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Amerika: Besiedelt schon vor 36.000 Jahren?

Mammut-Schlachtplatz in New Mexico liefert weitere Belege für frühe Präsenz des Menschen

Mammutrippe
Dieser Rippenknochen eines Mammuts ist gut 36.000 Jahre alt und zeigt deutliche Schnittspuren – höchstwahrscheinlich durch menschliche Bearbeitung. © Timothy Rowe et al. / The University of Texas at Austin

Früher als gedacht: Schon vor mehr als 36.000 Jahren könnte es Menschen in Nordamerika gegeben haben – rund 20.000 Jahre früher als lange gedacht. Indizien dafür liefert ein Mammut-Schlachtplatz auf dem Colorado-Plateau in New Mexico. Dort haben Forscher Reste von Lagerfeuern sowie Knochen mit Schlagspuren, Abschabungen und Löchern entdeckt, die auf menschliche Bearbeitung hindeuten. Dies stützt die Annahme, dass Amerika schon vor Ende der letzten Eiszeit vom Menschen besiedelt wurde.

Die Widersprüche mehren sich: Gängiger Theorie nach überquerten die ersten Menschen erst gegen Ende der letzten Eiszeit, vor rund 15.000 Jahren, die Beringstraße zwischen Asien und Nordamerika. Entlang der Küste und durch einen vor knapp 13.000 Jahren freiwerdenden Korridor im Inlandeis konnten sie dann nach Süden vordringen – so die lange vorherrschende Sichtweise.

Doch inzwischen haben Archäologen überall auf dem amerikanischen Doppelkontinent Hinweise auf eine deutlich frühere Präsenz des Menschen gefunden. Dazu gehören 23.000 Jahre alte Fußspuren im Süden der USA, 30.000 Jahre alte Steinwerkzeuge in Mexiko und Ritzspuren an Tierknochen aus Alaska und Uruguay.

Knochenfragmente
Dieser ungeordnete Haufen aus Rippen, Schädelfragmenten und anderen Knochenresten stammt von zwei Mammuts. © Timothy Rowe / The University of Texas at Austin

Ein 36.000 Jahre alter Mammut-Schlachtplatz

Einen weiteren Beleg für eine frühe Besiedlung Amerikas haben nun Timothy Rowe von der University of Texas in Austin und seine Kollegen im US-Bundesstaat New Mexico entdeckt. Durch Zufall hatte Rowe auf seinem dortigen Grundstück die fossilen Überreste von zwei eiszeitlichen Mammuts entdeckt. Neben einem eingeschlagenen Schädel fanden sich Dutzende Knochenfragmente dieser Tiere. „Es ist keine charismatische Fundstelle mit säuberlich daliegendem Skelett, sondern ziemlich durcheinander“, so Rowe.

Doch gerade dies weckte seine Neugier. Denn die Vielzahl der geschädigten, zerbrochenen Knochen und ihre ungeordnete Verteilung deutet auf eine nachträgliche Störung der Kadaver hin – möglicherweise durch frühe Menschen. „Die Fundstelle präsentierte sich zunächst als möglicher Schlacht-Platz der Clovis-Kultur“, berichten Rowe und seine Kollegen. Sie haben daher das Alter der Mammut-Knochen über fünf verschiedene Varianten der Radiokarbondatierung ermittelt. Analysiert wurden dafür das Kollagen und andere organische Anteile in den fossilen Relikten.

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Das Ergebnis: Die Mammutknochen sind je nach Datierungsmethode zwischen 31.000 und 38.000 Jahre alt. Als verlässlichste Datierung stufen die Forscher aber eine Analyse ein, die 36.000 bis 38.000 Jahre ergab. Damit stammen die Knochen aus einer Zeit, die mindestens 15.000 Jahre vor Ankunft der Clovis-Menschen liegt.

Von Menschenhand gebohrte Löcher

Das allerdings warf die Frage auf, wer oder was diese Knochenfragmente derart zugerichtet hatte. Dafür analysierte das Team die Funde mithilfe verschiedener Hightech-Methoden, darunter Mikro-Computertomografie, Spektrometrie, Rasterelektronenmikroskopie und chemischen Analysen. Dabei stießen sie in vielen Knochenfragmenten auf auffällige kreisrunde Löcher, die auf den ersten Blick auf Raubtierzähne zurückgehen könnten.

Doch die Form passte nicht: „Raubtier-Bissspuren sind außen am breitesten und verengen sich nach innen bis auf einen Punkt“, erklärt das Team. „Diese Löcher waren aber an der Knochenoberfläche am schmalsten und weiteten sich nach innen.“ Solche Spuren seien typisch für ein spitzes Werkzeug, das in den Knochen gebohrt und dann hin und her bewegt werde, um beispielsweise Fett und Mark aus dem Inneren zu extrahieren.

Gezielte Knochenabschläge

Ebenfalls ungewöhnlich war eine relativ hohe Zahl von Knochenabschlägen – flachen Bruchstücken aus der harten Schale der Gliedmaßenknochen. „Diese Abschläge zeigen ein außergewöhnliches Muster, das geologische Prozesse oder Tierfraß nicht erklären können“, schreiben Rowe und seine Kollegen. Denn fast 80 Prozent dieser Knochenfragmente waren genau parallel oder senkrecht zum Strich der Knochen abgeschlagen worden. Auch sekundäre Schläge verliefen in dieser Orientierung.

Eine so klare Ausrichtung an der Knochenstruktur sei von nichtkulturellen Knochenfunden unbekannt, so das Team. „Wir haben Aasfresser, ein Zertrampeln und andere nichtmenschliche Faktoren in Betracht gezogen, aber es erwies sich als extrem unwahrscheinlich, dass diese gründliche, systematische und hochgradig strukturierte Zerstörung der Knochen durch solche Faktoren verursacht worden sind“, erklären die Wissenschaftler. Ihrer Ansicht nach wurden diese Knochenabschläge von Menschen hergestellt, um sie dann beispielsweise als Werkzeuge zu nutzen.

Ein Lagerfeuer und verbrannte Fischschuppen

Indizien für die Einwirkung des Menschen lieferten auch chemische Analysen von Mikropartikeln aus der Fundstelle. Denn sie erwiesen sich als Asche, Kohle, zermahlenes Knochenpulver und Reste von verbrannten Fischschuppen, Gräten sowie weiteren kleinen Tieren. „Die Fischrelikte sind bemerkenswert, denn der Fundort liegt rund 70 Meter vom nächsten Fluss entfernt“, berichten die Forscher. Knochen und Knochenmehl seien zudem typische Brennstoffe in vielen archäologischen Feuerstellen.

Nach Ansicht der Archäologen spricht dies dafür, dass Menschen schon vor gut 36.000 Jahren an dieser Fundstätte nicht nur Mammuts geschlachtet haben, sondern auch Lagerfeuer entzündeten. „Diese Funde setzen damit einen neuen Referenzpunkt für die Besiedlung Amerikas“, konstatieren Rowe und sein Team. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass es schon weit vor dem Ende der Eiszeit und der Ankunft der Clovis-Menschen eine frühere Population von Einwanderern gegeben haben muss. Wie und woher diese auf den Kontinent gelangten und wann, bleibt jedoch vorerst offen. (Frontiers in Ecology and Evolution, 2022; doi: 10.3389/fevo.2022.903795)

Quelle: University of Texas

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