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Meeresspiegel: Land Unter für die Tropen

Tropische Küstengebiete sind überproportional stark vom Anstieg der Pegel betroffen

Java
Die Tropen, hier Java, sind überproportional stark vom Meeresspiegel-Anstieg betroffen. Denn dort sind die Küsten besonders tiefliegend. © Mangiwau/Getty images

Land Unter: Die steigenden Meeresspiegel bedrohen mehr Menschen und Landflächen als gedacht, wie neue Laser-Altimetrie-Daten enthüllen. Demnach leben schon jetzt 267 Millionen Menschen in der Gefahrenzone von weniger als zwei Metern über dem Meeresspiegel, bis 2100 könnten es 410 Millionen Menschen sein. Fast drei Viertel der Betroffenen leben entlang der Küstenregionen der Tropen – und damit oft in Ländern ohne genügende Mittel für effektiven Küstenschutz.

Die Erwärmung der Ozeane und der Einstrom von immer mehr Schmelzwasser treibt die Meeresspiegel in die Höhe. Allein im 20. Jahrhundert sind die Pegel um rund 15 Zentimeter angestiegen und jedes Jahr kommen fast vier Millimeter dazu – Tendenz weiter zunehmend. In Kombination mit der Bodenabsenkung vieler Küstengebiete führt dazu, dass schon jetzt Landflächen im Meer versinken, darunter in der Südsee, aber auch an der US-Küste oder in Asien.

Laser statt Radar

Wie viele Landflächen und Menschen jetzt und künftig von zunehmenden Überflutungen bedroht sind, haben Aljosja Hooijer vom Deltares Institut in Delft und seine Kollegen nun auf Basis neuer Höhenmessdaten untersucht. Bisherige Karten beruhen meist auf Daten von Radarsatelliten, haben aber Unsicherheiten von 0,5 bis 1,26 Metern. „Das kann zu einer Unterschätzung des tatsächlichen Überflutungsrisikos führen“, erklären die Forscher.

Alternativ haben sie daher ein neues digitales Geländemodell genutzt, das auf LIDAR-Daten des Satelliten ICESat-2 beruht. Bei der Laser-Altimetrie mit LIDAR werden Laserstrahlen eingesetzt, um die Erdoberfläche abzutasten. Mit ihnen lässt sich ein höher aufgelöstes und weniger stark durch Vegetation und andere Störfaktoren Bild der Höhenverteilung gewinnen. Der mittlere Fehler liegt bei 0,29 Meter, wie das Team erklärt.

Auf Basis des neuen Höhenmodells und einem Klimamodell ermittelten die Forscher, wie viel Landfläche heute und im Jahr 2100 unterhalb von zwei Metern über dem Meeresspiegel liegt. Mithilfe von Daten aus der UN-Datenbank zur Weltbevölkerung bestimmten sie dann, wie viele Menschen in den betroffenen Landstrichen leben.

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Karte
Anteil der Landfläche (oben) und der Bevölkerung im Bereich bis zwei Meter über dem Meeresspiegel.© Hooijer et al./ Nature Communications, CC-by-sa 4.0

Tropische Küsten am stärksten betroffen

Das Ergebnis: Schon heute liegen 1,05 Millionen Quadratkilometer Landfläche in der potenziellen Gefahrenzone von bis zu zwei Meter über dem Meeresspiegel. „Das ist substanziell mehr als es bisherige Höhenmodelle global und für die einzelnen Länder nahelegten“, berichten Hooijer und seine Kollegen. Fast zwei Drittel dieser Flächen liegen in den Tropen, davon die Hälfte in Asien. „Das spiegelt die langen Küstenlinien, großen Flussdeltas und zahlreichen Inseln dieser Region wider“, so die Forscher.

Das bedeutet auch, dass vor allem die Bewohner der küstennahen Ballungsräume Asiens von der steigenden Überflutungsgefahr betroffen sind. Weltweit leben den neuen Erhebungen nach schon heute rund 267 Millionen Menschen in der potenziellen Gefahrenzone. Mehr als die Hälfte davon – 157 Millionen Menschen – sind in den tropischen Küstenregionen Asiens zuhause. „Die Tropen stechen heraus, denn sie sind sowohl in Bezug auf die Fläche wie auf die Bevölkerung am stärksten betroffen“, betonen Hooijer und seine Kollegen.

Ärmere Länder tragen die Hauptlast

Diese ungleiche Verteilung wird sich auch in der Zukunft fortsetzen: Für das Jahr 2100 gingen die Forscher von einem Anstieg des Meeresspiegels um rund einen Meter aus, zusammengesetzt aus dem tatsächlichen Pegelanstieg und der Absenkung der Landflächen. Dies bewirkt eine Verschiebung der Küstenlinien, durch die die potenzielle Gefahrenzone mit weniger als zwei Metern über Null um rund 40 Prozent ansteigt. 410 Millionen Menschen würden dann in dieser Zone leben.

Und wieder sind die Tropen besonders stark betroffen: „Allein im tropischen Asien würden 70 Millionen Menschen unterhalb des Meeresspiegels leben – dreimal so viele wie in den gemäßigten Regionen“, berichten Hooijer und sein Team. „Egal ob man Fläche, Bevölkerung oder Bevölkerungswachstum anschaut – die Last des Meeresspiegelanstiegs wird überproportional stark auf den Entwicklungsländern der Tropen liegen. Doch gerade diese Länder haben oft nur begrenzte Möglichkeiten, sich anzupassen.“

Land Unter in Bangladesch und Indonesien

„Allein in Bangladesch sind schon heute 16 Prozent der Landfläche und 18,1 Millionen Menschen betroffen“, berichten Hooijer und sein Team. Steigt der Meeresspiegel um einen Meter, wäre die Heimat von 4,9 Millionen dieser Menschen dauerhaft unter Wasser. In absoluten Zahlen ist dagegen Indonesien am stärksten betroffen: Gut 118.000 Quadratkilometer Land liegen in der Gefahrenzone, mehr als in jedem anderen Land der Welt.

„Angesichts des rapide steigenden Überflutungsrisikos in diesen tiefliegenden Gebieten haben wir keine Zeit mehr zu verlieren“, betont Hooijer. Schon jetzt plädieren einige Wissenschaftler sogar für einen geordneten Rückzug aus den besonders gefährdeten Küstengebieten. (Nature Communications, 2021; doi: 10.1038/s41467-021-23810-9)

Quelle: Nature Communications

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