Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Enzym macht das Herz schwach
Genetische Ausschaltung schützt im Tierversuch vor chronischer Herzschwäche
Ein Enzym macht das Mäuseherz für die chronische Herzschwäche anfällig: Wird es ausgeschaltet, so bleibt das Herz trotz erhöhter Belastung leistungsfähig. Diesen Schlüsselmechanismus haben Kardiologen im Mausmodell aufgeklärt und damit einen vielversprechenden Ansatz für die gezielte Vorbeugung der chronischen Herzschwäche entdeckt. Sie berichten darüber in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Modell eines menschlichen Herzens
Modell eines menschlichen Herzens
© Hermera
Dauerhaft erhöhter Blutdruck sowie Engstellen an Herzklappen oder Aorta bedeuten Schwerstarbeit für das Herz. Kompensiert es diese Belastung durch übermäßiges Muskelwachstum wird schließlich die Pumpleistung beeinträchtigt: Herzrhythmusstörungen oder ein Herzversagen können die Folgen sein. Trotz Fortschritte in der medikamentösen Behandlung sterben jedes Jahr rund 95.000 Menschen in Deutschland an den Folgen einer chronischen Herzschwäche.

Kardiologen der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg zusammen mit Wissenschaftlern der University of Texas in Dallas und des Universitätsklinikums Göttingen haben nun wichtige Faktoren dieser Herzschwäche gesucht – und gefunden. In Versuchen an Mäusen identifizierten sie ein Schlüsselmolekül für das Dickenwachstum des Herzmuskels bei Überlastung: das körpereigene Enzym CaMKII delta (Calcium /Calmodulin-abhängige Kinase II delta).

Enzym aktiviert Stressantwort und Dickenwachstum
Die Forscher testeten die Wirkung des Enzyms an gentechnisch veränderten Mäusen, die dieses Enzym nicht mehr bilden konnten. Indem sie die große Schlagader operativ einengten, setzten sie das Herz einer erhöhten Druckbelastung aus und simulierten damit andauernden Bluthochdruck oder Herzklappenverengungen beim Menschen. Das Ergebnis: Die zu erwartende Vergrößerung des Herzens fiel jedoch sehr gering aus, die Tiere waren geschützt.

Enzym erfolgreich ausgeschaltet
„Mit diesen Mäusen ist es uns erstmals gelungen, das Enzym CaMKII delta vollständig auszuschalten und seine Funktion im Einzelnen zu klären", erklärt Johannes Backs, Leiter einer Nachwuchsgruppe in der Abteilung für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg. CaMKII delta hat einen direkten Einfluss auf die Stressantwort der Zellen. Fehlt es, werden bestimmte Informationen im Erbgut der Zellen nicht abgerufen, die normal bei Stress aktiviert werden und zu Herzmuskelhypertrophie führen.

„Es findet zwar noch ein geringes Dickenwachstum des Herzens statt, dies reicht aber vermutlich nicht aus, um eine Herzschwäche zu verursachen", sagt Dr. Backs. Unter normalen Bedingungen zeigen die genetisch veränderten Mäuse keine Auffälligkeiten; ihre Herzen funktionieren und reagieren normal.

Die Funktion von CaMKII delta als Vermittler der Stressantwort des Herzens ist ein möglicher Ansatzpunkt für effektive Therapien: Die Heidelberger Wissenschaftler suchen daher bereits Wirkstoffe, die gezielt diese Funktion des Enzyms blockieren und so verhindern, dass die Herzmuskelzellen auf Belastungsstress reagieren. Andere Funktionen von CaMKII delta sollen dadurch nicht beeinträchtigt werden, was schädlichen Nebenwirkungen vorbeugen kann.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Herz, Enzym, Herzschwäche, Herzmuskel, Medizin, Krankheit, Genetik, Maus, GEsundheit
Weitere News zum Thema
Antidepressiva besser als ihr Ruf (06.02.2012)
Forscher bestätigen Nutzen von Psychopharmaka
Übergewicht ist ein Risikofaktor für Krebs (03.02.2012)
Auswirkungen ähnlich stark wie beim Rauchen
Schlaf-Apnoe erhöht das Risiko für Schlaganfälle (02.02.2012)
Nächtliche Atemaussetzer gefährden auch das Gehirn
Light-Limonaden erhöhen Schlaganfall-Risiko (01.02.2012)
Zusammenhang zwischen regelmäßigem Genuss von Diätgetränken und Gefäßerkrankungen
Eine Autobahn für Elektronen (25.01.2012)
An der Oberfläche von topologischen Isolatoren fließt Strom sehr geordnet
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Der Tod
Tabu und Faszination
Gentherapie
Hybris oder Heilsbringer?
Lebenselixier Blut
„Ein ganz besondrer Saft“
Schmerz
Alarmstufe Rot im Nervensystem
News des Tages
Brom als neuer Ozonkiller Nummer 1
Stammzellen: Tödliches Erwachen durch Interferon
Expedition zum „Pol der Unzugänglichkeit“
Sind Gene schuld an riskanten finanziellen Investitionen?
Enzym macht das Herz schwach
Steigende Erdkruste ließ Mittelmeer trockenfallen
Wert des Amazonas-Regenwaldes beziffert
Bücher zum Thema
Leben
Bilder aus dem Inneren des menschlichen Körpers von Lennart Nilsson
Heilwissen versunkener Kulturen
Im Bann der grünen Götter von Gisela Graichen
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes