Viele Nagetiere in der Großstadt tragen gefährliche multiresistente Bakterien in sich Stadt-Ratten als Überträger resistenter Keime? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Stadt-Ratten als Überträger resistenter Keime?

Viele Nagetiere in der Großstadt tragen gefährliche multiresistente Bakterien in sich

Ratte
Da sie im Umfeld von menschlichem Abfall und Fäkalien leben, infizieren sich Ratten besonders leicht mit resistenten Erregern. © anatolypareev/ istock

Potenzielle Überträger: Viele Ratten tragen offenbar gefährliche multiresistente Keime in sich. Wie eine Studie aus Wien enthüllt, sind die tierischen Stadtbewohner unter anderem mit gegen Antibiotika immunen Enterobakterien und Staphylokokken belastet. Letztere wiesen die Forscher in jedem zweiten Nager nach. Wie groß die Gefahr einer Übertragung dieser Erreger auf den Menschen ist, ist dem Team zufolge zwar noch unklar. Trotzdem seien die Ergebnisse besorgniserregend.

Sie leben im Verborgenen, aber sie sind viele: In den meisten Großstädten leben heute mehr Ratten als Menschen. Die intelligenten Nager haben sich perfekt an die Lebensweise im urbanen Milieu angepasst. Sie besiedeln unsere Abwassersysteme, Lagerräume und Müllplätze und fressen mit Vorliebe das, was wir wegwerfen – Abfall.

Genau das macht die Tiere jedoch auch zu einer potenziellen Bedrohung. Die Pest übertragen sie heute zwar nicht mehr. Durch den Kontakt mit menschlichem Müll und Fäkalien können Ratten aber multiresistente Krankheitserreger aufnehmen und verbreiten. „Wie groß die Rolle der urbanen Wildtiere als Reservoire oder Vektoren für Resistenzen wirklich ist, ist bisher jedoch erst in Teilen verstanden“, erklären Amélie Desvars-Larrive von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und ihre Kollegen.

Rattenjagd in der Großstadt

Um mehr über diesen Zusammenhang zu erfahren, haben die Wissenschaftler nun Wanderratten (Rattus norvegicus) in der Wiener Innenstadt untersucht. Für ihre Studie fingen sie 36 Nager am zentralen Karlsplatz sowie 26 Tiere an der Promenade entlang des Donaukanals ein. Anschließend nahmen sie Proben aus Nase, Rachen und zum Teil auch dem Darm der Ratten. Diese analysierten sie auf resistente Entero- und Staphylococcus-Bakterien.

Die Ergebnisse enthüllten: Immerhin rund jede siebte der 62 Ratten trug multiresistente Enterobakterien wie Enterobacter cloacae in sich. Die in Wien ermittelte Häufigkeit entspricht den Forschern zufolge damit in etwa den in anderen Großstädten wie Berlin und Hongkong erhobenen Zahlen. Weitaus häufiger waren jedoch multiresistente Staphylokokken wie der berüchtigte Krankenhauskeim MRSA: Solche Keime wies das Team bei mehr als der Hälfte der Nager (59,7 Prozent) nach.

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„Häufigkeit ist besorgniserregend“

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Menschen in der Stadt? „Obwohl die genaue Wechselwirkung zwischen mit multiresistenten Keimen belasteten Ratten und dem Risiko für die menschliche Gesundheit derzeit noch nicht geklärt ist, ist die von uns beobachtete Häufigkeit multiresistenter Keime besorgniserregend“, konstatieren die Autoren.

„Eine der von uns untersuchten Ratten wurde beispielsweise in einem Grünbereich gefangen, der von Obdachlosen als Schlafstelle genutzt wird. Diese besondere Situation erhöht das Risiko einer Übertragung. Grundsätzlich ist für eine Übertragung aber auch eine Vielzahl weiterer Szenarien denkbar“, berichten Desvars-Larrive und ihre Kollegen.

Risiko nimmt in Zukunft zu

Wie die Wissenschaftler betonen, wird das Risiko einer Übertragung krankmachender Keime von Tieren auf den Menschen in Zukunft vermutlich sogar steigen. Denn Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2030 rund 60 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben – und je dichter die Besiedlung, desto wahrscheinlicher sind Interaktionen mit Ratten und Co. Zusätzlich begünstige auch das wärmere städtische Mikroklima die Entstehung sogenannter Zoonosen.

„Die Bekämpfung von Ratten, aber auch anderer Nagetiere wie Mäusen, ist und bleibt in Städten deshalb eine wichtige Priorität für die öffentliche Gesundheit“, so das Fazit des Teams. (Eurosurveillance, 2019; doi: 10.2807/1560-7917.ES.2019.24.32.1900149)

Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien

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