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Freitag, 10.02.2012
Schlechte Karten im Ernstfall?
Das Geschäft mit der Vogelgrippe

Der Pharmakonzern Roche hat aufs richtige Pferd gesetzt. Der Absatz von Tamiflu boomt nach einigen Jahren der Flaute enorm. Das Unternehmen kann mit der Produktion gar nicht nachkommen, so schnell flattern die Bestellungen herein. So ist der Umsatz nach Konzernangaben allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2005 um 300 Prozent auf 859 Millionen Franken gestiegen. Kein Wunder bei der Nachfrage aufgrund der Hysterie um die Vogelgrippe und bei dem Preis. Zehn Gelatine-Kapseln mit dem weißen Pulver kosten in Deutsachland rund 35 Euro.

Doch die Bosse in der Firmenzentrale haben trotzdem ein Problem: Die Produktion des antiviralen Medikaments kann zurzeit nicht ohne Weiteres gesteigert werden. Die Produktionskapazitäten sind längst ausgereizt. In 2006 will Roche aber die Tamiflu-Herstellung aufgrund der enormen Nachfrage auf das Zehnfache erhöhen. Das Pharmaunternehmen ist nach Angaben von Unternehmenschef Franz Humer sogar bereit im Pandemiefall Unterlizenzen zur Massenproduktion von Tamiflu an andere Unternehmen zu vergeben.

Die Verteidigungslinie bröckelt
Ob Tamiflu bei einer Pandemie überhaupt allen Erkrankten hilft, ist nach neuesten Untersuchungen eine völlig andere Frage. Denn die wichtigste Verteidigungsstrategie bei Infektionen des Menschen gerät zunehmend ins Wanken. Wissenschaftler der Universität von Wisconsin-Madison haben gemeinsam mit Forschern in Vietnam und Japan, einen H5N1-Stamm entdeckt, der gegen Tamiflu resistent ist.

Nach Ansicht von Yoshihiro Kawaoka, einer international anerkannten Kapazität auf dem Gebiet der Influenzaforschung, könnte dies darauf hindeuten, dass Gesundheitsbehörden weltweit, die inzwischen Millionen Dosen des Wirkstoffs Oseltamivir für den Ernstfall eingelagert haben, sich schleunigst nach Alternativen umsehen sollten. „Wir haben diese Veränderungen im Virus erwartet“, erklärt der Wissenschaftler. „Dies ist die erste, aber wir werden noch andere erleben, darüber gibt es keinen Zweifel.“

Sechs Monate bis zum ersten Impfstoff
 Grippeimpfstoff
Grippeimpfstoff
© CDC
Aber warum an den Symptomen einer Seuche herumdoktern, wenn man möglicherweise schon die Ursache einer Vogelgrippepandemie, die Infektion der Menschen, verhindern kann. Wie sieht es mit einem Impfstoff gegen H5N1 aus? Leider Fehlanzeige. Ein solches Vakzin gibt es zurzeit nicht. Die bisher entwickelten Grippe-Impfstoffe wirken ganz gezielt gegen einen bestimmten Erreger und helfen deshalb auch nicht gegen H5N1. Erst wenn dieser tatsächlich zum „Supervirus“ mutiert und sein genaues Aussehen bekannt ist, können die Wissenschaftler ein Serum zur Immunisierung der Menschen in Angriff nehmen.

Trotzdem läuft die Impfstoffentwicklung weltweit bereits auf Hochtouren. Denn wenn bestimmte Vorarbeiten getan sind, muss man im Ernstfall nicht mehr bei „Null“ anfangen und die Zeit bis das Vakzin fertig ist, verkürzt sich erheblich. Deutsche Wissenschaftler arbeiten im Rahmen des Nationalen Pandemieplan bereits seit einiger Zeit an einem solchen so genannten Prototyp-Impfstoff. Die Chancen stehen gut, dass dieser bis Ende 2005 zur Zulassung bereit ist. In ihn muss dann im Erstfall nur noch das spezifische Genstück des neuen Virus eingefügt werden. Der „Träger“ dafür besteht dann aber schon. Die Bundesregierung „sponsort“ das Projekt mit 20 Millionen Euro.

Dennoch gibt es in Sachen Impfstoff wenig Grund zur Euphorie. „Im günstigsten Fall, wenn alle Vorarbeiten gemacht wären, würden nach drei bis sechs Monaten die ersten Impfstoffdosen verfügbar sein.“, sagt beispielsweise des Robert-Koch-Instituts auf seiner Website. Und weiter: „Deshalb muss es darum gehen, für die zweite Welle einer Pandemie gerüstet zu sein.“

160.000 Tote in Deutschland?
Die erste Welle der Grippeepidemie würde demnach Deutschland ungeimpft „erwischen“. Modellrechnungen des RKI gehen deshalb allein in unseren Gefilden von bis zu 160.000 Grippetoten aus. Zudem müssten vermutlich mehr als 600.000 Erkrankte stationär in den Krankenhäusern behandelt werden und rund 20 Millionen Mensch einen Arzt aufsuchen. Und auch die wirtschaftlichen Schäden beispielsweise durch die Krankmeldungen in den Betrieben und Behörden wären enorm. Nach Ansicht von Volkswirtschaftlern könnten dabei leicht mehrere Milliarden Euro zusammenkommen.

Doch warum ist die Zeit zu knapp, um schon der ersten Welle durch eine Impfung zuvor zu kommen? „Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Es liegt zum Beispiel an der Herstellungsmethode: Die Produktion des Impfstoffs in Hühnereiern dauert zu lange, und sie lässt sich nicht nach Bedarf hochfahren“, so Professor Dr. Reinhard Kurth, Präsident des RKI im Interview mit GesundheitPro.de. „Deshalb wäre es besser, die Hersteller würden auf Zellkulturen umstellen. Das kostet natürlich Geld, und darum werden die Firmen kaum von sich aus die Initiative ergreifen. Da müsste ein Anreiz kommen. Mit einem einstelligen Millionenbetrag ließe sich bereits einiges erreichen.“

Aber nicht nur am Geld für die Umstellung mangelt es, sondern möglicherweise auch an der Zeit. Bis ein solches neues Verfahren entwickelt und ausreichend getestet ist, dauert es Monate, wenn nicht Jahre…

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