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Unbekannte Unterwelt

Der Organismenwelt der Salzwasserhöhlen auf der Spur

Im Laufe ihrer Tauchgänge begegnen die Forscher immer wieder den verschiedensten Höhlenbewohnern. Die Palette beginnt dabei mit vorübergehenden „Gästen“ – Tieren, die normalerweise im Ozean oder am Meeresgrund leben und nur einen Teil ihrer Zeit in den Höhlen verbringen. Diese Organismen finden sich meist an den Höhleneingängen und in den Teilen der Passagen, die direkten Zugang zum Meer haben.

Diese Nelkenkoralle fanden die Taucher in der North Rock Cave in rund 60 Metern Tiefe © Robbie Smith /NOAA-OER

Zonierung vom Eingang in die Tiefen

Zu ihnen gehören viele Fische, einige Krebsarten, aber auch zahlreiche deutlich weniger mobile Tiere, die den ständigen Wasserein- und ausstrom am Höhleneingang zur Nahrungsaufnahme nutzen. „Bunt gefärbte Schwämme, Polypen, Tunikaten und andere Aufwuchsorganismen bedecken die Wände und Decke buchstäblich über und über“, berichtet Tom Iliffe vom Biospeleologischen Labor der Texas A&M University.

Folgt man jedoch dem Gang weiter in die Höhle hinein, ändert sich das Bild: „Mit den abnehmenden Strömungen und eingespülten Nährstoffen nimmt auch die Dichte dieser Lebewesen ab“, so Iliffe. In den klaren Wassern der tieferen Höhlenregionen dominieren zunehmend die echten Höhlenbewohner. Diese sogenannte Stygobiten sind an das Leben im Dauerdunkel der unterirdischen Gänge und Tümpel angepasst. Oft besitzen sie keine Augen mehr und ihre Körper sind unpigmentiert.

Die engsten Verwandten dieses in einer Höhle der Bermudas gefundenen Flohkrebses Pseudoniphargus leben jenseits des Atlantiks. Der Krebs ist augenlos und unpigmentiert © Bermuda Deep Water Caves 2011 Exploration, NOAA-OER

Krebse vom anderen Ende der Erde

„Obwohl solche Stygobiten seit langem aus Süßwasserhöhlen bekannt sind, hat man ähnliche Tiere aus salzwassergefüllten Höhlen erst vor kurzem entdeckt“, erklärt Iliffe. Allein in den Salzwasserhöhlen der Bermudas habe man inzwischen 75 höhlenspezifische Tierarten identifiziert. Die meisten von ihnen gehören zu den Krebstieren, aber auch Schnecken, Milben, Wimperntierchen und Würmer sind darunter.

Eine in den Unterwasserhöhlen neuentdeckte Flohkrebsart hat zwar Verwandte im Grundwasser der Mittelmeerregion und Frankreichs, wurde aber auf den Bermudas oder sonstwo jenseits des Atlantiks noch nirgendwo sonst gefunden. Das sei kein Einzelfall, berichtet Iliffe: „Obwohl sie auf unterirdische Lebensräume spezialisiert und daher meist sehr isoliert sind, findet man viele gleiche Vertreter der Höhlentiere an entgegengesetzten Seiten der Erde“, so der Forscher.

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Dieses nur wenige Millimeter große Höhlenkrebschen kommt nur auf den Bermudas vor. Für die Mictacea wurde eigens eine neue Ordnung unter den Krebstieren erschaffen. © Bermuda Deep Water Caves 2011 Exploration, NOAA-OER

Überbleibsel vom Urkontinent?

Wie die eng verwandten Arten sich so weit voneinander entfernt ansiedeln konnten – mit tausenden von Kilometern für sie ungeeigneter und damit nahezu unüberwindbarer Lebensräume dazwischen – ist bisher noch unklar. „Eine Theorie erklärt dies damit, dass viele Höhlentiere schon vor 200 Millionen Jahren entstanden, zu einer Zeit, als alle Kontinente zu einem einzigen Superkontinent vereint waren“, sagt Iliffe. Mit dem Auseinanderdriften der Erdplatten wurden auch die in den Höhlen lebenden Tiere in alle Welt verstreut. Eine der in den Bermuda-Höhlen entdeckten Tierarten gelten als lebende Fossilien – sie sprechen für diese Theorie.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass die Stygobiten der Meereshöhlen ursprünglich Bewohner der Tiefsee waren. Von dort an Dunkelheit und Nahrungsarmut gewöhnt, wanderten sie in Höhlen ein und ließen sich dort nieder. „Andere vermuten, dass diese Höhlentierarten in ihren unterirdischen Lebensräumen strandeten, als sich das Urmeer Tethys zurückzog und sie keine Möglichkeit mehr hatten, das offene Meer zu erreichen“, erklärt Iliffe.

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Nadja Podbregar
Stand: 18.11.2011

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel

Inseln aus Feuer und Eis
Die Entstehung der Bermudas und ihrer Höhlen

Green Bay Cave - die Generalprobe
Der erste Höhlentauchgang des Bermuda-Projekts

Die Unterwasserbrücke
Ein Höhlenrelikt wird erkundet

Unbekannte Unterwelt
Der Organismenwelt der Salzwasserhöhlen auf der Spur

Salz, Gezeiten und Wasserspeicher
Wasser als prägender Faktor

Rohstoffquelle und Müllhalde
Einzigartige Höhlenwelt ist akut gefährdet

Die Challenger-Tiefe
Der tiefste Tauchgang der Bermudas

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