Anzeige

Tinnitus ist am Hirnstamm ablesbar

Messbare Verzögerung von Hirnsignalen eröffnet Chance zur objektiven Diagnose

Tinnitus
Tinnitus erzeugt nicht nur Störgeräusche, sondern auch eine messbare Veränderung der Hirnströme. © peterschreiber.media/ Getty images

Forscher haben ein objektiv messbares Anzeichen für einen Tinnitus gefunden – im Hirnstamm. Dort verursachen dauerhafte Ohrgeräusche eine charakteristische Verzögerung bestimmter Hirnsignale bei Hörtests. Diese messbaren Verzögerungen könnten in Zukunft die Diagnose von Tinnitus erleichtern – bisher beruhte sie meist nur auf subjektiven Erfahrungen. Die Studie bestätigt zudem, dass vorübergehende Ohrgeräusche das Risiko für einen anhaltenden Tinnitus erhöhen.

Klingeln, Rauschen oder Piepen: Rund 15 bis 20 Prozent der Menschen leiden unter einem Tinnitus – anhaltenden Störgeräuschen, die unabhängig von äußeren Schallwellen im Gehirn entstehen. Gängiger Theorie nach beruht dies auf einer gestörten Regulation der Hörschaltkreise im Hirnstamm und der Hörrinde: Neuronen sind übererregbar und feuern spontan, gleichzeitig funktionieren die Filter nicht richtig, die normalerweise unwichtige oder störende Geräusche ausblenden.

Bisher beruht eine Tinnitus-Diagnose vor allem auf den subjektiven Schilderungen der Patienten, objektiv messbare Kriterien fehlen. Zwar haben einige Studien erste Hinweise auf subtile Veränderungen der Hirnströme und Anomalien in einigen Hirnarealen erbracht. Die Ergebnisse waren jedoch widersprüchlich und beruhten oft auf nur wenigen Testpersonen.

Signale aus dem Hirnstamm

Das hat sich nun geändert. Ein Team um Niklas Edvall vom Karolinksa Institut in Stockholm hat die bisher umfangreichste Suche nach objektiven Tinnitus-Signaturen im Gehirn durchgeführt und ist fündig geworden. Dafür führten sie bei 228 Menschen mit Tinnitus und 177 gesunden Kontrollpersonen eine Messung der sogenannten frühen akustisch evozierten Potentiale durch (auditory brainstem responses).

Dabei werden Hirnströme abgeleitet, die vom Hirnstamm während des Hörens von Testtönen erzeugt werden. Das resultierende Signal besteht aus fünf messbaren Wellen, die nacheinander von fünf neuronalen Komponenten des Hörsystems ausgehen. Verzögerungen oder abgeschwächte Amplituden dieser Wellen können auf Störungen des Hörnervs und weiterer primärer Teile des auditorischen Systems hindeuten.

Anzeige

Signifikante Verzögerung der fünften Welle

Tatsächlich zeigte sich auch für den Tinnitus eine Auffälligkeit in diesem System: Bei Patienten mit anhaltendem Tinnitus waren zwei Wellen im Vergleich zu den Signalen bei gesunden oder nur gelegentlich unter Ohrgeräuschen leidenden Testpersonen leicht verändert. Welle I hatte eine leicht verringerte Amplitude und Welle V zeigte eine deutliche Verzögerung, wie Edvall und seine Kollegen feststellten. Diese fünfte Welle wird von einem Areal im Mittelhirn erzeugt.

„Diese Ergebnisse bestätigen, dass ein anhaltender Tinnitus mit Veränderungen der Hirnstamm-Antwort verknüpft ist“, schreiben die Forschenden. „Die Verzögerung der Welle V bleibt auch dann robust, wenn biologische Faktoren wie Alter, Geschlecht, Hörverlust oder akustische Überempfindlichkeit berücksichtigt werden.“ Dies spreche dafür, dass der konstante Tinnitus mit eine Deregulation der neuronalen Verarbeitung im Mittelhirn verbunden sei.

Für die Tinnitus-Diagnose geeignet

Nach Ansicht des Forschungsteams eröffnet dieses objektiv messbare Merkmal nun neue Möglichkeiten der Tinnitus-Diagnose. Denn für den Nachweis werden nur wenige Elektroden benötigt und die Methode ist bereits gängig, um beispielsweise Hörnervenstörungen oder Schwerhörigkeit bei Neugeborenen nachzuweisen. „Wir denken, dass unsere Methode auch genügend sensitiv ist, um als diagnostisches Werkzeug bei Tinnitus eingesetzt zu werden“, sagt Edvalls Kollege Christopher Cederroth.

In einem zweiten Teil ihrer Studie fanden die Forschenden zudem heraus, dass ein zwar häufig auftretendes, aber noch nicht dauerhaftes Ohrgeräusch ein Vorzeichen für einen Wandel zum dauerhaften Tinnitus sein kann. Im Verlauf von zwei Jahren wurde das Ohrgeräusch bei überproportional vielen dieser Patienten anhaltend. War der Tinnitus einmal zum Dauergeräusch geworden, blieb er über Jahre präsent.

„Es ist wichtig, dies zu wissen, damit Menschen mit einem nur gelegentlichen Tinnitus das Risiko erkennen und rechtzeitig vorbeugen können“, betont Cederroth. (The Journal of Clinical Investigation, 2022; doi: 10.1172/JCI155094)

Quelle: Karolinska Institutet

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

News des Tages

Sternentod

Ungewöhnlicher Sternentod am Schwarzen Loch

Neuer Antikörper gegen Alzheimer

Special: Coronavirus und Covid-19

Ältestes Pterodactylus-Fossil in Deutschland entdeckt

Elektroautos: Mehr Reichweite durch neue Achse

Bücher zum Thema

Das Buch der Klänge - Eine Reise zu den akustischen Wundern der Welt Von Trevor Cox

Welcome To Your Brain - Ein respektloser Führer durch die Welt des Gehirns von Sandra Aamodt und Samuel Wang

Drachen, Doppelgänger und Dämonen - Über Menschen mit Halluzinationen Von Oliver Sacks

Top-Clicks der Woche