Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Wenn Küchenschaben verzweifeln
Forscher testen Nanobeschichtungen, auf denen Insekten keinen Halt finden
Den Tricks fleischfressender Pflanzen abgeschaut ist eine neue nanostrukturierte Oberfläche, die Wissenchaftler nun entwickelt und getestet haben. Selbst Kletterkünstler unter den Insekten wie beispielsweise Küchenschaben, finden an solchen ultraglatten Wänden keinen Halt mehr – und können sich daher nicht ausbreiten.

An den neuen Oberflächen rutscht selbst dieser Schabenfuß ab.
An den neuen Oberflächen rutscht selbst dieser Schabenfuß ab.
© Technische Universität Dresden An den neuen Oberflächen rutscht selbst dieser Schabenfuß ab.
Fleischfressende Kannen- oder Schlauchpflanzen machen es den Forschern vor: aus ihren glatten Trichtern können einmal hereingelockte Insekten nicht mehr entkommen, sie rutschen schlicht und einfach ab. Möglich macht das nicht etwa eine völlig glatte, sondern eine mikroskopisch raue Oberfläche: hier versagen nämlich die hochentwickelten Krallen- und Haftsysteme der Tiere. Christoph Neinhuis, Professor für Botanik an der TU Dresden, hat diesen Antihafteffekt, der dem "Lotus- Effekt" genannten Prinzip der Selbstreinigung von Pflanzenblättern ähnelt, nun genauer untersucht. Seine Idee: die biologisch inspirierte Antihaftoberfläche, die die Ausbreitung von Insekten, wie zum Beispiel Schaben in Wohnanlagen, verhindert.

Gemeinsam mit Stanislav Gorb vom Max- Planck-Institut für Metallforschung untersuchte Neinhuis in den letzten neun Monaten verschiedene anti-adhäsive Beschichtungen: solche, die die komplizierten Haftsysteme der Insekten durch winzige ablösbare Partikel verschmutzen und damit unbrauchbar machen, aber auch Varianten, die ihnen durch eine ganz spezielle Oberfläche einen Halt prinzipiell unmöglich machen.

Wie die Oberfläche dafür am besten beschaffen sein muss, analysierten die Wissenschaftler anhand der fleischfressenden Pflanzen. Eine Schicht aus winzigen, vielfältig und bizarr geformten Wachskristallen verleiht deren Fangtrichtern ihre verhängnisvolle Antihafteigenschaft. Solche Oberflächen versuchten die Dresdner Forscher nachzubilden, indem sie Metall- oder Polymerfolien mit verschiedenen Beschichtungen versahen, wie sie die Industrie in den neunziger Jahren für schmutzabweisende Oberflächen entwickelt hat.

Aus der Studie wurde ein abgeschlossenes Projekt. Den Forschern gelang es nicht nur, solche berflächen herzustellen, es zeigte sich zudem, dass dies nur überdies nur wenige Cent pro Quadratmeter kostet. Der Massenfertigung durch einen interessierten Industriepartner stünde demnach eigentlich nichts im Wege. In wenigen Monaten, so glaubt der Forscher, könnte eine solche Anti-Krabbel-Beschichtung bereits praktisch im Einsatz sein: Lüftungs- und andere Schachtsysteme könnte man dauerhaft unbegehbar für Insekten machen. Der raschen Verbreitung der unliebsamen Gäste innerhalb von Gebäuden wäre damit wirkungsvoll der Kampf angesagt.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Bionik, Nanotechnologie, Insekten, Oberfläche, Struktur, Schabe, Lotuseffekt, Haftstrukturen, Physik, Chemie, Technik
Weitere News zum Thema
Buckelwal macht Hubschrauber wendiger (30.01.2012)
Forscher schauten Design vom Meeresäuger ab
Schmetterlingsflügel als Vorbild für wasserabweisendes Silizium (30.12.2011)
Forscher erzeugen biologisch inspirierte Nanostruktur für elektronische Bauteile
Roboter-Spinne spürt Giftgas auf (03.11.2011)
Neuer Hightech-Helfer besitzt Antrieb nach dem Vorbild der Natur
Fleischfressende Pflanze liefert Blaupause für Antihaft-Oberfläche (22.09.2011)
Neue Beschichtung lässt selbst Öl und Blut abperlen
Origami auf der Samenkapsel (14.06.2011)
Öffnungsmechanismus von Samenbehältern der Mittagsblumen enthüllt
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Bionik
Nanotechnologie
Dossiers zum Thema
Die Gecko-„Kopierer“
Den Haft- und Klebetricks der Natur auf der Spur
Bionik
Lernen von der Natur
Glas
Ein schwer durchschaubarer Stoff
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
Wohnen der Zukunft
Was können die Häuser von morgen?
Leonardo da Vinci
Genialer Geist im falschen Jahrhundert
News des Tages
Regenwald “ergrünt” bei Dürre
Quantenzustand prägt auch “normale” Magneten
Wenn Küchenschaben verzweifeln
„Probenstaubsauger“ für das lebende Objekt
Biosprit: Algen als Alternative?
3D-Blick auf Immunzell-Hülle
Ein Rollstuhl lernt klettern
Bücher zum Thema
Bionik
Neue Technologien nach dem Vorbild der Natur von Werner Nachtigall und Kurt Blüchel
Erfindungen der Natur
- Bionik von Zdenek Cerman, Wilhelm Barthlott und Jürgen Nieder
Wissen Hoch 12
von Harald Frater und Christina Beck
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway