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Verbleites Benzin machte eine ganze Generation dümmer

Die Hälfte aller US-Bürger hat durch Bleibelastung in der Kindheit IQ-Punkte eingebüßt

Blei
Blei kann schon in geringer Konzentration die Hirnentwicklung stören und den IQ von Kindern senken.© jarun011/ Getty images

Subtile Spätfolgen: Eine ganze Generation könnte bis heute an den Folgen einer zu hohen Bleibelastung in der Kindheit leiden, wie eine US-Studie enthüllt. Demnach waren vor allem die zwischen 1960 und 1980 Geborenen in ihrer Kindheit so hohen Belastungen durch verbleites Benzin ausgesetzt, dass dies ihren IQ um bis zu sieben Punkte senkte. Allein in den USA kostete dies kollektiv 824 Millionen IQ-Punkte – gut die Hälfte der US-Bevölkerung ist betroffen.

Blei ist ein Schwermetall, das akute Vergiftungen verursachen kann, sich aber auch schleichend im Körper anreichern. Folge einer solchen chronischen Bleivergiftung sind Schädigungen von Nieren, Darm und Blutbildung, aber vor allem auch des Gehirns und Nervensystems. Bei Kindern kann schon eine Dosis von 10 bis 20 Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut zu einer verringerten Intelligenz und psychomotorischen Störungen führen.

Autoabgase
Bis in die 1990er Jahre hinein war das Benzin verbleit – und die Autoabgase entsprechend bleihaltig.© ssuaphoto/ iStock.com

Als eine der Hauptquellen der Bleibelastung gelten neben alten Bleileitungen und Industrieabgasen vor allem die über Jahrzehnte genutzten bleihaltigen Kraftstoffe. Von den 1920er bis in die 1990er Jahre hinein war das Benzin verbleit und die Verkehrsabgase daher entsprechend bleihaltig.

Wie hoch war die Belastung?

Welche Folgen die Belastung durch verbleites Benzin hatte und wie viele Menschen davon betroffen waren und sind, haben nun Michael McFarland von der Florida State University und seine Kollegen untersucht. Für ihre Studie werteten sie zunächst die Daten mehrerer nationaler Langzeitstudien aus, die von 1976 bis 2016 Gesundheit und Blut von Kindern zwischen einem und fünf Jahren untersucht hatten. Darüber konnten sie ermitteln, wie hoch die Bleibelastung ja nach Zeit und Wohnort war.

Diese Ergebnisse kombinierten die Forscher mit Erhebungen zur Wirkung erhöhter Blut-Bleiwerte auf die Intelligenz von Kindern. Auf Basis dieser Daten errechneten sie anschließend unter Zuhilfenahme historischer Statistiken zum Kraftststoffverbrauch, wie viele heute lebende US-Amerikaner in ihrer Kindheit potenziell schädlichen Bleibelastungen ausgesetzt waren und welche Folgen dies für ihren IQ hatte.

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„Ich war schockiert“

Das Ergebnis überraschte selbst die Forscher: „Ehrlich gesagt war ich einfach schockiert“, sagt MxcFarland. „Und wenn ich mir die Zahlen anschaue, bin ich es immer noch, obwohl ich sie inzwischen kenne.“ Denn den Daten zufolge waren mehr als 170 Millionen US-Amerikaner in ihrer Kindheit zu hohen, die Intelligenz-Entwicklung beeinträchtigenden Bleibelastungen ausgesetzt.

Konkret ermittelte das Team, dass vor allem die zwischen 1951 und 1980 geborenen Kinder die als schädlich geltenden Grenzwerte im Blut deutlich überschritten. „So hatten beispielsweise rund 78 Prozent der zwischen 1966 und 1970 geborenen Menschen in ihrer Kindheit Blut-Bleiwerte oberhalb von 15 Mikrogramm pro Deziliter“, berichten die Forscher. „Ein signifikanter Anteil dieser Kohorten hatte sogar Blut-Bleiwerte von mehr als 30 Mikrogramm pro Deziliter.“

Belastung
Anteil der US-Bevölkerung mit erhöhter Bleibelastung in der Kindheit. © McFarland et al./ PNAS, CC-by-sa 4.0

824 Millionen kollektive IQ-Punkte verloren

Diese kindliche Bleibelastung hatte und hat Folgen: Insgesamt könnte die US-Bevölkerung allein dadurch 824 Millionen kollektive IQ-Punkte verloren haben. Heruntergerechnet auf die Einzelnen wären das zwar nur 2,6 IQ-Punkte pro Kopf. Aber diese bleibedingten kognitiven Einbußen sind nicht gleichmäßig verteilt: „Am stärksten betroffen sind die Geburtskohorten von 1966 bis 1970 – rund 20,8 Millionen US-Bürger, die im Schnitt 5,9 IQ-Punkte pro Person verloren haben“, berichten McFarland und seine Kollegen. In einigen Gruppen reicht der IQ-Verlust bis zu sieben IQ-Punkten.

Diese Menschen durchlebten ihre frühe Kindheit auf dem Höhepunkt der Luftverschmutzung durch bleihaltige Abgase. Aber auch die in den angrenzenden Zeitperioden geborenen Kinder waren mit einem IQ-Verlust von 5,7 bis 5,8 kaum weniger betroffen. „Wir können mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die große Mehrheit der in den 1960er bis 1980er Jahren geborenen Menschen einen bedeutsamen IQ-Verlust durch die Bleibelastung erlitten hat“, konstatieren die Wissenschaftler.

Eine ganze Generation könnte demnach messbare Schäden durch die verbleiten Kraftstoffe und die kontaminierte Verkehrsemissionen erlitten haben.

Schon geringe IQ-Einbußen können Folgen haben

Was aber bedeutet dies für die Betroffenen? „Auf der individuellen Ebene können schon geringe Defizite im Intelligenz-Niveau das Leben eines Menschen beeinflussen“, erklären die Forscher. Denn vor allem bei Menschen mit eher durchschnittlichen oder unterdurchschnittlichen IQ-Werten kann schon ein geringer Verlust die Erfolge in Bildung, Beruf, sozialem Status, Einkommen und generellem Wohlbefinden beeinflussen.

Auch auf der Ebene der Gesamtbevölkerung kann ein solcher IQ-Verlust sich summieren: „Frühere Studien, die von geringeren IQ-Einbußen ausgingen, haben die volkswirtschaftlichen Verluste für die USA auf 165 bis 319 Milliarden US-Dollar beziffert“, so McFarland und sein Team. „Die Tatsache, dass unsere Resultate auf noch höhere Bleiwerte und IQ-Einbußen hindeuten, unterstreicht die Bedeutung.“

Lange nachwirkendes Erbe

Nach Ansicht der Wissenschaftler hat die Ära der verbleiten Kraftstoffe damit lange nachwirkende Folgen – bis heute. Denn ihren Schätzungen nach leben heute allein 170 Millionen US-Bürger, die in ihrer Kindheit potenziell schädliche Bleibelastungen erlebt haben. „Das Erbe dieser Bleibelastung beeinflusst damit noch heute das Wohlergehen und die Gesundheit des Landes“, konstatieren McFarland und seine Kollegen.

Die Ergebnisse legen zudem nahe, dass auch Menschen in anderen Ländern die Folgen einer ähnlich hohen Belastung mit sich herumtragen. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2022; doi: 10.1073/pnas.2118631119)

Quelle: Duke University

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