervenzellen und das Tumorwachstum ab.

In einem nächsten Schritt wollen die Forscher nun zeigen, ob diese Anwendung auch in menschlichem Gewebe möglich ist. Dann wäre es denkbar, solche „Eiweiß-Blocker“ direkt in den Tumor zu spritzen und damit Schmerzen zu verringern und Nebenwirkungen für den Patienten zu vermeiden.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Schmerzen, Krebs, Tumore, Therapie, Nervenzellen, Gehirn, Druck, Moleküle, Medikamente, Spritze, Krankheit, Medizin
Weitere News zum Thema
Massage wirkt ähnlich wie Schmerzmittel (02.02.2012)
Forscher klären molekularen Mechanismus hinter der Behandlung auf
Ultraschall als Verhütungsmittel für den Mann? (31.01.2012)
Schallbehandlung macht Ratten zeitweilig unfruchtbar
Auslöser für chronische Nervenschmerzen sitzt im Rückenmark (23.01.2012)
Forscher entdecken Ansatzstelle für effektive Therapie
Opioid-Mittel löscht Schmerzgedächtnis schon nach Einmal-Gabe (13.01.2012)
Infusion macht chronische Nervenveränderungen bei Ratten rückgängig
Neuer Labortest beschleunigt Herzinfarkt-Diagnose (28.12.2011)
96 prozentige Sicherheit schon innerhalb von drei Stunden
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Apoptose
Krebs
Dossiers zum Thema
Schmerz
Alarmstufe Rot im Nervensystem
Viren und Krebs
Entdeckungsgeschichte einer „unmöglichen“ Beziehung
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
Apoptose – der programmierte Zelltod
Die Lizenz zum Töten
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
News des Tages
Durchbruch gegen Hauptursache für Erblindungen
Saharastrom für Deutschland?
Bessere Bauanleitung für Nanolampen
Neues Teil im Puzzle der Epigenetik gefunden
Viel Obst verhindert Dickwerden
Krebs: Tumorsignale machen Nervenzellen empfindlicher
Deutsche wissen nicht viel über den Wald
Bücher zum Thema
Schmerz
Eine Kulturgeschichte von David Le Breton
Thema Krebs
von Hilke Stamatiadis- Smidt, Harald zur Hausen und Otmar D. Wiestler
Medikamente bei Krebs
von Annette Bopp
Tabletten, Tropfen und Tinkturen
Medizin im Alltag von Cornelia Bartels, Heike Göllner und Jan Koolman
Phänomen Mensch
Körper, Krankheit, Medizin von Andreas Sentker und Frank Wigger
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes