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Feuer und Strahlung

Kampf um Block 4

Premierminister Naoto Kan tritt vor die Presse © Cabinet Public Relations Office

Dienstag, 15. März, 11:00 Uhr Ortszeit, Tokio. Premierminister Naoto Kan tritt mit ernster Miene vor die versammelte Presse. „Bitte nehmen Sie die folgende Nachricht in einer nicht-emotionalen Weise auf“, beginnt er sein Statement. „Es hat ein Feuer in Reaktor 4 gegeben und die Radioaktivität im umgebenden Gebiet ist signifikant angestiegen. Ich habe die Evakuierung aller Menschen angeordnet, die im 20-Kilometer Umkreis um das Kraftwerk leben.“ Bewohner innerhalb der 30 Kilometer Zone fordert er auf, unbedingt in ihren Häusern zu bleiben. „Ich weiß, dass alle sehr besorgt sind, aber ich bitte Sie, ruhig zu bleiben“, so Kan weiter.

Kontrollraum verstrahlt

Staatssekretär Yukio Edano liefert anschließend die Fakten: „Es ist anzunehmen, dass radioaktive Nuklide aus dem geborstenen Gebäude direkt in die Umwelt gelangt sind. Wir versuchen, das Feuer zu löschen.“ Die dramatisch hohe Radioaktivität vor Ort – inzwischen ist auch der Kontrollraum im Block 4 nicht mehr betretbar – zwingt die Betreiberfirma Tepco, den Großteil ihrer 800 Arbeiter aus dem Kraftwerk Fukushima abzuziehen. Zurück bleibt nur eine Rumpfmannschaft von 50 Leuten, die in ständiger Wechselschicht die weitere Kühlung der Reaktoren und der Abklingbecken aufrechterhalten müssen.

Kontrollraum eines Kernkraftwerks im amerikanischen Monticello. Hioer werden Simulationen für die Ausbildung von Kerntechnikern durchgeführt. © Ben Franske

In der Hauptstadt Tokio wächst unterdessen die Besorgnis. Der während des Tages aus Nordost wehende Wind trägt einen Teil der in Fukushima freigesetzten Radioaktivität in Richtung der Metropole. In unmittelbarer Nähe des 35 Millionen Einwohner umfassenden Ballungsraums messen die Umweltbehörden zehnfach erhöhte Strahlenwerte. Auch erste radioaktive Iod- und Cäsiumpartikel werden registriert.

Erneuter Rauch über Block 4

Im Laufe des Tages verschärft sich die Situation in Fukushima weiter: Immer wieder bricht im Abklingbecken von Reaktor 4 Feuer aus. Sich widersprechende Meldungen sorgen für Verwirrung in Presse und Öffentlichkeit: Kurz nachdem die japanische Atomaufsicht Entwarnung gibt und erklärt, der Brand sei gelöscht, veröffentlicht Betreiber Tepco eine Meldung, nach der die Brennstäbe im Block 4 noch immer brennen. Während der japanische Fernsehsender NHK Aufnahmen zeigt, auf denen dichte Rauchwolken den Reaktor 4 nahezu verhüllen, zitiert die Agentur Reuters den japanischen Wirtschaftsminister Banri Kaieda, nachdem es momentan kein Feuer im Gebäude 4 gebe.

Und der Sorgen nicht genug, beginnen sich nun auch die Abklingbecken der anderen Reaktoren aufzuheizen. In den ebenfalls vor dem Beben abgeschalteten Blöcken 5 und 6 registrieren die Sensoren erhöhte Temperaturen. Da sich dort jedoch weniger und ältere Brennstäbe befinden als im Reaktor 4, gilt die Situation vorerst noch nicht als kritisch.

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Droht eine Kettenreaktion im Abklingbecken?

Am Nachmittag räumt Tepco dann erstmals ein, dass unter ungünstigen Bedingungen sogar die atomare Kettenreaktion der Brennstäbe im Block 4 wieder starten könnte. Die Möglichkeit sei „nicht null“, so der Kraftwerksbetreiber. Normalerweise gilt dies als unwahrscheinlich, da Borkarbidstäbe zwischen den Brennstäben die beim Zerfall entstehenden Neutronen aufnehmen und so ein Ausbreiten der Reaktionen verhindern. Schmelzen jedoch wegen der großen Hitze die Brennstäbe im weitestgehend wasserfreien Abklingbecken auf, werden die Kontrollstäbe wirkungslos.

Abklingbecken des AKW Caorso in Italien. Die Brennstäbe liegen weit unter dem Wasserspieggel des Beckens. © Simone Ramella / CC-by-sa 2.0

In fieberhafter Eile versuchen die Tepco-Mitarbeiter nun eine Möglichkeit zu finden, irgendwie Wasser in die Abklingbecken zu bekommen. Doch wegen der hohen Radioaktivität in der Nähe des Beckens ist ein direktes Hineinpumpen unmöglich. In einer Presserklärung am Nachmittag erklärt die Betreiberfirma, es werde erwogen, mit Borsäure versetztes Wasser per Helikopter über dem Abklingbecken abzuwerfen, um zu verhindern, dass die Brennstäbe darin erneut kritisch werden.

Während des verbleibenden Tages konzentrieren sich die Bemühungen vor allem auf die Reaktorblöcke 2 und 4. Im offiziellen Statusbericht des japanischen Atomforums JAIF gilt für Block 2 der „Verdacht auf Beschädigung“ des Containments, der Druck ist nicht stabil. Bei allen drei zum Zeitpunkt des Bebens aktiven Reaktoren wird noch immer Meerwasser in den Kern gepumpt, dennoch liegen die Brennstäbe nach wie vor zu mehr als der Hälfte frei.

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Stand: 18.03.2011

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

GAU in Fukushima
Das Atomunglück von Japan

Fukushima ist kein Einzelfall...
Kurzchronik nuklearer Störfälle

Der Anfang vom Ende
11. März 2011: das Erdbeben

Kein Strom, keine Kühlung
Nach dem Tsunami

Samstag: Die erste Explosion
Kritische Situation am Reaktorblock 1

Vergleichsfall Three Mile Island
Ein GAU als Augenöffner

„Sterbehilfe“ mit Meerwasser
Kann die Kernschmelze in den Blöcken 1 bis 3 gestoppt werden?

Explosion und Informationschaos
Weitere Eskalation am dritten Tag

Abklingbecken außer Kontrolle
Höchste Gefahr aus unerwarteter Richtung

Feuer und Strahlung
Kampf um Block 4

„Ich bete, dass wir diese Tragödie überwinden“
Der sechste Tag: Kein Ende in Sicht

Kein Erfolg, keine Entwarnung
Der siebte Tag in Fukushima

Eine Woche Hölle
Noch immer ist der Super-GAU nicht endgültig abgewendet

Vom "Was wäre wenn" zum "Danach"
Ägnste, Evakuierungen und die nachhaltigen Folgen

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