Invertierter Text könnte das lesebedingte Augapfel-Wachstum hemmen Simples Rezept gegen Kurzsichtigkeit? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Invertierter Text könnte das lesebedingte Augapfel-Wachstum hemmen

Simples Rezept gegen Kurzsichtigkeit?

Ständiges Lesen in jungen Jahren fördert die Kurzsichtigkeit - doch es gibt vielleicht eine Gegenstrategie. © rzoze/ iStock

Gegen die Kurzsichtigkeit könnte eine verblüffend einfache Maßnahme helfen: die Umkehrung der Kontraste bei Lesetexten. Denn das Lesen von schwarzem Text auf weißem Grund fördert offenbar das übermäßige Wachstum des Augapfels, wie eine Pilotstudie nun nahelegt. Weiße Buchstaben auf schwarzem Grund dagegen hemmen dies. Die Ursache dafür vermuten die Forscher in der speziellen Verschaltung der Sinneszellen in der Netzhaut. Sollte sich dies bestätigen, könnte dies den Kampf gegen die zunehmende Myopie voranbringen.

Weltweit nimmt die Kurzsichtigkeit deutlich zu. In Deutschland sind heute schon rund 40 Prozent der Bevölkerung kurzsichtig, in Asien sogar bis zu 90 Prozent. Bei den Betroffenen ist der Augapfel zu stark gewachsen, dadurch entsteht das von der Augenlinse erzeugte Bild vor der Netzhaut statt direkt darauf. Meist entwickelt sich die Kurzsichtigkeit schon während der Kindheit und wird dann bis ins Erwachsenenalter hinein stärker. Warum jedoch immer mehr Menschen kurzsichtig werden, ist bisher nur in Teilen geklärt.

Sicher scheint, dass neben der genetischen Veranlagung vor allem ein mangelnder Aufenthalt im Freien und das Lesen eine Rolle spielen Deshalb steigt mit dem Bildungsgrad auch der Anteil der Kurzsichtigen. „Aber bisherige Versuche, den Zusammenhang von Lesen und Myopie zu erklären, sind größtenteils fehlgeschlagen“, sagen Andrea Aleman und ihre Kollegen vom Universitätsklinikum Tübingen.

ON und OFF der Netzhautzellen

Sie sind daher einer anderen Spur gefolgt: der Verschaltung der Sehzellen in der Netzhaut. Denn anders als eine Digitalkamera misst die Netzhaut nicht den Helligkeitswert jedes einzelnen „Pixels“ in unserer Umwelt. Stattdessen reagieren die Fotorezeptoren vor allem auf Kontraste. Einige Retinazellen feuern immer dann, wenn ihr zentraler Sensorbereich heller ist als ihre Peripherie – die sogenannten ON-Zellen. Die OFF-Zellen dagegen reagieren, wenn die Mitte dunkler als der Randbereich ist.

Ein normaler Text aktiviert hauptsächlich OFF-Zellen, beim invertierten Text sind es dagegen die ON-Zellen. © Schaeffel/ Forschungsinstitut für Augenheilkunde

Während unserer normalen Seherfahrung werden beide Zelltypen ähnlich stark gereizt. Aber wie ist das beim Lesen von Text? Das haben die Forscher mithilfe eines Computermodells ermittelt. Dabei zeigte sich: Der normale dunkle Text auf hellem Hintergrund reizt hauptsächlich die OFF-Zellen. Ein invertierter Text mit heller Schrift auf dunklem Hintergrund spricht dagegen primär die ON-Zellen an.

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Schwarz auf Weiß versus Weiß auf Schwarz

Das Spannende daran: Aus Versuchen mit Hühnern und Mäusen weiß man, dass die Stimulation der ON-Zellen das Augenwachstum eher hemmen, Stimulation der OFF-Zellen es aber verstärken kann. Könnte dies auch beim Menschen so sein? Um das herauszufinden, baten die Wissenschaftler sieben Probanden zum Lesetest – einmal mit normalem Kontrast und einmal mit invertierter Helligkeit.

Nach einer Stunde maßen Aleman und ihre Kollegen die Dicke der Aderhaut in den Augen aller Teilnehmer. Die Entwicklung dieser Schicht hinter der Netzhaut gilt als Vorzeichen für das Augapfel-Wachstum. Wird sie dünner, weist das auf eine beginnende Myopie hin, wird sie dicker, bleibt das Augenwachstum gehemmt.

Signifikanter Unterschied: Veränderung der Aderhaut nach einer Stunde lesen von normalem oder invertiertem Text. © Schaeffel/ Forschungsinstitut für Augenheilkunde

Signifikante Veränderungen

Das Ergebnis: „Erstaunlicherweise wurde die Aderhaut in allen sieben Probanden signifikant dünner, wenn sie schwarzen Text auf weißem Grund gelesen hatten“, berichten die Forscher. Nach nur einer Stunde hatte sich die Dicke dieser Gewebeschicht um 16 Mikrometer verringert. Hatten die Probanden dagegen weißen Text auf schwarzem Grund gelesen, verdickte dies ihre Aderhaut um rund neun Mikrometer.

„Da solche Dickenveränderungen Vorboten künftigen Augapfel-Wachstums sind, erwarten wir, dass dieser Effekt sich auch auf die Myopie auswirkt“, sagen die Forscher. Sie vermuten, dass der invertierte Text vor allem die ON-Zellen aktiviert und so dem Augapfel-Wachstum entgegenwirkt. Eine Studie mit Schulkindern soll diesen Zusammenhang in Kürze testen und verifizieren.

Einfache Gegenmaßnahme

Sollte sich dies bestätigen, könnte es eine einfache Vorbeugungsstrategie gegen die Kurzsichtigkeit geben: Beim Lesen – beispielsweise am Bildschirm – den Text invertieren. „Unsere Daten sprechen dafür, dass das Lesen mit invertiertem Textkontrast ein einfacher, aber wirkungsvoller Weg sein könnte, die Myopie zu hemmen – und das möglicherweise ohne dass man die Lesezeit reduzieren muss“, konstatieren Aleman und ihre Kollegen. (Scientific Reports, 2018; doi: 10.1038/s41598-018-28904-x)

(Universitätsklinikum Tübingen, 19.07.2018 – NPO)

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