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Zerstören oder Ablenken?

Strategien gegen die "himmlischen Geschosse"

Angenommen, die Wachposten der „Spacewatch“ oder „Spaceguard“ haben einen Himmelskörper auf Kollisionskurs entdeckt – welche Abwehrmöglichkeiten gäbe es dann?

Prinzipiell kommen zwei grundsätzliche Strategien in Frage: Zerstören oder Ablenken. Eine Zerstörung, zum Beispiel durch eine Atomrakete, wäre allerdings nur dann sicher, wenn es gelänge, das Objekt in so kleine Bruchteile zu zertrümmern, daß die Atmosphäre der Erde sie abfangen könnte. Falls dies nicht gelänge, hätte der resultierende Trümmerregen fast ebenso verheerende Folgen, wie der Einschlag des ursprünglichen Meteoriten.

Weniger riskant wäre es, den Asteroiden oder Kometen soweit aus seiner Flugbahn abzulenken, daß er die Erde gerade verfehlt. Schon ein leichtes Abbremsen oder beschleunigen könnte reichen, um den Meteorit kurz vor oder kurz nach der Erde die Erdbahn passieren zu lassen.

Das Problem bei dieser Methode ist die Zeit: Je weiter ein Himmelskörper noch von uns entfernt ist, desto geringer müßte die benötigte Kurskorrektur ausfallen. Ein Asteroid, der die Erde ohne Abwehrmaßnahmen genau in der Mitte treffen würde (von seiner Flugbahn aus gesehen), müßte um mindestens 8000 Kilometer weit aus seiner Bahn abgelenkt werden, um in einem sicheren Abstand an unserem Planeten vorüberzufliegen. Diese Ablenkung entspricht dem Erdradius von 6400 Kilometern und einem zusätzlichen „Sicherheitsabstand“. Entdeckt man den Asteroiden früh genug, das heißt, mindestens sechs Monate vorher, würde es genügen, ihn nur um etwa zwei bis vier Stundenkilometer zu beschleunigen.

Nach Schätzungen von NASA-Wissenschaftlern ist die Wahrscheinlichkeit, einen Kometen oder Asteroiden so frühzeitig zu entdecken , allerdings eher gering. Viele der größeren Erdbahnkreuzer sind zwar schon bekannt und ihre Positionen und Flugbahnen kartiert, aber kleinere Asteroiden und Kometen, die mit Geschwindigkeiten von bis zu 50 Kilometern pro Sekunde aus dem äußeren Sonnensystem angeschossen kommen, können mit den bisherigen Beobachtungsposten kaum rechtzeitig registriert werden.

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Die endgültige Entscheidung, welche Maßnahme zum Schutz der Erde ergriffen werden sollte hängt neben dem Faktor Zeit auch noch von einer Vielzahl anderer Faktoren ab: Fragen, die dann sehr schnell und möglichst umfassend geklärt werden müßten, lauten zum Beispiel:Wie groß ist das Objekt, aus welchem Material besteht es, welche Form hat es und existieren auf seiner Oberfläche bereits Risse oder Spalten.

Die meisten der zahlreichen im Laufe der Zeit vorgeschlagenen Methoden sind längst wieder als zu teuer oder/und nicht realisierbar verworfen worden. In der Dikussion sind heute hauptsächlich die folgenden Methoden:

Zerstörung durch eine Atomsprengladung

Diese Option wird von der Mehrheit der Experten abgelehnt. Die Wahrscheinlichkeit, daß wirklich alle Trümmer klein genug sind, um von der Erdatmosphäre abgefangen zu werden, ist zu gering. Und auch die Variante, bei der alle Trümmer so abgelenkt werden sollen, daß sie die Erde verfehlen, wird als zu unsicher eingestuft.

Da diese Methode allerdings im Moment zu den wenigen sowohl technisch als auch wirtschaftlich machbaren gehört, wird sie dennoch ernsthaft in Erwägung gezogen. Falls ein Objekt auf Kollisionskurs erst sehr spät entdeckt wird, könnte eine Sprengung die einzige Möglichkeit sein, die uns bleibt.

Ablenkung durch gezielte Atomsprengladung

Eine Atombombe wird direkt über der Oberfläche eines Asteroiden oder Kometen entzündet. Bei Objekten aus leichtflüchtiger Materie erzeugt die enorme Hitze der Explosion Fontänen -„Jets“ – aus verdampfenden Stoffen, die nach dem Prinzip von Steuerdüsen das Objekt aus seiner Bahn ablenken oder abbremsen könnten.

