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Warum sich Forscher mit Twitter beschäftigen

Eine Leidenschaft für Tweets

Krishna Gummadi besitzt nicht weniger als 1,75 Milliarden Tweets – Textnachrichten des Social-Media-Dienstes Twitter. Das Unternehmen bietet Nutzern die kostenlose Möglichkeit, über einen Computer oder ein internetfähiges Mobiltelefon Nachrichten an andere Teilnehmer, die sich zu Anhängern des Absenders erklärt haben, zu twittern (engl. für zwitschern). Jeder Beitrag besteht aus maximal 140 Zeichen (was der Länge dieses Satzes entspricht), meist inklusive eines Hinweises auf eine Webadresse.

Tweets als Goldgrube

„Eine Goldgrube“, sagt der 31-jährige Inder. Der Schatz liegt sicher verwahrt auf 58 Computerservern in der „Wartburg“ – einem trutzigen, in den 1920er-Jahren erbauten Gemeindehaus in der Saarbrücker Innenstadt. Hier, in direkter Nachbarschaft zur Sparkasse und zu einer Kreditkarten-Firma, ist das Max-Planck-Institut für Softwaresysteme untergebracht, jedenfalls bis der Neubau des expandierenden Instituts auf dem Universitätscampus fertig ist. Gummadi leitet seit 2005 die Forschungsgruppe „Networked Systems Research“.

Rituale begleiten uns ein Leben lang. © Greenaperture/ thinkstock

Um seine Leidenschaft für die 1,75 Milliarden Tweets zu verstehen, muss man etwas weiter ausholen. Anfang 2003 brach im Prince of Wales-Krankenhaus in Hongkong die SARS-Epidemie aus. Untersuchungen zeigten später: Ein einziger Patient hatte 50 Mitpatienten auf direktem Weg infiziert, was schlussendlich zu 156 SARS-Fällen allein in besagtem Krankenhaus führte – und dann zum Ausbruch der Epidemie weit über die Stadt hinaus.

Verbreiten sich Viren wie Modeströmungen?

Ganz ähnlich wie mit Krankheiten scheint es sich mit Ideen und Moden zu verhalten. Der plötzliche Erfolg der Schuhmarke Hush Puppies ist dafür ein Beispiel. Mitte der 1990er-Jahre war der Absatz für die bequemen Kreppsohlentreter auf einem Tiefpunkt angelangt. Dann, plötzlich, geschah das Unerwartete: Der New Yorker Modedesigner John Bartlett bestellte eine Serie Hush Puppies für die Präsentation seiner Frühjahrskollektion. Er war auf die Schuhe aufmerksam geworden, weil einige Leute in der New Yorker Clubszene sie zu tragen begonnen hatten. Eine Hush-Puppies-Epidemie brach aus. 1995 verkaufte die Firma 430.000 Paar Schuhe – 400.000 mehr als im Vorjahr; im Jahr darauf gingen sogar knapp zwei Millionen Paar über die Ladentheken.

Hush Puppies © Mike Gonzalez / GFDL

Der amerikanische Wissenschaftsautor Malcolm Gladwell, der die Geschichte in seinem Buch „The Tipping Point“ beschreibt, hat für derartige Vorkommnisse eine einfache, aber plausible Erklärung. Epidemien werden von „Influentials“ losgetreten – Leuten in einer besonderen beruflichen und sozialen Position, aber auch mit einer bestimmten Begabung und Lebenseinstellung, die es ihnen ermöglicht, mit einer ungeheuer großen Anzahl von Menschen in persönlichen Kontakt zu treten.

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Die Theorie der sozialen Epidemie

Die schon seit den 1950er-Jahren vor allem in der Marketingwelt als Standardwissen zirkulierende Theorie der sozialen Epidemie wurde in der jüngeren Vergangenheit immer wieder stark kritisiert. Ein Einwand: Die Verbreitung von Viren und von Moden sei nicht vergleichbar, weil das Infektionsrisiko bei wiederholtem Kontakt mit dem Erreger im Falle eines Virus jedes Mal gleich hoch ist, bei einer Mode jedoch sowohl Mitzieh- wie Abstumpfungseffekte entstehen können. Ein anderer Vorwurf: Leute wie Gladwell würden sich die Anekdoten so auswählen, wie sie ihnen ins Konzept passten.

Vampirfledermaus - ihr Geschmackssinn ist sehr eingeschränkt © Nick Gordon/ www.ardea.com

Oft zeigt tatsächlich schon ein näherer Blick auf die Ereignisse, dass vermeintliche Schlüsselpersonen lediglich ein Produkt der Umstände sind. Gerade der oben erwähnte SARS-Ausbruch in Hongkong ist dafür exemplarisch. Im Prince of Wales-Krankenhaus begann alles damit, dass bei dem besagten Patienten fälschlicherweise eine Lungenentzündung diagnostiziert wurde. Statt ihn zu isolieren, wurde er in einem offenen, überfüllten Saal mit schlechter Luftzirkulation untergebracht. Man schloss einen Bronchien-Ventilator an seine Lungen an – der die SARS-Viren in der Umgebung verteilte. Als Beleg für die Influentials-Theorie ist der Fall daher ein denkbar schlechtes Beispiel.

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Ralf Grötker / MaxPlanckForschung
Stand: 11.03.2011

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Das Echo des digitalen Gezwitschers
Twitter, Facebook & Co.

Eine Leidenschaft für Tweets
Warum sich Forscher mit Twitter beschäftigen

Influentials im Visier
Alte und neue Studien zu sozialen Netzwerken

Folgen – weiterleiten – antworten
Forscher untersuchen Kommunikationswege innerhalb von Twitter

Aufschlussreiches Gezwitscher
Wem nützen Analysen der Twitter-Daten?

Twitter-Nachrichten als Stimmungsbarometer
In den sozialen Medien schlummern große Mengen an Informationen

Fischen nach Informationen
„Web-Crawler“ als Hilfsmittel

Ein Glossar
Social Media, Word of Mouth Marketing und Theorie der sozialen Epidemie

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