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Material verrät Nutzung

Rätselhafte Rückstände und Beschichtungen

Ein Ziel der Archäometrie ist es, durch Materialanalysen archäologischer Artefakte Rückschlüsse auf deren Funktion und Nutzung zu gewinnen. Dies kann wertvolle Informationen dazu liefern, ob beispielsweise ein Gefäß einst Lebensmittel, Kosmetika oder sogar Medizin enthielt.

Röntgenanalyse
Kaum erkennbar vor lauter Technik ist das winzige Keramikfläschchen bei der Untersuchung im Röntgen-Mikrodiffraktometer. © C. Berthold

Das Rätsel der Keramikfläschchen

Einige Kulturen der späten Jungsteinzeit und der Eisenzeit haben kleine Keramikfläschchen mit Größen bis etwa zehn Zentimeter Größe hinterlassen. Solche Miniaturgefäße aus dem 5. Jahrtausend vor Christus sind aus den südöstlichen Voralpen, dem südwestlichen Transdanubien und dem Balkan bekannt.

Doch wozu dienten diese prähistorischen Fläschchen? Der ursprüngliche Inhalt und damit die Funktion sind auch bei vollständig erhaltenen Keramikfläschchen nach wie vor unklar. So könnten Anhaftungen tatsächlich Spuren des ursprünglichen Inhalts, aber auch sekundäre Bildungen durch die lange Bodenlagerung darstellen. Größe und Dekor dieser Funde wurden bisher dahingehend interpretiert, dass etwas Wertvolles darin aufbewahrt wurde, in Form von kosmetischen oder medizinischen Präparaten, möglicherweise für kultische Zwecke.

An diesem Punkt kommt die Archäometrie ins Spiel: Um sich der völlig unbekannten Natur der Rückstände in dem Fläschchen anzunähern, sind neben chemischen auch struktur- und materialwissenschaftliche Analyseverfahren – im Idealfall zerstörungsfrei oder zumindest minimalinvasiv – gefragt. Dafür nutzen Forschende Methoden wie die Elektronenmikroskopie, Röntgenfluoreszenzanalyse, Röntgenbeugung und Raman- oder IR-Spektroskopie, aber auch Analysemethoden aus der organischen Chemie wie die Gaschromatographie (GC) und Massenspektrometrie (MS).

Von Schmelztiegel bis Kosmetikbehälter

Aktuelle Arbeiten an derartigen Keramikfläschchen weisen auf völlig unterschiedliche Verwendungszwecke hin. So wurden 2019 bleihaltige Schlackenablagerungen diagnostiziert, die auf die Nutzung als Miniatur-Schmelztiegel für Bleierz hindeuten. Auch in weiteren Studien an einer Gruppe vergleichbarer Objekte aus der gleichen Region und Epoche wurden an Inhaltsresten unterschiedliche bleihaltige Materialien detektiert.

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Mit ortsaufgelöster Röntgenanalysen und Gaschromatographie-Massenspektrometrie konnten Wissenschaftler 2021 bei einem weiteren Fläschchen im noch erhaltenen Inhalt als anorganische Komponente Cerussit (PbCO<sub>3</sub>) nachweisen, der mit Bienenwachs und möglicherweise weiteren organischen Komponenten wie Pflanzenölen oder tierischen Fetten vermengt war. Ob der Inhalt damit kosmetischen Zwecken diente und/oder ob man die antibakterielle Wirkung von bleihaltigen Substanzen für medizinische Anwendungen zu schätzen wusste, ist allerdings noch offen.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Archäometrie
Was Materialien über die Vergangenheit verraten

Was ist Archäometrie?
Historischen Materialien und Techniken auf der Spur

Vom Mikroskop bis Massenspektrometrie
Wie arbeitet die Archäometrie?

Material verrät Nutzung
Rätselhafte Rückstände und Beschichtungen

Eifel-Basalt und Karolinger-Kelch
Material und Verarbeitung verraten Herkunft und Alter

Von Klaproth bis Bachelor
Archäometrie früher und heute

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