Überlegt wird auch, bestehende Spalten oder Risse in der Asteroidenoberfläche durch eine Atomexplosion zu erweitern und den Himmelskörper dadurch in zwei Teile zu sprengen. Allerdings müssen beide Teile dann so abgelenkt werden, daß sie zum Beispiel zu beiden Seiten der Erde vorbeifliegen.

Das Risiko bei dieser Methode ist hoch. Eine ungenau plazierte oder falsch berechnete Sprengladung könnte im Extremfall zu einen Volltreffer durch eines der Bruchstücke führen. Ähnlich wie die Totalsprengung hat aber auch diese Teilsprengung den Vorteil, auch kurzfristig einsetzbar zu sein.

Ablenkung durch Kollision

Dabei soll ein Treffer durch ein großes, sehr schnelles Projektil den Asteroiden oder Kometen aus seiner Bahn ablenken. Während diese Methode bei kleineren Himmelskörpern gute Chancen hätte, reicht bei größeren Objekten die kinetische Energie vermutlich nicht aus. Die Kombination mit einer Sprengladung, die ebenfalls diskutiert wird, würde zwar beim Aufprall mehr Energie freisetzen, birgt aber gleichzeitig wieder das Risiko einer Zertrümmerung in sich.

Ablenkung durch Beschleunigen

Sehr kleine „Geschosse“ könnten mit Hilfe starken Motoren „angeschoben“ und so abgelenkt werden. Eine Rakete mit einem starken, möglichst effektiven Antrieb könnte am Asteroiden andocken und ihn gezielt in eine bestimmte Richtung schieben. Als Energiequelle für diesen Motor wird im Augenblick ein kleiner Nuklearreaktor favorisiert, denkbar wäre aber auch ein thermischer Reaktor, der eventuell auf dem Himmelskörper vorhandenes Wasser als Rohstoff nutzen kann.

Der Vorteil dieser Methode ist relativ klar: es besteht keine Gefahr, den Himmelskörper aus Versehen zu zersprengen und damit ein Trümmerbombardement auszulösen. Die Nachteile sind allerdings ebenso deutlich: bei größeren Objekten hätte eine solche Methode keine Chance.

Bleibt genügend Zeit, könnten auch verschiedene Methoden miteinander kombiniert werden. Es wäre dann zum Beispiel möglich, einen größeren Asteroiden in einer ersten Mission zunächst in kleinere Teilstücke zu zersprengen und diese dann entweder mit Sprengladungen oder durch Beschleunigen von einem Kollisionskurs abzulenken.

Eine allgemeingültige Lösung für den Fall einer drohenden Kollision gibt es heute noch nicht. Forscher wie Clark Chapman vom Southwest Research Institut sehen im Moment das Hauptproblem ohnehin in der geringen Effektivität der Überwachung: „Bei der jetzigen Rate werden wir noch fast ein Jahrhundert brauchen, um 90 Prozent der bedrohlichen Asteroiden erfaßt zu haben.“ Die meisten der bisher bekannten nahen Vorbeiflüge wurden daher auch erst im Nachhinein entdeckt. Wären diese Erdbahnkreuzer auf Kollisionskurs gewesen, hätten sie ohne Vorwarnung auf unserm Planeten eingeschlagen.

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Stand: 19.01.2002

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Meteoriten
Gefahr aus dem All

Himmelskörper auf Kollisionskurs...
Von NEOs, Kometen und Planetoiden

Meteorit ist nicht gleich Meteorit
Von Chondriten, Eisen und Kohlenstoff

Suche nach den Einschlagskratern
Wie die Nadel im Hauhaufen...

Der "Dinokiller"
Der Chicxulubkrater in Yucatan

Krater - die Narben der Erde
Entstehung und Morphologie von Einschlagskratern

Spurensuche mit der Lupe
Impaktite und andere Relikte eines Meteoriteneinschlags

Die Erde als kosmische "Schießbude"?
Wahrscheinlichkeit von Meteoriteneinschlägen

Fatal Impact
Die Folgen eines Einschlags

Operation "Spaceguard"
Überwachung von NEOs und Erdbahnkreuzern

Gerade mal zwölf Prozent...
Der Stand der NEO-Überwachung

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Eine kleine Chronik der NEO-Forschung

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