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Montag, 20.11.2017
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Lebensbedrohlich

Migräne ist keine Bagatelle

„Migräne ist zwar lästig, aber schließlich nicht lebensbedrohlich – stell dich also nicht so an“ – dieser Spruch ist nicht nur unsensibel und beleidigend, er ist auch sachlich falsch. Denn wer Migräniker ist, kann sehr wohl daran sterben.

Gehirn

Gehirn

Häufung kleinster Schäden im Gehirn


In den letzten Jahren hat sich herauskristallisiert, dass die anormalen Gefäßveränderungen im Gehirn offenbar weitaus schwerwiegendere Folgen haben als angenommen. Denn die ständigen Verengungen und Ausweitungen hinterlassen bleibende Schäden in den feinen Mikroadern. Französische Forscher entdeckten bei der Untersuchung der Hirngefäße von knapp 800 über 65-Jährigen mittels Magnetresonanztomografie (MRT) einen deutlichen Unterschied zwischen Migränikern und Gesunden: In den Gehirnen der Patienten fanden sich deutlich mehr Schäden der Mikrogefäße. Die Chance, eine besonders große Ansammlung solcher Läsionen zu sehen, lag bei ihnen nahezu doppelt so hoch.

Risiko für Schlaganfälle höher


Was das bedeutet, zeigt unter anderem eine Studie der amerikanischen Mayo Klinik. Nach dieser werden 27 Prozent aller Schlaganfälle bei jungen Patienten unter 45 Jahren durch Migräne verursacht. Bei einem Viertel aller Infarkte im Gehirn spielt die Migräne vermutlich ebenfalls eine Rolle.

Bestätigt wird dies – wenn auch in geringerem Maße – durch eine der bisher größten Populationsstudien zur Mortalität von Migränepatienten, erschienen im August 2010 im renommierten „British Medical Journal“. Wissenschaftler haben darin den Zusammenhang von Migräne und Todesursachen an rund 470.000 Frauen und Männern in Island untersucht. Die Auswertung der über 26 Jahre hinweg gesammelten Daten enthüllt, dass Menschen, die an einer Migräne mit Aura leiden, in allen untersuchten Todesursachen ein leicht gesteigertes Risiko besitzen. Signifikante Erhöhungen gibt es unter anderem bei Herzinfarkten und Schlaganfall.

Unter den Schlaganfällen sind vor allem die durch Mikroblutungen und Gefäßverletzungen im Gehirn entstehenden stark vertreten, wie eine zweite Studie im gleichen Heft belegt. Frauen mit Aura-Migräne haben demnach ein 2,3 Prozent höheres Risiko für einen solchen hämorrhagischen Schlaganfall und ein 3,6 Prozent höheres für fatale Hirnschäden durch Blutungen und andere Ereignisse. Nehmen diese Frauen dann noch die Pille, addieren sich die Risikofaktoren und sie landen bereits bei acht Prozent mehr Risiko.

Intrazerebrale Blutung, die sich auch auf die Hirnventrikel erstreckt.

Intrazerebrale Blutung, die sich auch auf die Hirnventrikel erstreckt.

Kaum Demenz oder bleibende Schäden


Immerhin einen Trost gibt es: Eine ebenfalls 2010 erschienene Studie zeigt, dass die Folgen von Schlaganfällen und Hirnblutungen bei Migränepatienten deutlich weniger schwerwiegend ausfallen als im Durchschnitt. Frauen mit Aura-Migräne hatten in der Regel kaum Symptome und keine bleibenden Schäden. Nach Ansicht des Neurologen Tobias Kurth, Leiter des INSERM Forschungszentrums in Paris, könnte dies damit zusammenhängen, dass bei Migränikern vielleicht vorwiegend kleinere Gefäße betroffen sind und deshalb meist nur kleinere Hirnbereiche geschädigt werden.

Und auch auf die geistigen Fähigkeiten scheinen die Mikroläsionen keinen Einfluss zu haben. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass solche Schäden im Gehirn grundsätzlich für Alzheimer und andere Demenzen eine Rolle spielen könnten, doch in Tests der kognitiven Leistung bei über 65-Jährigen mit und ohne Migräne konnten die Pariser Forscher um Kurth keine Anzeichen für Beeinträchtigungen finden. Die Migränepatienten mit Läsionen schnitten genauso gut ab wie Kontrollpersonen ohne.

„Das ist ein sehr beruhigendes Ergebnis für viele Menschen, die unter Migräne leiden“, erklärt Kurth. „Trotz der erhöhten Präsenz von Läsionen der Mikrogefäße im Gehirn, scheint diese Störung kein höheres Risiko kognitiver Einbußen mit sich zu bringen.“

Mit anderen Worten: Das Gehirn von Migränikern mag zwar im Alter vor Schäden nur so wimmeln, dement macht sie dies aber nicht. Es lässt sie höchstens an einem Schlaganfall sterben – vor allem wenn sie das Pech haben sollten, weiblich zu sein und eine Migräne mit Aura zu haben.
Nadja Podbregar
Stand: 04.03.2011
 
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