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Spottdrossel singt wie Beethoven oder Lamar

Singvogel folgt ähnlichen Kompositions-Regeln wie menschliche Musiker

Spottdrossel
Die nordamerikanische Spottdrossel nutzt ähnliche musikalische Techniken wie wir Menschen. © MPI für empirische Ästhetik

Wie Beethoven, Bach oder Kendrick Lamar: Die nordamerikanische Spottdrossel nutzt bei ihrem Gesang einige verblüffend „menschliche “ Kompositions-Strategien. Sie reiht ihre Gesangsphrasen nicht willkürlich aneinander, sondern variiert das musikalische Thema zunächst eine Weile. Dabei folgt sie vier Regeln, die sich auch in unserer Musik finden – von der Klassik bis zu aktuellen Hits. Diese Strategie macht den Gesang der Spottdrossel zu einem der komplexesten und „musikalischsten“ im Vogelreich.

Der Gesang der Vögel ist in vieler Hinsicht unserer Musik ähnlich: Er beinhaltet wohlklingende Melodien und oft auch feste, häufig wiederholte „Strophen“. Einige Vögel produzieren dabei erstaunlich reine und „musikalische“ Intervalle. Jungvögel müssen ihre Sangeskunst oft erst durch Nachahmung lernen und perfektionieren – ähnlich wie menschliche Kinder beim Erlernen der Sprache. Bei der Partnerwahl kann zudem oft das Männchen punkten, das die neuesten „Hits“ trällert.

Keine wahllose Abfolge von Phrasen

Ein Singvogel aber sticht besonders heraus: die Spottdrossel (Mimus polyglottos). Ihr Repertoire ist eines der komplexesten und umfangreichsten im Vogelreich, häufig ahmt die Spottdrossel dabei auch Tonfolgen und Laute aus ihrer Umwelt nach – daher ihr Name. Ihre Gesang ist typischerweise in Silben, Phrasen und Strophen gegliedert. „Wenn man der Spottdrossel eine Weile lauscht, erkennt man, dass sie ihre imitierten Melodien nicht wahllos aneinanderreiht“, erklärt Erstautorin Tina Roeske vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik.

Welche kompositorischen Regeln hinter dem Spottdrosselgesang stecken, haben Roeske und ihr interdisziplinäres Team nun näher untersucht. „Wenn wir Menschen dem Gesang der Spottdrossel lauschen, dann fällt uns auf, dass aufeinanderfolgende Phrasen einander akustisch oft ähneln – wie in der Musik bei der Variation eines Themas“, so die Forschenden. Um herauszufinden, auf welche Weise der Vogel dieses „Morphing“ erzielt und welche Parallelen zur Musik bestehen, führten sie quantitative und akustische Analysen der Gesänge männlicher Spottdrosseln durch.

Vier kompositorische Regeln

Die Analysen enthüllten: Die Spottdrossel nutzt vier kompositorische Strategien, um ihre Melodien abzuwandeln und aneinanderzureihen – und alle vier sind auch für die menschliche Musik typisch. Im ersten Variationsmodus wiederholt der Vogel die gleiche Melodie, ändert aber das Timbre. Eine solche Strategie der Klangfarbenänderung nutzen beispielsweise Sänger einer Gruppe aus Tuva bei ihren Kehlgesängen.

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Der zweite Kompositions-Kniff der Spottdrosseln ist die Wiederholung mit veränderter Tonhöhe. „Dies ist wahrscheinlich die aus der menschlichen Musik bekannteste Variation. Der Beginn der fünften Symphonie von Beethoven ist ein typisches Beispiel dafür“, erläutern die Forschenden. Die dritte und vierte Variationstechnik besteht darin, die melodischen Phrasen entweder zu dehnen oder zu stauchen. Dadurch ertönen die Folgephrasen langsamer oder aber schneller als das Original. Auch dies kommt in der Musik häufig vor.

Parallen des Spottdrossel-Gesangs zu menschlicher Musik.© David Rothenberg

Eine fast menschliche Musikalität

Nach Ansicht von Roeske und ihren Kollegen belegt dies, dass die Spottdrossel bei ihren Übergängen und Variationen eine Form der Musikalität besitzt, die an die des Menschen erinnert. Auch wenn man nicht weiß, wie Vögel die Gesänge ihrer Artgenossen subjektiv wahrnehmen: Die von den Spottdrosseln eingesetzten klanglichen Übergänge schmeicheln offenbar nicht nur unseren Ohren, sondern auch denen ihrer potenziellen Paarungspartnerinnen – sonst hätte sich diese Gesangsform nicht evolutionär durchgesetzt.

„Wir behaupten nicht, dass hinter dem Gesang der Spottdrossel die gleichen evolutionären, kognitiven und emotionalen Triebkräfte stehen, die die menschliche Musik geprägt haben“, betonen sie. „Aber die subjektiven Qualitäten des Vogelgesangs sind immerhin essenziell für die sexuelle Selektion, die diesen Gesang letztlich hervorgebracht hat.“ (Frontiers in Psychology, 2021; doi: 10.3389/fpsyg.2021.630115)

Quelle: Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

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