Coronavirus: Nur die Spitze des Eisbergs? - Epidemiologen rechnen mit exponentiell weiter steigenden Fallzahlen - scinexx.de
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Coronavirus: Nur die Spitze des Eisbergs?

Epidemiologen rechnen mit exponentiell weiter steigenden Fallzahlen

2019-nCoV
Die Coronavirus-Epidemie breitet sich exponentiell weiter aus – trotz Quarantänemaßnahmen. © nopparit, ckybes/ iStock

Auf dem Weg zur Pandemie: Inzwischen sind mehr als 2.700 Coronavirus-Fälle bekannt, 80 Patienten sind gestorben. Doch die tatsächliche Zahl der Erkrankten liegt wahrscheinlich weit höher, wie Epidemiologen berichten. Ihren Hochrechnungen zufolge könnte die Zahl der Fälle sogar bis auf 190.000 steigen, wenn die Übertragung nicht drastisch eingedämmt wird. Denn im Schnitt steckt jeder Infizierte drei bis fünf weitere Menschen an.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen seitens der chinesischen Regierung breitet sich das neue Coronavirus 2019-nCoV nahezu ungebremst aus. Nachdem Ende Dezember 2019 die ersten Fälle in der Millionenstadt Wuhan gemeldet wurden, reagierten die chinesischen Gesundheitsbehörden zwar relativ schnell. Doch trotz früher Identifizierung des Erregers und Quarantänemaßnahmen steigen die Fallzahlen in Wuhan, aber auch in anderen Gegenden Chinas weiter an.

Coronavirus-Fälle weltweit
Länder mit bestätigten Fällen von 2019-nCoV, Stand 26.01.2020. © CDC/ National Center for Immunization and Respiratory Diseases (NCIRD)

95 Prozent der Fälle unerkannt

Inzwischen sind bereits mehr als 2.700 Menschen am Coronavirus erkrankt, mehr als 80 Patienten sind an der Infektion gestorben. Durch Reisende aus China hat es auch in den USA und in Australien je fünf Fälle gegeben, in Frankreich wurden drei Fälle gemeldet. Die Gesundheitsbehörden erwarten jedoch, dass es auch in diesen und weiteren Ländern weitere Erkrankungen geben wird.

Einer jüngsten Studie zufolge schätzen Forscher zudem, dass in China nur ein Bruchteil der mit dem Virus Infizierten erkannt wurden. „Wir schätzen, dass nur 5,1 Prozent der Infektionen in Wuhan identifiziert worden sind“, berichten Jonathan Read von der University of Lancaster und sein Team. „Alles spricht für eine hohe Zahl von Infektionen in der Bevölkerung.“ Dazu passt, dass ein anderes Forscherteam auch Infizierte ohne auffallende Symptome identifiziert hat.

Übertragungsrate so hoch wie bei SARS

Die hohe Zahl der symptomlosen Infektionen und die lange Inkubationszeit von zwei Wochen könnten die Gefahr verstärken, dass das Virus unerkannt an weitere Menschen übertragen wird. Denn klassische Erkennungsmaßnahmen wie beispielsweise das Fiebermessen an Flughäfen greifen dann nicht. Andererseits aber ist bisher noch nicht bekannt, ob auch symptomlose Virenträger überhaupt ansteckend sind, wie mehrere Forscherteams betonen.

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Bisher schätzen Epidemiologen die Übertragungsrate des neuen Coronavirus auf 3,3 bis 5,5. Das bedeutet, dass jeder Infizierte im Schnitt drei bis fünf weitere Menschen ansteckt. Eine ähnliche Vermehrungsrate hatte auch der eng verwandte Erreger der SARS-Pandemie im Jahr 2002/2003. Allerdings liegt die Mortalitätsrate bei 2019-nCoV bislang bei unter einem Prozent und damit weit niedriger als bei SARS und MERS-CoV.

190.000 Erkrankte schon in zwei Wochen?

Nach Hochrechnungen von Read und seinem Team könnten in China schon in 14 Tagen – am 4. Februar 2020 – mehr als 190.000 Menschen infiziert sein, sofern sich die Übertragungsrate nicht ändert. Am stärksten gefährdet wären neben Wuhan unter anderem die chinesischen Metropolen Schanghai, Peking und Guangzhou. Außerhalb Chinas ist das Risiko in Hongkong, Taiwan, Japan und Südkorea besonders hoch.

„Unser Modell spricht dafür, dass auch die Reisebeschränkungen von und nach Wuhan die Ausbreitung in China nicht stoppen werden“ berichten die Forscher. „Selbst bei einer Verringerung des Reiseverkehrs um 99 Prozent würde sich das Ausmaß der Epidemie außerhalb von Wuhan nur um ein Viertel verringern.“ Allerdings räumen die Wissenschaftler ein, dass ihre Hochrechnungen noch mit zahlreichen Unsicherheiten verbunden sind.

Wie hoch ist die Gefahr für Deutschland?

In Europa sind bisher nur aus Frankreich drei bestätigte Fälle mit 2019-nCoV bekannt. Verdachtsfälle in Wien und Frankfurt haben sich dagegen laut Medienberichten nicht bestätigt. Epidemiologen gehen aber davon aus, dass es durch Reisende aus China auch in Deutschland vereinzelte Erkrankungsfälle geben wird. Ähnlich wie bei der SARS-Pandemie rechnen Experten aber mit einem nur geringen Risiko hierzulande.

„Trotz eines wahrscheinlichen Imports von vereinzelten infizierten Fällen wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit keine signifikante Gefährdung für Deutschland durch 2019-nCoV geben“, betont auch der Infektiologe Clemens Wendtner von der Klinik Schwabing in München. An den fünf großen Flughäfen in Deutschland steht im Verdachtsfall geschultes Personal bereit, um mögliche Corona-Patienten in Empfang zu nehmen.

„Das Wichtigste bei auftauchenden Krankheitsfällen ist, weitere Ansteckungen zu vermeiden. Dabei müssen dann Vorkehrungen getroffen werden, so dass keine Infektionen durch Tröpfchen-Übertragung entstehen“, kommentiert Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. (medRxiv 2020, doi: 10.1101/2020.01.23.20018549; bioRxiv, 2020, doi: 10.1101/2020.01.23.916395)

Quelle: Read et al, CDC, Robert-Koch-Institut, Science Media Centre

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