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Samstag, 25.11.2017
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Steckt ein „Rain Man“ in uns allen?

Auf der Suche nach den Auslösern des Savant-Syndroms

Warum entwickeln nur einige Menschen Inselbegabungen und nicht alle? Oder schlummert vielleicht ein Savant in jedem? Möglich wäre es. Das deuten jedenfalls gleich mehrere Studien an.

Demenz weckt künstlerische Fähigkeiten


Schauplatz der ersten ist das Zentrum für Gedächtnis und Altern der Universität von Kalifornien in San Francisco. Im Jahr 1998 arbeitet dort der Neurologe Bruce Miller mit Patienten, die an einer speziellen Form der Gedächtnisstörung leiden, der so genannten Frontotemporalen Demenz (FTD). Fünf von ihnen fallen ihm besonders auf. Denn mit Beginn und Fortschreiten der Demenz entwickeln sie plötzlich völlig neue künstlerische Fähigkeiten und beschäftigen sich geradezu obsessiv damit. Eine 64-jährige Frau malt nun beispielsweise ausdrucksstarke und extrem naturgetreue Tiergemälde, ohne vorher jemals einen Pinsel in der Hand gehabt zu haben.

Schäden im linken Stirnhirn und Schläfenlappen setzten Begabungen frei

Als sich Miller umhört, stößt er auf noch sieben weitere Demenzpatienten, die durch ihre Erkrankung künstlerische und auch musikalische Begabungen entwickelten. Um diesen seltsamen Phänomen auf den Grund zu gehen, untersucht Miller die Patienten mithilfe der so genannten Single-Photon Emission Computed Tomografie (SPECT). Dieses Verfahren bildet die Strukturen des Gehirns und ihre Durchblutung dreidimensional ab und gibt Miller damit einen Hinweis darauf, welche Veränderungen die Demenz im Gehirn ausgelöst hat.

Tatsächlich entdeckt er auffällige Gemeinsamkeiten. Die linke Gehirnhälfte ist bei fast allen geschädigt, die Schwerpunkte liegen im linken Schläfenlappen und Stirnhirn. Miller zieht daraus einen gewagten Schluss: Könnte es sein, dass die Degeneration gerade in diesen Bereichen eine Hemmung der Sinnesverarbeitung aufhebt, die normalerweise überschießende visuelle Eindrücke und Ausdrucksfähigkeiten blockiert?

Savants auf Zeit


Unterstützung erhält Miller durch ein Experiment von Alan Snyder und John Mitchell vom Centre for the Mind in Australien. Bei elf Versuchspersonen, die weder Autisten noch Savants sind, setzen die Forscher gezielt das linke Schläfen- und Stirnhirn für kurze Zeit durch starke Magnetpulse außer Gefecht. Während dieser Zeit müssen die Probanden zwei Tests im Zeichnen und zwei im Korrekturlesen von Texten absolvieren.

Tatsächlich zeigen zumindest vier der elf Teilnehmer für einige Stunden Veränderungen, die die Wissenschaftler als „Savant-typisch“ einstufen. Zwei von ihnen erkennen plötzlich Wortdopplungen viel besser, bei allen vier wechselt der Zeichenstil komplett. Ein ähnliches Experiment von Tracy Morell und Kollegen an der Flinders Universität in Adelaide weckte die Fähigkeit zur Kalender-Berechnung bei zwei von 17 Probanden und ein verbessertes Wissensgedächtnis bei fünf von 17.

Schaltkreise normalerweise blockiert?


Nach Ansicht der Wissenschaftler deutet das daraufhin, dass die grundsätzlichen Schaltkreise für bestimmte Savant-Fähigkeiten bei jedem von uns vorhanden sein könnten: „Savants besitzen privilegierten Zugang zu niedrigeren Ebenen der Information, die normalerweise durch bewusste Anstrengung nicht verfügbar sind“, so Snyder. „Wir haben alle die gleiche Rohinformation aber können nicht direkt darauf zugreifen, zumindest nicht auf Befehl.“

Offenbar kann im Extremfall sogar eine Gehirnerschütterung ausreichen, um diese „niedrigeren Ebenen“ plötzlich verfügbar zu machen. Der Savant-Experte Darold Treffert jedenfalls berichtet in einem Artikel von gleich mehreren jüngeren Erwachsenen, die nach einem Unfall neue Fähigkeiten erlangten. Warum aber funktioniert dies nur bei einigen Menschen? Und warum wurden nicht alle Demenzkranken zu Savants?
Nadja Podbregar
Stand: 12.12.2008
 
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