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„Sterbehilfe“ mit Meerwasser

Kann die Kernschmelze in den Blöcken 1 bis 3 gestoppt werden?

Samstag, 12. März, 20:20 Uhr Ortszeit in Fukushima. Konfrontiert mit einer möglichen Kernschmelze in gleich zwei Reaktorblöcken entschließen sich die Kraftwerksbetreiber zu einer letzten verzweifelten Maßnahme: Sie beginnen mit Borsäure versetztes Meerwasser direkt in den überhitzten Reaktorkern des Blocks 1 einzuleiten. Das Wasser soll die Brennstäbe abkühlen, das Bor aus der Borsäure wirkt als Neutronenabsorber und hemmt die Zerfallsreaktionen des Kernbrennstoffs. Im Idealfall bremst dies sowohl das weitere Aufheizen und Trockenfallen der Brennstäbe als auch die Kernschmelze.

Meerwasser wird in den Reaktorkern gepumpt. Hier der innere Aufbau des Reaktors © Sandia National Laboratories

Versuch der Meerwasserkühlung im Block 1

Für die Reaktoren ist diese Maßnahme allerdings das sichere Aus: Das Salzwasser greift sämtliche Bestandteile des normalerweise nur mit hochreinem Süßwasser betriebenen Kerns an und verunreinigt ihn unwiederbringlich. „Diesen Reaktor kann man jetzt abschreiben“, kommentiert Atomexperte Walt Patterson in der BBC die Aktion. Die Tageszeitung „taz“ zitiert den Energieexperten Mycle Schneider in Paris: „Das ist kein Management mehr, das ist nur noch Sterbehilfe.“ Doch um den Schaden im Reaktorkern zu limitieren bleibt nur noch diese Möglichkeit.

Selbst die Methode der letzten Wahl erweist sich jedoch als schwierig: Der Druck im Reaktorgefäß ist so hoch, dass das Meerwasser förmlich hineingepresst werden muss. Doch da die normalen Pumpen und Leitungen beschädigt sind, müssen sich die Arbeiter teilweise mit Feuerwehrpumpen und -rohren behelfen. Ein amerikanischer Experte vergleicht dies mit dem Versuch, Wasser in einen aufgeblasenen Ballon zu gießen. Da auch die Wasserstandsanzeiger im Inneren der Reaktorkerne nicht mehr zuverlässig funktionieren, ist über Stunden nicht klar, wie viel Meerwasser überhaupt in das Reaktorgefäß gelangt und ob es ausreicht, um die Brennstäbe wieder vollkommen zu fluten. Im Reaktorblock 1 scheint die Methode zunächst anzuschlagen, Druck und Temperatur stabilisieren sich wieder.

Gefahr durch Plutonium im Block 3

Gleichzeitig aber eskaliert die Situation im Block 3: Seit 22:00 Uhr ist dieser Reaktor komplett ohne Kühlung, es wird vermutet, dass inzwischen auch hier die Brennstäbe teilweise freiliegen. Im Gegensatz zu den Blöcken 1 und 2 wird kein reines Uran als Brennstoff verwendet, sondern „MOX“, ein Gemisch aus Uran und Plutonium. „Diese Mischung ist ein gewaltiges chemisches Gift“, erklärt Jean Marie-Brom vom französischen Netzwerk für Atomausstieg gegenüber der Tageszeitung taz. „Es reicht, ein Partikel einzuatmen, um Lungenkrebs zu bekommen.“

Kernschmelze im Reaktorkern © NRC

Eine Kernschmelze im Block 3 birgt jedoch nicht nur die Gefahr einer Freisetzung der hochradioaktiven und giftigen Mischung: Ist in den zerstörten Brennelementen noch relativ viel Plutonium enthalten, kann es sich konzentriert am Boden des Reaktorgefäßes sammeln und dann sogar die Kettenreaktion wieder starten, erklärt Wolfgang Renneberg, Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit am Bundesumweltministerium, noch am gleichen Tag ebenfalls in der taz.

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Sammelt sich bei einer Kernschmelze das möglicherweise mehr als 2.000°C heiße Brennstoffgemisch am Reaktorgrund, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Stahl des Reaktorgefäßes ebenfalls schmilzt oder birst. Kommt dann die hochradioaktive Brennstofflava beispielsweise im äußeren Reaktorraum oder im Untergrund mit Wasser in Kontakt, wäre eine gewaltige Explosion die Folge. Ein solcher Super-GAU könnte Uran, Plutonium und ihre Zerfallsprodukte kilometerhoch in die Atmosphäre schleudern und weite Landstriche Japans für Jahrzehnte unbewohnbar machen.

Venting, die zweite

Da der Druck nun auch im Block 3 das Reaktorgefäß zu sprengen droht, lassen die Betreiber in der Nacht manuell Auslassventile öffnen und ein Venting durchführen. Diesmal scheinen sie Glück zu haben, eine Explosion bleibt zunächst aus. Unmittelbar darauf beginnen Arbeiter auch hier, mit Borsäure versetztes Meerwasser in den Druckbehälter einzuleiten. Um 01:52 Uhr Ortszeit wird im Umfeld des Reaktors ein kurzzeitiger Strahlungsanstieg auf 1.557 Mikrosievert pro Stunde als Folge des Ventings gemessen, dieser fällt jedoch nach weiteren 50 Minuten auf 184 Mikrosievert ab.

Am Morgen des 13. März gibt die Betreiberfirma Tepco auf einer Pressekonferenz in Tokio erstmals zu, dass die Brennstäbe von Reaktor 3 zeitweilig drei Meter weit aus dem Kühlwasser ragten. Obwohl Staatssekretär Yukio Edano noch kurze Zeit zuvor eine Kernschmelze in Block 3 ausschloss, erklärt jetzt Hidehiko Nishiyama, leitender Vertreter des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI), dass vermutlich auch der Reaktorkern von Block 3 zumindest teilweise geschmolzen sei. „Ich denke nicht, dass die Brennstäbe dem Schaden entgangen sind“, konstatiert er.

Wenig später muss Edano eine weitere unbequeme Nachricht überbringen: Nach dem Venting hat sich zwischen Druckbehälter und äußerer Reaktorhülle Wasserstoff angesammelt. Es besteht die Gefahr einer Explosion ähnlich wie zuvor schon beim Block 1.

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Nadja Podbregar
Stand: 18.03.2011

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

GAU in Fukushima
Das Atomunglück von Japan

Fukushima ist kein Einzelfall...
Kurzchronik nuklearer Störfälle

Der Anfang vom Ende
11. März 2011: das Erdbeben

Kein Strom, keine Kühlung
Nach dem Tsunami

Samstag: Die erste Explosion
Kritische Situation am Reaktorblock 1

Vergleichsfall Three Mile Island
Ein GAU als Augenöffner

„Sterbehilfe“ mit Meerwasser
Kann die Kernschmelze in den Blöcken 1 bis 3 gestoppt werden?

Explosion und Informationschaos
Weitere Eskalation am dritten Tag

Abklingbecken außer Kontrolle
Höchste Gefahr aus unerwarteter Richtung

Feuer und Strahlung
Kampf um Block 4

„Ich bete, dass wir diese Tragödie überwinden“
Der sechste Tag: Kein Ende in Sicht

Kein Erfolg, keine Entwarnung
Der siebte Tag in Fukushima

Eine Woche Hölle
Noch immer ist der Super-GAU nicht endgültig abgewendet

Vom "Was wäre wenn" zum "Danach"
Ägnste, Evakuierungen und die nachhaltigen Folgen

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