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Homo sapiens: Einzigartig kreativ

267 Gene unterscheiden unsere Spezies von Neandertalern und Schimpansen

Neandertaler und Homo sapiens
Dem Neandertaler fehlten offenbar noch einige Gene, die bei uns kreatives Denken und innovatives Problemlösen fördern. © Harvard Museum of Natural History/ DrMikeBaxter, CC-by-sa 2.0

Kreativität als Überlebensvorteil: Forscher haben 267 Gene identifiziert, die für unsere Kreativität und Problemlösungsfähigkeiten entscheidend sind – und die unsere Spezies von Neandertalern und Schimpansen unterscheidet. Sie bilden die genetische Basis für Fähigkeiten wie kreatives Denken, Selbstkontrolle und Selbstbewusstsein. Doch nur beim Homo sapiens sind diese Gen-Netzwerke voll ausgebildet, während der Neandertaler nur Teile davon besaß, wie die DNA-Vergleiche belegen.

Was unterscheidet den Homo sapiens vom Neandertaler – und warum setzten sich unsere Vorfahren vor rund 40.000 Jahren gegen ihre eiszeitlichen Vettern durch? Bis heute gibt es auf diese Frage keine klare Antwort. Denn archäologische Funde und DNA-Analysen demonstrieren gerade in jüngster Zeit immer wieder, dass die Neandertaler uns in ihrem Verhalten und ihren kognitiven Fähigkeiten ähnlicher waren als lange gedacht.

Vorteil durch Kreativität und Innovation?

Wo aber liegen die Unterschiede dann? Igor Zwir von der Universität von Granada und sein Team liefern nun Anhaltspunkte dafür, dass unsere Vorfahren den Neandertalern vor allem durch ihre Fähigkeit zum kreativen Denken voraus waren. „Im Vergleich zu anderen Hominiden zeigt der Homo sapiens eine bemerkenswerte Kreativität: Er demonstriert Innovation, Flexibilität, vorschauende Planung und besitzt auch die kognitiven Voraussetzungen für Symbolismus und Selbstbewusstsein“, erklären die Forschenden.

Ob sich dieser kreative Vorsprung auch in der Hirnfunktion und in den Genen nachweisen lässt, haben Zwir und sein Team nun untersucht. Dafür ermittelten sie zunächst, welche neuronalen Schaltkreise im Gehirn des modernen Menschen für verschiedene Persönlichkeitsmerkmale einschließlich der Kreativität verantwortlich sind und von welchen Genen sie kontrolliert werden. Dafür führten sie standardisierte Persönlichkeitstests verknüpft mit Hirnscans und Analysen der Genaktivität bei Probanden aus verschiedenen Kulturen durch.

Drei Netzwerke für kreative Problemlösungen

Es zeigte sich: Wir Menschen besitzen drei neuronale Netzwerke, die wesentliche Aspekte unserer Kreativität und Innovationsfähigkeit beeinflussen. Das erste ist das Netzwerk der emotionalen Kreativität, das vor allem das Lernen und das Bewältigen von Herausforderungen im sozialen Bereich umfasst. Das zweite Netzwerk dient der Selbstkontrolle und steuert vor allem das bewusste und zielstrebige Planen und Problemlösen. Das dritte Netzwerk umfasst Aspekte der Selbsterkenntnis und des Selbstbewusstseins.

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Jeder dieser funktionalen Schaltkreise im Gehirn wird wiederum von einer Gruppe klar abgegrenzter Gene kontrolliert und beeinflusst. Insgesamt identifizierten die Forschenden 972 Gene, die diese drei Netzwerke steuern. Im nächsten Schritt untersuchten sie, ob sich diese Gene auch in Neandertalern und Schimpansen als unseren nächsten Verwandten finden. Dafür werteten sie jeweils mehrere bereits vorliegende DNA-Sequenzen dieser Hominiden aus.

267 Gene sind einzigartig für uns Menschen

Das Ergebnis: „Die drei Spezies unterscheiden sich in Bezug auf diese Gen-Netzwerke signifikant voneinander“, berichten Zwir und sein Team. Zwar kommen 509 der 972 Gene bei allen drei Hominidenarten vor und 148 weitere immerhin auch bei den Neandertalern. 267 Gene aber finden sich nur beim Homo sapiens – unserer Spezies. Sie sind eng mit unserer Fähigkeit zum kreativen und problemlösenden Denken verknüpft.

Ein Großteil dieser „typisch menschlichen“ DNA-Abschnitte sind jedoch keine klassischen proteinkodierenden Gene, wie die Forschenden betonen. Denn bei diesen stimmen Neandertaler, Schimpansen und Menschen eng überein. Stattdessen handelt es sich vorwiegend um Erbgutteile aus der sogenannten „Junk-DNA„, die die Aktivität der proteinkodierenden Gene regulieren.

„Ihre spezifischen Funktionen sind größtenteils unklar. Man vermutet aber, dass sie komplexe Prozesse der Anpassung, Plastizität und Gesundheit koordinieren, indem sie die Ko-Expression anderer Gengruppen regulieren“,

Kreativitäts-Netzwerke entstanden nacheinander

Nähere Analysen ergaben, dass diese genetischen Unterschiede zwischen Schimpanse, Neandertaler und Mensch in unterschiedlichem Maße auf die drei „Kreativitäts“-Netzwerke verteilt sind. Demnach unterscheidet sich die emotionale Kreativität bei den drei Arten kaum. Die Forschenden führen dies darauf zurück, dass dieser Schaltkreis schon bei den gemeinsamen Vorfahren aller drei Spezies entstand: „Dieses primitivste Netzwerk entwickelte sich schon vor rund 40 Millionen Jahren bei Menschenaffen und Affen“, so die Wissenschaftler.

Anders ist dies bei den beiden anderen Netzwerken – Selbstkontrolle und Selbstbewusstsein. Ihre genetische Basis ist bei Schimpansen kaum vorhanden, bei Neandertalern nur in Teilen. Die Forschenden leiten daraus ab, dass diese Persönlichkeitsmerkmale und ihre biologische Grundlage sich erst im Laufe der Menschheitsgeschichte entwickelten.

„Unsere Studie deckt damit erstmals genotypische Unterschiede zwischen Schimpansen, Neandertalern und modernen Menschen auf, die die Entstehung der menschlichen Kreativität und anderer Aspekte des modernen Verhaltens gefördert haben könnten“, konstatieren Zwir und seine Kollegen. (Molecular Psychiatry, 2021; doi: 10.1038/s41380-021-01097-y)

Quelle: University of Granada

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