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Helfen Cholesterin-Senker gegen Metastasen?

Statine hemmen krebsförderndes Gen und senken Häufigkeit von Tumoren und Metastasen

Krebszelle
Statine können ein Krebsgen hemmen, das die Bildung von Metastasen fördert. © peterschreiber.media/Getty images

Hoffnung für Krebspatienten: Die gegen zu hohe Blutfettwerte verabreichten Statine können offenbar die Bildung von Krebs-Metastasen bremsen. Denn diese Mittel hemmen ein Gen, das Krebszellen zum Streuen animiert, wie Tests ergeben haben. Bei Mäusen verringerte die Gabe dieser Cholesterinsenker die Metastasenbildung signifikant. Auch bei menschlichen Patienten gibt es Hinweise auf eine solche Metastasen-hemmende Wirkung von Statinen, wie das Team berichtet.

Die meisten Krebspatienten sterben nicht an ihrem Primärtumor, sondern an den Metastasen – gestreuten Tochtergeschwülsten des ursprünglichen Tumors. Wann ein Krebs streut, hängt stark von seiner genetischen Signatur ab. Aber auch andere Faktoren wie bestimmte körpereigene Moleküle, „umprogrammierte“ Abwehrzellen, Stress oder sogar manche Chemotherapeutika können die Metastasierung von Krebs begünstigen.

Gen als Schlüsselfaktor

Einen weiteren Risikofaktor haben Forschende unter Leitung von Ulrike Stein und Robert Preißner von der Charité Universitätsmedizin Berlin vor einiger Zeit identifiziert: Das in vielen Krebszellen vorhandene Gen MACC1 fördert ebenfalls die Metastasenbildung. „Viele Krebsarten streuen nur bei den Patienten mit hoher MACC1-Expression“, erläutert Stein.

Diese Rolle von MACC1 als Schlüsselfaktor wurde inzwischen für mehr als 20 Tumore bestätigt. Deshalb hat das Forschungsteam nun nach Wirkstoffen gesucht, die dieses Gen deaktivieren oder zumindest hemmen können. Dafür führten sie Hochdurchsatz-Medikamentenscreenings durch, bei denen die Wirkung zahlreicher schon bekannter Mittel auf Krebszellkulturen getestet wird.

Statine verringern Metastasierung bei Mäusen

Tatsächlich wurde das Team fündig: Sieben verschiedene Statine – Mittel gegen zu hohe Cholesterinwerte – zeigten einen signifikanten Effekt auf das Metastasierungs-Gen MACC1. Die Wirkstoffe, darunter Fluvastatin, Atorvastatin oder Simvastatin, hemmten die Aktivität des Gens in den Krebszellen messbar, wenn auch nicht alle gleich stark. Doch würde das auch im lebenden Organismus funktionieren?

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Um dies zu testen, verabreichten die Forschenden Mäusen die Statine, die unter Krebstumoren mit erhöhter MACC1-Expression litten. Das Ergebnis: Die Tiere bildeten selbst bei normaler, für die Einnahme typische Dosierung der Mittel kaum noch Tumore und Metastasen aus. „Besonders bemerkenswert ist, dass dies bei den Tieren auch dann noch funktioniert hat, nachdem wir die Dosis gegenüber der Menge, die Menschen normalerweise einnehmen, verkleinert haben“, sagt Stein.

„Auf molekular-mechanistischer Ebene liefern wir damit experimentelle Belege dafür, dass Statine das Ablesen des tumorfördernden und Metastasen auslösenden MACC1-Gen zumindest in Teilen hemmt“, berichten die Forschenden.

Positive Effekte auch bei menschlichen Patienten

Und noch eine gute Nachricht gibt es: Diese Wirkung scheint auch beim Menschen vorzuliegen, wie die Auswertung der Gesundheitsdaten von mehr als 277.000 Patienten mit länger anhaltender Statin-Einnahme ergab. „Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung war bei den Patienten, die Statine einnehmen, die Krebshäufigkeit um die Hälfte niedriger“, berichtet Preißner. Und wenn diese Patienten an Krebs erkrankten, war zudem ihre Überlebenschance höher.

Besonders ausgeprägt war der krebsvorbeugende Effekt bei dem Wirkstoff Atorvastatin, signifikant wirkten zudem Fluvastatin, Pravastatin und Rosuvastatin. Simsimvastatin zeigte hingegen nur einen schwachen krebspräventiven Effekt. „Unsere Studie enthüllt damit einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Statin-Einnahme und der Krebsentwicklung bei Patienten“, schreiben Stein und ihr Team.

Statine nicht ohne Rücksprache einnehmen

Allerdings: Die Forschenden warnen davor, Statine prophylaktisch zur Krebsvorbeugung einzunehmen. Die Cholesterinsenker dürfen nicht ohne ärztliche Beratung und Check der Lipidwerte verabreicht werden, um eventuell schwerwiegende Nebenwirkungen zu vermeiden. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, betont Stein.

Jetzt sei erst einmal eine klinische Studie nötig, um die Wirkung zu überprüfen. Erst danach könne man mit Gewissheit sagen, ob Statine die Metastasierung bei Patienten tatsächlich verhindern oder abschwächen. Sollte sich dies jedoch bestätigten, dann könnten die Cholesterinsenker zu einem weiteren Werkzeug der Krebstherapie werden. (Clinical and Translational Medicine, 2022; doi: 10.1002/ctm2.726)

Quelle: Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

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