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Sonntag, 22.01.2017
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Hüpfende Fans machen Fußball-Tempel mürbe

Forscher untersuchen Biomechanik des Hüpfens

Am vergangenen Wochenende sind in Brasilien mehrere Menschen gestorben und zahlreiche wurden verletzt, als die Tribüne eines Stadions in Salvador einstürzte. Die Fans feierten gerade den Aufstieg ihres Vereins, unter der Last der hüpfenden Menschenmassen gab die Tribünenkonstruktion nach. Eine solche Katastrophe könnte sich auch in Deutschland oder England ereignen. Die modernen und WM-erprobten Stadien sind nicht alle für derartige Belastungen ausgelegt. Darauf haben jetzt Bochumer Wissenschafter hingewiesen. Das Team berechnete in Simulationen die Auswirkungen von Zuschauerverhalten wie Hüpfen auf das Tragwerk.
Fußball-Fans

Fußball-Fans

„Unsere Simulationen zeigen, dass die dynamischen Lasten der hüpfenden Zuschauer um das Dreieinhalb- bis Viereinhalbfache höher sind als die statischen Lasten“, sagt Michael Kasperski von der Ruhr-Universität Bochum (RUB). „Die Reaktionen des Tragwerks darauf können dann je nach Masse, Steifigkeit und Dämpfung der Konstruktion um das 20- bis 80-fache größer sein als die statischen Wirkungen.“

Beispiel Wembley


Dass die Tribüne in Brasilien eingestürzt ist, muss nicht zwangsläufig daran liegen, dass das Stadion in Salvador schon über 50 Jahre alt ist. „Wir glauben, dass sich dieses Unglück in ähnlicher Art und Weise auch in unseren modernen Fußballstadien wiederholen kann“, sagt Kasperski. So wurde zum Beispiel das neue Stadion in Wembley nicht für das Szenario „hüpfende Fans“ ausgelegt. Für den Fall, dass sich im Betrieb Schwingungsprobleme ergeben, steht Geld für Zusatzeinbauten zur Verfügung, um die Schwingungen abzufedern. „Diese Strategie kann jedoch offensichtlich ein Unglück wie das in Brasilien nicht verhindern“, so Kasperski.

70 Personen im Takt


Wie hüpfende Personen konkret auf eine Konstruktion einwirken, erforschen die Bochumer Bauingenieure in ihren Lastmodellen: Dabei unterscheiden sie nach den rhythmischen Grundfähigkeiten „Takt erkennen“ und „Takt halten“. Mehr als 70 Personen hat das Forschungsteam EKIB (Entwurfsgrundlagen im Konstruktiven Ingenieurbau) auf ihre individuellen Eigenschaften zur „Biomechanik des Hüpfens“ untersucht, unterstützt vom Institut für Bewegungslehre/Biomechanik der Fakultät für Sportwissenschaft der RUB.


Mit Hilfe einer zeitlich hochauflösenden Kraftmessplatte konnten die Forscher aus den Messergebnissen Modelle erarbeiten, die es erlauben, im Rechner die Lasten eines hüpfenden Publikums zu simulieren und in einem weiteren Schritt die Tragwerksreaktionen zu berechnen. Dabei können auch die Einflüsse von passiven Zuschauern auf das dynamische Verhalten des Tragwerks mit modelliert werden. Langfristiges Ziel ist, die Forschungsergebnisse des Projekts in die nationale und internationale Normung einzubringen.

Warnhinweise missachtet


Bereits im Vorfeld der WM 2006 in Deutschland haben die Bochumer Forscher die Innenminister der Länder auf diese Sicherheitslücke der „dynamischen Schwingungen" aufmerksam gemacht - ohne Erfolg. Dazu Kasperski: „Unsere Warnhinweise wurden mit der Erklärung, dass die Stadien von Experten entworfen worden sind, missachtet. Dieses Verdrängen einer offensichtlichen Gefahr erscheint besonders unverständlich, wenn man sich den Beinahe-Unglücksfall im Stadion Nürnberg im Herbst 2005 vor Augen führt.“

Beinahe-Unglück in Nürnberg


Hier waren wegen möglicher Schwingungen bei Open-air-Konzerten ein Teil der Tribünen Mitte der 90er-Jahre mit schwingungsreduzierenden Maßnahmen versehen worden. Auslegungskriterien waren neben der Standsicherheit der Tribünenkonstruktion insbesondere die Sicherheit der Zuschauer vor dem Hintergrund zu großer Schwingamplituden, die im schlimmsten Fall zu einer Panik führen können. Der Kurvenbereich hinter der Bühne war von diesen Maßnahmen ausgenommen - mit dem Hinweis, dass Fußballfans nicht hüpfen. Das sich in den folgenden Jahren verändernde Zuschauerverhalten hat man in Nürnberg trotz Warnhinweisen von Fußballfans ignoriert. Erst nach dem Beinahe-Unglück, bei dem sich kleinere Betonstücke von den Oberrängen lösten, wurde auch diese Tribüne entsprechend gesichert.
(idw - Ruhr-Universität Bochum, 30.11.2007 - DLO)
 
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