Nutztiere wissen, wann sie beobachtet werden und passen ihr Verhalten an Ziegen, die auf Männer starren? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Nutztiere wissen, wann sie beobachtet werden und passen ihr Verhalten an

Ziegen, die auf Männer starren?

Schenkt der Wissenschaftler der Ziege seine Aufmerksamkeit, wartet sie ungeduldig vor dem Gitter © Leibniz-Institut für Nutztierbiologie

Schaust Du mich nicht an, starre ich Dir in den Rücken: Zwergziegen sind offenbar zu höheren kognitiven Leistungen in der Lage, als bisher angenommen. Die Tiere merken, wann ihnen ein Mensch Aufmerksamkeit schenkt und wann nicht, hat ein deutscher Wissenschaftler nun herausgefunden. Sie sind damit die ersten Nutztiere, bei denen solches Verhalten erkennbar ist. Diese Erkenntnis könnte sich auch auf die Tierhaltung auswirken.

Schenkt der Wissenschaftler der Ziege seine Aufmerksamkeit, wartet sie ungeduldig vor dem Gitter, Schaut der Forscher zur Seite, bleibt die Ziege nach einer Weile still stehen und starrt ihn an© Leibniz-Institut für Nutztierbiologie, Leibniz-Institut für Nutztierbiologie

Manche Tiere können durchaus erkennen, wann sie vom Menschen beobachtet werden. Bei Primaten ist eine solche höhere Gedächtnisleistung bereits bekannt: Sie betteln beispielsweise nur bei Menschen um Futter, die gerade aufmerksam genug sind, um die Bettelgesten auch wahrzunehmen. Bei Haien ließ sich nachweisen, dass sie zumindest die Blickrichtung eines Menschen erkennen und interpretieren können.

Unterschiedliche Aufmerksamkeit beeinflusst Verhalten

Der Biologe Christian Nawroth von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat erforscht, ob auch Zwergziegen zu dieser kognitiven Leistung in der Lage sind. In seinen Versuchen zeigte Nawroth den Ziegen zunächst ein Stück Futter und verdeckte es anschließend, hinter einem Gitter und somit außer Reichweite der Ziege. Mit unterschiedlicher Körperhaltung zeigte der Wissenschaftler dann unterschiedliche Aufmerksamkeit an, indem er etwa auf das Tier schaute, den Kopf abwandte oder der Ziege sogar den Rücken zudrehte. Erst nach Ablauf von 30 Sekunden erhielt das Tier schließlich seine Futterbelohnung. Dieser Versuchsaufbau ist für Primaten vielfach angewendet worden, für Nutztiere wie Ziegen jedoch neu.

Das Verhalten der Versuchstiere änderte sich deutlich, je nach Körperhaltung des Biologen. Allerdings waren die Ausdrucksweisen der Ziegen unauffälliger als bei Primaten: Während Menschenaffen mit eindeutigen Gesten am Gitter betteln, bewegen sich die Ziegen lediglich deutlich mehr und sind aktiver – sie erscheinen geradezu ungeduldig.

Schenkt der Wissenschaftler der Ziege seine Aufmerksamkeit, wartet sie ungeduldig vor dem Gitter, Schaut der Forscher zur Seite, bleibt die Ziege nach einer Weile still stehen und starrt ihn an© Leibniz-Institut für Nutztierbiologie, Leibniz-Institut für Nutztierbiologie

Ziegen starren bei fehlender Aufmerksamkeit

Allerdings sind sie nur so aktiv, wenn auch Aussicht auf schnellen Erfolg besteht. Wendet sich der Forscher dagegen vom Tier ab, starren die Ziegen eher stillstehend auf den Futterbehälter und den Menschen dahinter. Die Tiere erkennen also offenbar die Blickrichtung des Menschen und verbinden sie mit Aufmerksamkeit auf sich selbst. „Das deutet darauf hin, dass Zwergziegen die Rolle eines Menschen, und hier speziell dessen Aufmerksamkeitszustand ihnen gegenüber, im Kontext der Futtergabe interpretieren können“, sagt Nawroth.

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Doch erkennen die Tiere auch, wohin ein Mensch schaut, oder merken sie nur, ob sie selbst beobachtet werden? Um dies zu testen, führte der Biologe weitere Tests durch, in denen er mit Zeige- und Kopfgesten die Position einer versteckten Futterbelohnung anzeigte. Dabei zeigte sich, dass die Blickrichtung allein den Tieren nicht ausreicht, um das Futter zu entdecken. Offenbar benötigen sie dazu weitere Hinweise.

Nützliche Ergebnisse für Ziegen

Was nach relativ simplen Erkenntnissen klingt, könnte dennoch äußerst nützlich sein – vor allem für die Ziegen: „Aufbauend auf dem Wissen über die kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren kann deren Haltung verbessert und ihr Wohlbefinden gesteigert werden“, erklärt Nawroth. „Fehlende Kenntnisse über ihr kognitives Potenzial können sowohl zu einem falschen Umgang mit den Tieren als auch zu fehlerhaften Planungen im Stall führen.“

Weitere Forschungsarbeit soll nun zeigen, ob die Zwergziegen tatsächlich ein Verständnis für die Aufmerksamkeitszustände anderer Individuen haben, oder ob ihr Verhalten aussschließlich auf komplexen Lernvorgängen beruht. Ersteres zeigten bisher nur Primaten und einige Vogelarten. Nawroth ist jedoch zuversichtlich: „Die Ergebnisse des Projekts legen nahe, dass domestizierte Nutztiere offensichtlich zu höheren Erkenntnisleistungen befähigt sind, als dies bisher vermutet wurde.“ (Animal Cognition, 2014; doi: 10.1007/s10071-014-0777-5)

(Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg / Leibniz-Institut für Nutzierbiologie (FBN), 14.07.2014 – AKR)

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