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Energiewende: Jobverlust oder Arbeitsplatzgewinn?

Bei eingehaltenen Klimazielen entstehen mehr neue Jobs im Energiesektor als verloren gehen

Energietechnik
Der Ausbau der erneuerbaren Energien könnte bei konsequentem Klimaschutz mehr Jobs generieren als durch den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verloren gehen. © gorodenkoff/ Getty images

Nachhaltige Jobs: Wenn die Welt das Zwei-Grad-Klimaziel erreicht, werden die Arbeitsplätze im Energiesektor von heute 18 Millionen auf 26 Millionen im Jahr 2050 steigen – netto ergibt sich damit ein Zugewinn an Jobs. Das zeigt eine neue Analyse auf Basis von Daten aus über 50 Ländern. Demnach gehen zwar viele Arbeitsplätze im Bereich fossiler Brennstoffe verloren. Durch neue Aufgaben bei erneuerbaren Energien wird das jedoch mehr als ausgeglichen – auch in Europa.

Beim Pariser Klimaabkommen haben sich 195 Regierungen der Welt auf ein gemeinsames Klimaziel geeinigt: Die globale Erwärmung soll bis 2050 auf zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitraum begrenzt werden. Um dieses Klimaziel einzuhalten, muss der Ausstoß an Treibhausgasen massiv begrenzt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Energiewende – weg von fossilen Brennstoffen, hin zu CO2-neutralen erneuerbaren Energien.

Daten aus 50 Ländern

Ein Team um Sandeep Pai von der University of British Columbia in Kanada hat nun analysiert, wie sich der Umstieg auf erneuerbare Energien weltweit auf den Arbeitsmarkt auswirken wird. „Technologien zum Ersatz fossiler Brennstoffe sind weithin verfügbar, doch die Unterstützung ihrer Verbreitung wird oft mit den Auswirkungen auf die Arbeitsplätze in der fossilen Energiewirtschaft verknüpft“, schreiben die Forscher.

Um zu überprüfen, inwieweit die Energiewende Arbeitsplätze kostet oder neu schafft, analysierten die Forscher einen Datensatz aus 50 Ländern. Anders als frühere Studien bezogen sie dabei nicht nur OECD-Länder ein, sondern berücksichtigten auch beispielsweise China, Russland und Saudi-Arabien, die aktuell besonders viel durch fossile Brennstoffe verdienen. Auf dieser Basis modellierten sie zukünftige Entwicklungen in verschiedenen Szenarien.

Enegiejobs
Veränderungen der Energie-Arbeitsplätze bei nachhaltigem Klimaschutz (SSP1), mäßigem Klimaschutz (SSP2) und einer weiterhin fossilen Wirtschaft (SSP3) im Vergleich zum heutigen Zustand (Referenz) und zum Erreichen des Zwei-Grad-Klimaziels (WB2C). © Pai et al./ One Earth

Neue Jobs durch Solar- und Windenergie

Das Ergebnis: Die Angst vor einer Massenarbeitslosigkeit durch Kohleausstieg und Co ist eher unbegründet. „Derzeit arbeiten schätzungsweise 18 Millionen Menschen in der Energiewirtschaft – eine Zahl, die wahrscheinlich auf 26 Millionen ansteigen wird, wenn wir unsere globalen Klimaziele erreichen“, sagt Co-Autor Johannes Emmerling vom Europäischen Institut für Ökonomie und Umwelt in Italien. Geht die Politik dagegen weiter wie bisher, wird es der Analyse zufolge 2050 nur etwa 21 Millionen Jobs im Energiesektor geben.

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In dem Zwei-Grad-Szenario würden im Jahr 2050 demnach 84 Prozent aller im Energiesektor Beschäftigten im Bereich der erneuerbaren Energien arbeiten, elf Prozent weiterhin mit fossilen Brennstoffen und fünf Prozent im Bereich Atomenergie. „Während die Arbeitsplätze im Bereich der Förderung fossiler Brennstoffe rapide abnehmen, werden diese Verluste durch Zuwächse bei den Arbeitsplätzen in der Solar- und Windenergie kompensiert“, so die Autoren.

Regionale Verschiebungen

Von der Verlagerung der Arbeitsplätze in den Bereich der erneuerbaren Energie werden Länder und Regionen jedoch in unterschiedlichem Ausmaß profitieren. Die meisten Regionen, darunter auch Europa oder die USA, gewinnen bis 2050 Energiearbeitsplätze hinzu, wie das Team ermittelte. Es gibt aber auch Staaten und Regionen, die je nach Klimaschutz-Szenario Stellen im Energiesektor abbauen müssen.

Der Grund: „Zukünftige Arbeitsplätze in der Produktion von erneuerbaren Energien unterscheiden sich von anderen Arbeitsplatzkategorien, da es keine physische Bindung dieser Arbeitsplätze an einen bestimmten Ort gibt“, erklären Pai und sein Team. So muss der Kohleabbau dort stattfinden, wo sich die Kohlelagerstätten befinden – Länder mit solche Vorkommen haben daher momentan mehr entsprechende Arbeitsplätze zu bieten. Die Ressourcen, Wasser, Wind und Sonne sind dagegen weniger punktuell und ihre Nutzung geografisch flexibler.

Konkret könnte das zur Folge haben, dass beispielsweise China im Zuge der Energiewende bis zu 39 Prozent der Energiearbeitsplätze verlieren wird. Denn dieses Land fördert und exportiert mehr Kohle als nahezu alle anderen Länder. Dafür jedoch könnten andere Wirtschaftsbereiche Chinas vom Aufschwung der erneuerbaren Energien erheblich profitieren: „China gehört zu den Ländern, die schon heute entscheidende Technologien für die erneuerbare Energiegewinnung herstellen“, schreiben die Forscher. „Das gibt ihnen Vorteil, wenn es darum geht, Jobs in diesem Bereich zu generieren.“

Kein Argument gegen Klimaschutz

Zusammengenommen zeigen die Modelle, dass ein konsequenter oder wenigstens mäßiger Klimaschutz Netto mehr Arbeitsplätze bringt, während eine weiterhin auf fossilen Brennstoffen beruhende Entwicklung insgesamt gesehen eher zum Arbeitsplatzabbau beitragen wird. „Klimaschutz-Entscheidungen werden in der nationalen Politik oft gegen Jobverluste ausgespielt“, konstatieren Pai und seine Kollegen. „Aber unsere Ergebnisse zeigen, dass diese Verluste durch Zugewinne bei erneuerbaren Energie ausgeglichen werden können.“

Als nächstes wollen die Forscher untersuchen, inwieweit sich Qualifikationsniveaus, Bildungsanforderungen und Löhne verändern, wenn erneuerbare Energien zunehmend fossile Brennstoffe ersetzen. (One Earth, 2021, doi: 10.1016/j.oneear.2021.06.005)

Quelle: Cell Press

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